zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 11. Juli 2005

Alter Arzt– guter Arzt?

Einem sehr erfahrenen Arzt wird gern mehr Können zugetraut als jüngeren Kollegen. Oft zu Unrecht, wie eine aktuelle Untersuchung zeigt.

Bringt langjährige Berufstätigkeit Kenntnisse und Handfertigkeiten, die zu besseren Leistungen führen? Oder ist der Fortschritt so rasant, dass das Ausgangswissen rasch veraltet? Diese kritische Fragestellung wurde von M. Karmo et al., Birmingham Heartlands Hospital, Großbritannien, untersucht und führte zu ernüchternden Ergebnissen.

Analyse inkludierte Fachärzte und Allgemeinmediziner

Die englischsprachige Fachliteratur zwischen 1971 und 2004 wurde systematisch auf Publikationen durchsucht, die vier Kriterien, nämlich Kenntnisse, die Befolgung von diagnostischen und therapeutischen Standards sowie Behandlungsergebnisse, gemessen und mit Jahren nach dem Examen, nach der Approbation oder dem Alter der Ärzte verknüpft haben. In die Analyse gingen Ärzte verschiedener Fachrichtungen vom Allgemeinmediziner über den Pädiater und Gynäkologen bis zum Chirurgen ein. Aus den 62 Studien ergab sich folgendes Bild: 32-mal (52 Prozent) korrelierte Erfahrung beziehungsweise Alter der Ärzte mit der ärztlichen Leistung nach allen vier Kriterien eindeutig negativ, nur einmal (zwei Prozent) positiv. Nach einigen, aber nicht allen Kriterien war in 13 (21 Prozent) Studien die Beziehung negativ, in einer (zwei Prozent) positiv. Keinerlei Zusammenhang fand sich in 13 (21 Prozent) Studien. Eine so genannte konkave Korrelation, das heißt anfangs Zunahme und später wieder Abnahme der Leistungskriterien mit der Dauer der Berufserfahrung, ergab sich aus zwei Studien (drei Prozent). Ein Einzelbeispiel aus 62 Studien: Die Mortalität von 39.007 Patienten mit akutem Herzinfarkt stieg um jährlich 0,5 Prozent seit den Examina der 4.546 behandelnden Kardiologen, Internisten und Allgemeinärzte.

Studienergebnisse als ­„Weckruf“

Die vorliegende Untersuchung zeigt in 70 Prozent der Studien eine negative Korrelation zwischen Erfahrung beziehungsweise Alter der Ärzte einerseits und Wissen sowie Leistung andererseits. Die Regeln „Praxis macht perfekt“ und „Übung macht den Meister“ mögen zwar für gewisse Kriterien und Sparten zutreffen. Im Gesamttrend nehmen aber Wissen und Leistung von Ärzten mit der Dauer der Berufsausübung ab. Das Ergebnis erscheint paradox, denn es widerspricht der allgemeinen Annahme, dass ärztliche Erfahrung Wissen und Handfertigkeiten erhöht und zu besserer Patientenbetreuung führt. Zwei Kommentatoren der amerikanischen Standesorganisation nennen diese Studie einen „Weckruf“, denn sie wirft brisante Fragen auf: Könnte es sein, dass das initial hohe Ausbildungsniveau aufgrund der rasanten Entwicklung in der Medizin und mangels Zeit für die Fortbildung nicht mehr gehalten werden kann? Muss das Konzept der ärztlichen Fortbildung überdacht werden? Ist eine regelmäßige Rezertifizierung von Approbation und Facharztanerkennung notwendig?

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben