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Diagramm der barrierefreien Zugänge zu Arztpraxen, gegliedert nach Bezirken. Quelle: Comfort4all
 
Praxis 5. Dezember 2014

Barrierefreier Zugang für alle

Ab 1. Jänner 2016 werden alle Ordinationsbetreiber verpflichtet, die Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigungen zu beseitigen.

Die Ärztekammer empfiehlt dringend ihren Mitgliedern, ihre Ordinationen darauf abzuklopfen, wie barrierefrei diese nutzbar sind, denn aus rechtlicher Sicht ist die bauliche Barrierefreiheit ab Beginn 2016 für Organisationen und Betriebe verpflichtend – und darunter fallen auch die Arztpraxen. Eine rezente Begutachtung fiel in dieser Hinsicht katastrophal aus.

In Österreich leben rund 1,7 Millionen Menschen (20 % der Bevölkerung) mit einer oder mehreren Behinderungen, davon eine Million mit Mobilitätseinschränkungen, darunter 50.000 Rollstuhlfahrer, 0,3 Millionen mit starker Sehbeeinträchtigung, 0,2 Millionen mit psychischen/neurologischen Beeinträchtigungen und 0,2 Millionen mit starker Hörbeeinträchtigung. Dieser Personenkreis hat das Recht, ärztliche Hilfe möglichst ohne Barrieren in Anspruch zu nehmen.

Aufgrund des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes (BGStG), welches nach der Rechtsansicht des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz ebenso für Arztordinationen gilt, soll diese Forderungen zügig umgesetzt werden. „Freilich gibt es keinen Rechtsanspruch auf die Durchsetzung der Barrierefreiheit, sondern nur einen Rechtsanspruch der Patienten auf Schadenersatz“, stellt Bundesbehindertenanwalt Dr. Erwin Buchinger klar.

Was genau ist zu tun?

„Die Anforderungen an bereits bestehende Ordinationen betreffen vor allem die Herstellung eines stufenlosen Zuganges zum und ins Gebäude, in denen die Praxis angesiedelt ist, die Gestaltung der horizontalen und vertikalen Bewegungs- und Verbindungsflächen und die bauliche Gestaltung der Sanitäranlagen“, verlautet die Ärztekammer Österreich. Allerdings gibt es zahlreiche Ausnahmen, beispielsweise wenn der Abbau von Barrieren aufgrund des Denkmalschutzes verhindert wird. „In Wien gibt es die größten Probleme, weil für Umbauarbeiten der Stiegenhäuser, Toilettenanlagen sowie für Behinderten-Parkplätze nur in seltenen Ausnahmefällen neuen Bewilligungen erteilt werden“, sagt der Kammeramtsdirektor der Ärztekammer Wien, Dr. Thomas Holzgruber. So wurden Adaptierungen von bereits bestehenden Ordinationen im Karl-Marx-Hof verboten. Überdies dürfe die wirtschaftliche Komponente nicht außer Acht gelassen werden. „In der Übergangszeit gelten Investitionen bis 5.000 Euro als zumutbar, ab 2016 wird im Einzelfall zu entscheiden sein, was zumutbar ist“, erklärt Mag. Rudi Maisriml vom Österreichischen Zivilinvalidenverband (ÖZIV). Das Problem ist, dass es derzeit schwierig ist, die künftige Zumutbarkeitsgrenze abzuschätzen, weil es hierzu vom Sozialministerium keine konkreten Aussagen gibt. Als Mindestanforderung verlangt das Gesetz, Vorsorge zu treffen, dass zumindest eine maßgebliche Verbesserung der Situation im Sinne einer größtmöglichen Annäherung an eine Gleichbehandlung bewirkt wird.

Allgemeinmediziner tun sich bei der Umsetzung noch schwer

Die Barrierefreiheit wurde bei Radiologen, Internisten und Orthopäden sowie in den 70 Wiener Gruppenpraxen größtenteils umgesetzt. „Allgemeinmediziner tun sich aufgrund ihrer komplexen Patientenstruktur wesentlich schwerer“, sagt Holzgruber, und weiter: „Allgemein wäre eine längere Übergangszeit für die Ärzteschaft hilfreich, weil dann die geforderten Voraussetzungen besser beschrieben wären.“ Bei neuen Arztpraxen bzw. neu gewählten Standorten bestehen hingegen keine Unklarheiten: Sie dürfen ausschließlich in barrierenfreien bzw. barrierefrei adaptierten Räumlichkeiten eröffnet werden. Betroffene Patienten können sich online unter www.arztbarrierefrei.at über rund 9.000 Arztpraxen informieren, die bereits Angaben zur Barrierefreiheit machten. „Dies wäre an sich eine gute Idee. Die publizierten Daten weisen aber keine hohe Qualität auf und sind kaum zuverlässig“, kritisiert Maisriml.

Einige Kriterien für barrierefreie Ordinationen

Alle Eigenangaben betreffend Barrierefreiheit in den Ordinationen werden von der Ärztekammer nicht überprüft. Oft sind die Angaben sehr allgemein gehalten, wie „rollstuhlgeeignet“ oder „Aufzug vorhanden“. Abgesehen von den unzureichenden Informationen lassen die Angaben darauf schließen, dass nur Patienten mit Mobilitätseinschränkungen sowie Rollstuhlfahrer angesprochen werden und alle anderen Formen von Behinderungen unberücksichtigt bleiben. Beispielsweise benötigen Menschen mit Sehbehinderung tastbare (taktile) bzw. gut lesbare Beschilderungen oder akustische Signale. Hörbehinderten und gehörlosen Menschen den Aufenthalt wird der Praxisbesuch durch Induktionsschleifen (Verstärker für Hörgeräte) im Warteraum erleichtert. Sehr hilfreich wären Ärzte oder Mitarbeiter, die der Gebärdensprache mächtig sind. Außerdem sollte die Anmeldung für Gehörlose per E-Mail oder Fax ermöglicht werden. Bei Patienten mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten ist es empfehlenswert, die Aufenthaltsdauer in der jeweiligen Ordination so kurz wie möglich zu gestalteten.

Barrierefreiheit beginnt allerdings schon vor dem Eingang ins Gebäude, weil ein gekennzeichneter Behindertenparkplatz von mindestens 3,5 Meter Breite verlangt wird. Für Menschen, die in ihrer Mobilität beeinträchtigt sind, dürfen die Rampen beim Eingang eine maximale Neigung von sechs Prozent aufweisen (Ausnahme 10 % bei Altbauten). Klingeln oder Gegensprechanlagen sollten in einer Höhe von 85-103 Zentimeter angebracht werden. Die Eingangstür der Praxis muss eine Durchgangsbreite von mindestens 90 und eine Höhe von 200 Zentimeter aufweisen, jede weitere Türe muss eine Breite von mindestens 80 Zentimeter haben. Aufzüge sollten stufenlos erreichbar sein, die Kabine eine Größe von mindestens 140 Zentimeter Tiefe und 110 Zentimeter Breite besitzen, die Lifttür mindestens 90 Zentimeter breit sein. Die Sanitärräume müssen für einen Rollstuhlfahrer eine Bewegungsfreiheit von mindestens 150 Zentimeter Durchmesser haben. Die WC-Sitze in einer Höhe von 46 und einer Tiefe von mindestens 65 Zentimeter angebracht sein.

Zusätzlich sind Haltegriffe anzubringen, und das Waschbecken ist in einer Höhe von 80 bis 85 Zentimeter zu befestigen. Allgemein gilt für die gesamte Praxis, dass in Notfällen optische als auch akustische Alarmsignale ausgelöst werden müssen.

Barrierefreie Arztpraxen in Wien

Eine Studie der Firma Comfort4all, die zwischen Mai und Juni 2014 erhoben wurde, zeigt, dass in Wien das Thema Barrierefreiheit ein Stiefmütterchen-Dasein fristet. Insgesamt wurden 98 Arztpraxen in den Bezirken 12, 13, 15 und 23 analysiert und ein strenger Blick auf den Ist-Zustand geworfen. Basis für die Auswahl lieferten Herold-Daten von allgemeinmedizinischen Praxen sowie von Orthopäden mit Kassenverträgen. Das Gesamtergebnis über alle vier Bezirke hinweg zeigte, dass nur 31 Prozent der untersuchten Praxen barrierefrei ausgestattet waren. Den geringsten Anteil gab es in Hietzing (19%) den höchsten mit 35 Prozent im 15. Bezirk (siehe Abbildung S.35). Die Tester untersuchten auf Grundlage der ÖNORM B 1600 die Zugänglichkeit während der Öffnungszeiten und die Anzahl der barrierefreien Parkplätze.

„Behinderte wollen kein Mitleid, dachte der Jogger und hielt nicht an, um dem Menschen im Rollstuhl die Tür aufzuhalten“. Das Zitat der österreichischen Schriftstellerin Christine Nöstlinger verdeutlicht die schwierige Situation der Menschen mit Behinderung und den Umgang mit ihnen in unserer Gesellschaft.

 

 

Kasten:

Vorsicht bei diskriminierender Sprache

Prinzipiell sollte die Behinderung eines Patienten nur dann erwähnt werden, wenn sie relevant ist. Formulierungen wie Behinderter, Blinder u.ä. reduzieren eine Persönlichkeit auf ihr „Defizit“.

Am häufigsten werden folgende diskriminierenden Floskeln verwendet:

• Die Phrase „an den Rollstuhl gefesselt“ impliziert auch eine Einschränkung der geistigen Mobilität. Es kann jemand einfach „Rollstuhlfahrer“ oder „auf den Gebrauch eines Rollstuhls angewiesen“ sein.

• Menschen mit Down-Syndrom werden häufig als „mongoloid“ bezeichnet. Dieser Begriff stammt aus dem Dritten Reich und diente der Deklaration der Minderwertigkeit.

• Es gibt „taubes Gestein“, „taube Fingerspitzen“, jedoch keine tauben/taubstummen Menschen.

• Gehörlose Menschen sind in den seltensten Fällen auch stumm, sondern hatten keine Sprachentwicklung. Der Begriff der „Taubheit“ bedeutet zugleich Insensibilität.

• Kleinwüchsige Personen werden fallweise immer noch als „Liliputaner“ bezeichnet, der Begriff stammt jedoch aus der Jahrmarktsprache. Die Anerkennung als ernstzunehmende Persönlichkeit wird durch diese Formulierung verhindert.

• Und nicht zuletzt: Auch Phrasen wie etwa „dafür sind manche genauso geeignet wie ein Einbeiniger für einen Marathon“ sind abwertend und lassen sich mit Sicherheit durch andere Sprachbilder ersetzen. Analoge Beispiele gibt es leider noch immer zuhauf.

Michael Strausz, Ärzte Woche 50/2014

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