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Praxis 15. Juli 2014

Pensionskonto NEU ruft alte Ängste hervor

Briefe mit Kontoerstgutschriften sollen die Empfänger für Vorsorgemodelle sensibilisieren.

Einige bezeichnen die Diskussion rund um das Pensionskonto als Panikmache, die Banken empfehlen ihren Kunden allerdings umsichtig zu sein und ihre Vorsorgeprodukte nach oben anzupassen.

Seit 2. Juni 2014 flattern täglich 30.000 Österreichern, die ab dem 1. Jänner 1955 geboren sind, eine Mitteilung ihres zuständigen Pensionsversicherungsträgers über die aktuelle Höhe ihrer Gutschrift im Pensionskonto ins Haus. „Keine Panik, wenn die Kontoerstgutschrift der Pensionsversicherungsanstalt auf den ersten Blick ein wenig dürftig wirkt“, beruhigt Arbeiterkammer-Präsident Johann Kallisauer, aber bei den Kontoerstgutschriften handle es sich um eine Momentaufnahme, die tatsächlich zu erwartende Pension sei in der Regel höher. Je weiter der Versicherte vom Pensionsantrittsalter entfernt ist, desto mehr werde die Pension anwachsen.

Die Kontogutschrift wird aus allen Versicherungszeiten und Beitragsgrundlagen errechnet, die bis 31.12. 2013 in der gesetzlichen Pensionsversicherung erworben wurden. Die Kontoerstgutschrift geteilt durch 14 ergibt den aktuellen, bisher erworbenen monatlichen Brutto-Pensionswert zum Regelpensionsalter (dzt. 65 Jahre). Von der Bruttopension müssen noch Krankenversicherungsbeiträge, Lohnsteuer und eventuell Abschläge wie Solidaritätsbeiträge oder Angehörigenbeiträge zur Krankenversicherung abgezogen werden. Die Berechnung der zu erwartenden Pensionshöhe kann auch über den Pensionskontenrechner (www.neuespensionskonto.at) durchgeführt werden. Für alle vor 1955 Geborenen ändert sich in der Pensionsberechnung nichts, weshalb sie auch keine Zusendung erhalten. Alle die nach dem Jahr 2005 ins Berufsleben eingestiegen sind, bekommen wahrscheinlich zu Jahreswechsel eine Mitteilung über ihre Pensionsansprüche.

Pensionslücke größer als erwartet

Aus der Höhe der Differenz zwischen letzten Aktiveinkommen und staatlicher Pensionsleistung lässt sich die persönliche Pensionslücke errechnen. Bisher war sie eine nicht greifbare Größe, die für den Einzelnen erst weit in der Zukunft bedeutend wird. Durch das Pensionskonto NEU kann jeder Versicherte schwarz auf weiß sehen, welcher Betrag aus der staatlichen Pension im Alter zur Verfügung stehen wird. Daher ist es jetzt an der Zeit, rechtzeitig vorzusorgen. Laut einer Online-Befragung des Meinungsforschungsinstituts GfK Austria im Auftrag der Sparkassen Versicherung schätzen die 1.000 Befragten ihre eigene Pensionslücke auf rund 600 Euro. Bei der vor drei Jahren durchgeführten Erhebung betrug die Schätzung der Pensionslücke 550 Euro. Gleichzeitig hat sich der Wissensstand der Bevölkerung über den Begriff des „Pensionslochs“ von 37 auf 48 Prozent verbessert.

Besser informiert

„Die Österreicher sind heute über das Thema Pensionslücke weitaus besser informiert als noch vor drei Jahren“, sagt Heinz Schuster, Vorstandsvorsitzender der Sparkassen Versicherung. Dennoch können 22 Prozent ihre zu erwartende Pensionslücke nicht im Mindesten einschätzen. Es gibt somit einen massiven Aufklärungsbedarf, insbesondere weil aufgrund der demografischen Entwicklung die ergänzende private Altersvorsorge bei jungen Menschen an Relevanz gewinnen wird. Tatsächlich hat jeder zweite unter 29-Jährige noch nichts vom Pensionskonto NEU gehört, nur 18 Prozent wissen im Detail, was damit gemeint ist. Bei einer weiteren aktuellen Online-Befragung des Meinungsforschungsinstituts Marktagent.com (1.011 Personen) bezifferten die Studienteilnehmer zwischen 21 und 50 Jahren die Differenz zwischen Letzteinkommen und Pension mit 20 Prozent. Tatsächlich dürfte die Lücke deutlich höher ausfallen: „Ich gehe davon aus, dass sich die Pensionslücke im Schnitt zwischen 30 und 40 Prozent bewegen wird“, rechnet UNIQA-Vorstand Franz Meingast vor. Vor allem für jene Menschen, die Teilzeit arbeiten oder über eine längere Periode arbeitslos waren, werde sie deutlich höher ausfallen als bislang angenommen. „Bei vielen Personen wird das Online-Pensionskonto zu einem Aha-Effekt und zu einem größeren Bewusstsein für die private Vorsorge führen“, ergänzt Meingast. Insgesamt, so sagt er, erhöhe sich aufgrund des neuen Pensionskontos bei mehr Versicherten die Einschätzung über die Bedeutung der betrieblichen und privaten Vorsorge. Laut UNIQA-Studie wollen 77 Prozent der Österreicher die Möglichkeit nützen und sich ihre Kontoerstgutschrift ansehen.

Österreicher überdenken ihr Vorsorgeverhalten

Derzeit legen die Österreicher durchschnittlich 154 Euro für ihre Altersvorsorge monatlich auf die hohe Kante. Ein Plus von 30 Euro im Vergleich zur Befragung im Jahr 2011, fast 20 Prozent zahlen bereits jetzt mehr als 200 Euro im Monat ein. Nicht zuletzt aufgrund des Pensionskontos NEU zeigt sich eine erhöhte Bereitschaft, bis zu 40 Euro mehr in die monatliche Altersvorsorge zu investieren. Fast jeder Zweite gibt an, er würde sein Vorsorgeverhalten verändern, sollten die Berechnungen eine höhere Pensionslücke ergeben als ursprünglich angenommen. Geschlechtsbezogen zeigt sich, dass Männer durchschnittlich monatlich um 20 Euro mehr sparen als Frauen, und darüber hinaus ihr zusätzliches Vorsorgepotenzial mit 50 Euro einschätzen. Insgesamt zögern noch 46 Prozent der Befragten tatsächlich mehr vorzusorgen, obwohl sie monatlich tatsächlich 196 Euro investieren könnten. Von den 455 Befragten (47%), die sich mehr leisten könnten, stellt das derzeit herrschende Niedrigzinsniveau die höchste Barriere für eine finanzielle Aufstockung der Altersvorsorge dar. 30 Prozent geben ihr Geld lieber jetzt aus, beziehungsweise unterstützt die eigenen Kinder (25%). Allgemein sorgt sich jeder Zweite um seine finanzielle Sicherheit im Alter. Auch beim Thema Gesundheit rechnen 38 Prozent der Befragten mit steigenden Problemen, gefolgt von der Situation am Arbeitsplatz (31%).

Geringes Risiko als Entscheidungsgrundlage

Insgesamt hat die „Finanzielle Vorsorge“ für vier von fünf Österreichern eine sehr große Bedeutung, wobei Frauen mit 83 Prozent höhere Werte aufweisen als Männer (79%). In puncto Veranlagung bevorzugen die Befragten nach wie vor sichere Häfen: Mehr als die Hälfte wollen beim Anlageverhalten kein bzw. nur geringes Risiko eingehen. Für 45 Prozent ist es wichtig, dass ihr Geld jederzeit frei verfügbar ist. Für jeden Vierten sind hohe Zinsen oder Renditen das wichtigste Vorsorgekriterium. Während für jede zweite Frau gute Beratung für ihr Veranlagungsverhalten ausschlaggebend ist, gilt für 47 Prozent der Männer eine Garantie auf das eingezahlte Kapital als wesentlicher Faktor für die Veranlagungsentscheidung. Als bevorzugtes Produkt für die Altersvorsorge bezeichnen die Befragten Immobilienbesitz (32%). Auf den Plätzen der beliebtesten Vorsorgeprodukte folgen die private Pensionsversicherung (14%), die staatlich geförderte Pensionsvorsorge (11%) und die klassische Lebensversicherung mit acht Prozent. Tatsächlich vertrauen die Österreicher nach wie vor auf das traditionelle Sparbuch, das für 72 Prozent das beliebteste Sparprodukt ist.

Betriebliche Altersvorsorge als wertvolle Ergänzung

Eine Untersuchung des Gallup-Instituts unter heimischen Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern ergab, dass fast 75 Prozent in der betrieblichen Altersvorsorge eine wichtige Ergänzung zur staatlichen und privaten Pensionsvorsorge sehen. Besonderen Stellenwert räumen die Experten der zweiten Säule als Teil des Entlohungssystems bei Leistungsträgern eines Unternehmens (68%) sowie als ideale Belohnungsmöglichkeit für Geschäftsführer, leitende Angestellte und Mitarbeitern ein. 62 Prozent betrachten die betriebliche Vorsorge als Modell, das Arbeitgeber und Arbeitnehmer bevorzugt.

Jenen Kunden, die persönlich vorsorgen wollen und die im betrieblichen Bereich die Möglichkeit haben, empfehlen zwei Drittel der Befragten eine betriebliche und ein Drittel eine private Vorsorge. Was die steuerlichen Vorteile betrieblicher Vorsorgemodelle anbelangt, besteht allerdings noch viel Informationsbedarf. Insbesondere die Aspekte der steuerfreien Beitragszahlungen und der nachgelagerten Besteuerung, erst wenn die Leistung erfolgt (Stichwort EET-Prinzip), sind noch viel zu wenig bekannt.

Michael Strausz, Ärzte Woche 28/2014

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