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© Jürgen Stoschek
Hausarzt Dr. Jörg Schelling betreibt ein modernes Impfmanagement samt Spezialkühlschränken in seiner Praxis.
 
Praxis 6. Oktober 2014

Impfen mit System

Wie Hausärzte mit einer Impfmanagement-Software die Impfquoten steigern können.

Vor acht Jahren hat eine deutsche Gemeinschaftspraxis ein computerbasiertes Impfmanagement eingeführt. Mit Erfolg: Die Durchimpfungsraten stiegen deutlich an. Zudem erleichtert das Programm die Arbeit „kolossal“, so der Praxischef.

Bei der Steigerung der Impfquoten spielen Hausärzte und Kinderärzte die wichtigste Rolle, meint der Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Jörg Schelling aus Martinsried bei München. Zwar gebe es unzählige Aktionen, Kampagnen und Initiativen, um die Bereitschaft zum Impfen in der Bevölkerung zu erhöhen. Wenn es jedoch drauf ankommt, liege die Hauptlast des Impfens nach wie vor beim Hausarzt oder beim Kinderarzt, betont Schelling.

Vor bald acht Jahren hat die Gemeinschaftspraxis Martinsried ein modernes Impfmanagement eingeführt, das nach anfänglich zähem Start rasch zu einer deutlichen und messbaren Steigerung der Impfquoten geführt hat. Dabei setzt die Praxis die Software Impf-doc® ein, das vom Institut für medizinische Information in Berlin entwickelt wurde.

Mit seiner softwaregestützten Umsetzung des Impfmanagements hat sich Schelling 2013 am Wettbewerb „Die innovative Arztpraxis“ beteiligt, der jährlich von der Fachverlagsgruppe Springer Medizin und vom Biopharmaunternehmen UCB initiiert wird. Schelling war dabei in der Top Ten unter den Bewerbern.

Impf-Programm denkt mit

Die Software integriert sich in die Praxis-EDV, sodass über eine Schnittstelle Patienten- und impfrelevante Daten ausgetauscht werden. „Mit einem Klick kann man sofort den momentanen Impfstatus eines Patienten aufrufen und sehen, welche Impfungen aktuell und in naher Zukunft fällig sind“, erklärt Schelling. Zusätzlich wird der Impfstatus durch eine Ampelsymbolik dargestellt. Berücksichtigt werden von dem Programm nicht nur Alter und Geschlecht des Patienten, sondern auch seine Vorerkrankungen und Dauerdiagnosen. Bei einem Patienten beispielsweise mit Splenektomie würde die Software zusätzlich zu den allgemeinen Empfehlungen weitere Impfungen in den Impfplan aufnehmen.

Impfpass reproduzierbar

Natürlich muss der Arzt die aktuellen Impfempfehlungen kennen, um die notwendigen Vorschläge der Software überprüfen zu können, räumt Schelling ein. „Mit seinen Empfehlungen für Impfungen und Impfabständen erleichtert uns das Programm jedoch das Impfmanagement kolossal“, sagt er. Fehl- oder Überimpfungen seien so vermeidbar. Zudem beinhaltet die Software eine Serienbrieffunktion, sodass die Patienten regelmäßig per Post an ihre Impfungen erinnert werden können.

Ein weiterer Vorteil: Ein verloren gegangener Impfpass kann jederzeit lückenlos rekonstruiert werden.

Dass es mit der Einführung des Impfmanagements zu einer deutlichen Steigerung der Durchimpfungsraten kam, war nicht zuletzt auch an den Umsätzen extrabudgetärer Leistungen und in den Quartalsabrechnungen der KV ablesbar.

Schelling wollte es jedoch genauer wissen. In seiner Eigenschaft als Leiter des Forschungsbereichs Allgemeinmedizin der Universität München nahm er Kontakt mit dem Institut für medizinische Information in Berlin auf, um eine Studie mit Hausarztpraxen auf den Weg zu bringen, die bis dahin noch nicht mit der Software gearbeitet hatten.

In der Studie wurden von Oktober 2010 bis September 2011 mithilfe des Programms erstmals Impfdaten aus 110 Arztpraxen in ganz Deutschland in anonymisierter Form erhoben, um die Durchimpfungsraten am Beispiel von Masern, Pertussis und Influenza vor und nach Einführung von Impf-doc® zu vergleichen.

Analysiert werden nun die Impfdaten von Frauen im gebärfähigen Alter, also von 18 bis 45 Jahren, von Männern gleichen Alters, von Frauen und Männern zwischen 45 und 60 Jahren sowie zwischen 60 bis 90 Jahren. Etwa 125.000 Patienten sind inzwischen ausgewertet. Drei Doktorarbeiten an der Universität München bearbeiten derzeit anhand der Daten spezielle Fragestellungen.

Durchimpfungsraten unter der Lupe

Erste, vorläufige Ergebnisse zeigen deutliche Steigerungen, und zwar in allen Bereichen, berichtet Schelling. Die Steigerungen seien höher, als man mit anderen Interventionen, wie Schulungen, Aktionen der Gesundheitsämter oder Fortbildungsveranstaltungen erreichen kann. So betrug die Durchimpfungsrate bei Frauen zwischen 18 und 45 Jahren bei der einmaligen Masern-Impfung vor Beginn der Studie etwa 33 Prozent und stieg nach Einführung von Impf-doc®® im ersten Jahr auf 37 Prozent an. Nach vier Jahren erreichte sie fast 48 Prozent. Die von der deutschen Ständigen Impfkommission STIKO empfohlene zweimalige Masern-Impfung hatten vorher 17 Prozent der Frauen, nach einem Jahr 21 Prozent und nach vier Jahren über 30 Prozent. Ähnliche Einwicklungen gebe es bei der TdaP-Impfung, die die STIKO seit Juli 2009 bei allen Erwachsenen einmalig empfiehlt oder bei der Influenza-Impfung, berichtet Schelling.

Um das Impfmanagement wirksam umsetzen zu können, stehen in der Praxis für die Impfstoffe zwei abschließbare Spezialkühlschränke mit einer außen sichtbaren Temperaturanzeige. Die Impfstoffverwaltung mit einem lückenlosen Nachweis der Impfstoffe einschließlich der Chargen-Nummern sowie der Verwendung läuft ebenfalls über die Praxissoftware. „So können wir auch gegenüber der KV jederzeit nachweisen, wer, wann welche Impfung bekommen hat“, erläutert Schelling.

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