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Praxis 11. Juli 2005

Ein Schicksalsschlag verändert alles

Für Patienten, die sich in einer kritischen Lebensphase befinden, kann es hilfreich sein, wenn vertraute Ärzte im Gespräch darauf eingehen. Durch gezielte Fragestellungen sollen Ressourcen wahrgenommen und aktiviert werden. Zusätzlich können nachteilig wirkende Stressoren identifiziert und somit möglicherweise ausgeschaltet werden.

„Jeder Mensch durchlebt im Laufe seines Lebens Krisen und greift auf unterschiedliche innere Landkarten zurück, um diese zu bewältigen“, relativiert Dr. Barbara Hasiba, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin in Birkfeld, den Umgang mit kritischen Lebenssituationen. „Für uns in der Rolle als Ärzte setzt dies Wissen um Abläufe und Phänomene sowie die daraus sich ergebenden Notwendigkeiten und Handlungen genauso voraus wie die Wahrnehmung der besonderen Bedürfnisse unserer Patienten in der für sie und durch sie einmaligen Situa­tion.“ Wissen um die soziale Einbettung der Patienten und um die Vernetztheit im medizinisch-sozialen Bereich seien genauso gefragt wie die Kenntnis der eigenen Kompetenz und Begrenztheit.

Individuelle Stressreaktionen

„Nicht für jeden wird ein Schicksalsschlag zum Trauma“, resümierte Hasiba in ihrem Vortrag beim 35. Kongress für Allgemeinmedizin Ende November in Graz. „Nicht jeder benötigt in Krisensituationen professionelle Hilfe, in jedem Fall aber Solidarität und Hilfestellung aus seinem Umfeld.“ Dies gelte vor allem für die Übergangsphase, in der Menschen in besonderer Weise emotional höchst verletzlich und gefährdet seien. Die Anforderungen an Betroffene sind hoch. Einerseits muss Erlebtes in die Biographie integriert, andererseits Neues gewagt werden – trotz Erschütterung des Selbst-, des Menschen- oder Weltbildes. Der Sozialpsychologe Martin Seligmann nennt diesen Verlust von Verstehen „erlernte Hilflosigkeit“. Der Umgang mit kritischen Lebensereignissen verknüpft sich demnach mit dem Lebenszyklus, dem Paar- und Familienzyklus, er berücksichtigt das soziale Umfeld sowie individuelle Bearbeitungs- und Bewältigungsstrategien. „Die Lebenszyklusforschung unterscheidet vorhersehbare und nicht vorhersehbare kritische Lebensereignisse“, erklärt Hasiba (siehe Tabelle). „Unterschiedlich ist auch der Umgang damit, entsprechend sind unterschiedliche Bewältigungsstrategien gefordert.“

Basale Stabilität stärkt

Je nachdem gebe es normative und nicht normative Lebensübergänge. Übergänge von Familienkonstellationen sind durch Erweiterung oder Verkleinerung geprägt, die für sich bereits der Reorganisation bedürfen. So kann ein kritisches Lebensereignis in einer Phase von Stabilität im Familienzyklus besser bewältigt werden. „Es erklärt aber auch, wieso das zeitliche Zusammentreffen normativer Übergänge mit unvorhersehbaren Lebensereignissen besonders achtsamen Umgang braucht“, betont die Psychotherapeutin. Lebens- und Familienzyklus finde in der so genannten Lebenswelt statt, die soziale Faktoren wie Geld, Arbeit, Freunde, Wohnung, das Land und die politischen Gegebenheiten meint und die spirituelle Dimension mit umfasst.„Hilfreich für die Patienten ist, wenn wir als Ärzte ihnen dazu Fragen stellen“, regt Hasiba an. „Diese Fragen können die Patienten dahingehend unterstützen, dass sie herausfinden, was in ihrer Lebenswelt Stressoren und was Ressourcen bei der Bewältigung sind – sie stellen eine Vernetzung her.“ Solche Fragen können sein: Sind Sie verheiratet? Wie geht es mit den Kindern? Haben Sie schon mit Ihrem Mann über Ihre Erkrankung gesprochen? Was macht Ihnen Stress wegen der Krankheit Ihres Mannes? Fragen nach außerfamiliären Ressourcen beziehungsweise nach Freunden erweitern den Fokus, denn die positive beziehungsweise fehlende soziale Unterstützung nach einem krisenhaften Ereignis ist von wesentlicher Bedeutung.„Als zusätzlicher Stressfaktor kann die gesellschaftliche Bewertung eines Ereignisses wirken“, berichtet Hasiba. So sei die Reaktion des Umfeldes bei Bekanntwerden sexuellen Missbrauchs anders als beim Tod eines Partners durch einen Arbeitsunfall. „Auch die Bedeutung, die wir als Ärzte dem Ereignis geben, wird die Beziehung mitgestalten“, gibt Hasiba zu bedenken.

Aus heiterem Himmel

Unerwartete kritische Lebensereignisse treten plötzlich auf, sorgen manchmal für einen Bruch oder eine Kluft im Leben. Hasiba: „Sie konfrontieren uns mit unserer Begrenztheit, erzeugen selbstverständlich Chaos, tiefste Verun­sicherung und Angst – und das kann nicht sofort in eine neue Ordnung übergeleitet werden.“ Sie seien mit Stress verbunden, würden als bedrohlich erlebt, stellen Werthaltung und Lebensentwürfe in Frage.„Wir nehmen Menschen in ihrem Schock wahr: Sie haben Angst, fühlen sich vorübergehend oft orientierungslos, brauchen neuen Mut und Standfestigkeit für das Wagnis des Überganges. Wir Ärzte sind es, die ihnen emotionale Stabilität vermitteln können, indem wir uns für sie zuständig fühlen und uns daran orientieren, was sie im Moment gerade ganz besonders bewegt“, legt die Allgemeinmedizinerin der Kollegenschaft nahe.

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