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Wer die bunten Märkte Asiens durchschaut, kann durchaus Kapital daraus schlagen.
© Schoellerbank

Bernhard Spittaler Fondsmanager Schoellerbank

 
Praxis 16. Juni 2014

Vom Highflyer zum Buhmann. Und wieder zurück

Chancen und Risiken in den Schwellenländern: Nach einem zehnjährigen Aufschwung kam der Motor zuletzt ins Stottern. Laut Experten ist aber Besserung in Sicht.

Mit den wirtschaftlichen Zugpferden innerhalb bestimmter Schwellenländer ließ sich einst gutes Geld verdienen. Danach kamen Schwierigkeiten auf und die Attraktivität der Aktien aus Indien, Thailand und Co. ließ deutlich nach. Dabei lohnt auch heute noch ein genauer Blick auf diese exotischen Märkte.

Emerging-Markets (Schwellenländer)-Aktien sind eine Asset-Klasse, die in der Vergangenheit oftmals erhöhten Wertschwankungen ausgesetzt war. „Aufgrund der ausgezeichneten Entwicklung bis Mitte 2011 traten diese beachtlichen Risiken für so manchen Anleger etwas in den Hintergrund“, erklärt Bernhard Spittaler, Fondsmanager der Schoellerbank in seinem jüngsten Analysebrief. Der Blick in den Rückspiegel zeige deutlich, wie gut sich Schwellenländer-Aktien in den letzten zehn Jahren entwickelt haben. Dabei fiel die Wertsteigerung des MSCI-Emerging-Markets-Index mit fast plus zehn Prozent pro Jahr deutlich höher aus, als in den entwickelten Märkten, mit rund 6,75 Prozent. Hohe Wachstumsraten gepaart mit üppigen Nettomittelzuflüssen sorgten für gute Stimmung und gehörigen Rückenwind.

Emerging-Markets-Zug geriet zuletzt ins Stocken

Allerdings kam der Emerging-Markets (EM)-Zug im Anschluss gehörig ins Wanken. „Über einen Beobachtungszeitraum von drei Jahren notiert der Markt nunmehr sogar leicht im negativen Terrain, während der MSCI-World-Index im selben Zeitraum um knapp zehn Prozent jährlich zulegte“, so Spittaler. Die Gründe dafür: Die Abschwächung der Wachstumsraten in China, die suboptimalen, politischen Rahmenbedingungen in Russland, der Türkei bzw. Thailand und die schwächelnden Wirtschaftsdaten in Brasilien. Darüber hinaus kündigte die US-Notenbank FED im vergangenen Sommer ein allmähliches Zurückfahren ihres Anleiheankaufsprogramms (Quantitative Easing) an. Viele Marktteilnehmer sahen sich in der Folge zu einer Reduzierung ihrer Schwellenländer-Aktienpositionen veranlasst ( minus 30 Mrd. US-Dollar im Vorjahr). Nachdem der Ausverkauf bereits im vergangenen Sommer erfolgte, haben diejenigen Anleger, die verkaufen wollten, die Region längst verlassen. Vor allem habe sich deutlich gezeigt, dass die EM-Börsen immer noch stark von westlichen Geldflüssen abhängig sind. „Kommen Auslandsinvestitionen ins Stocken, so hat dies deutlich negative Auswirkungen auf deren Entwicklung“, analysiert Spittaler.

Vergleich mit den 1990er Jahren

Generell betrachtet leiden zahlreiche Schwellenländer seit 2007 unter Problemen mit ihren Leistungsbilanzen. Speziell jene Staaten ohne oder mit geringen Rohstoffexporten verzeichnen deutliche Defizite. Dazu gehören beispielsweise die Türkei, Indonesien und Indien. Dies beschränke naturgemäß den wirtschaftlichen Handlungsspielraum und führe darüber hinaus zu einer stärkeren Abhängigkeit gegenüber der Weltwirtschaft. So ist Indien stark vom globalen Ölpreis abhängig, da das Land trotz eigener Produktion per saldo erheblichen Importbedarf aufweist. Durch die großen Kapitalabflüsse verloren die Währungen der oben genannten Staaten gegenüber dem US-Dollar erheblich an Wert. Die Abwertung führte zu einem weiteren Problem: Importe verteuern sich und Länder, die davon abhängig sind, geraten unter zusätzlichen Druck. Daraus könne sich eine gefährliche Abwärtsspirale entwickeln. Um dieser gegenzusteuern, haben zahlreiche Länder teilweise massive Leitzinserhöhungen durchgeführt (Türkei: 10%, Brasilien: 10,75% sowie Indonesien und Indien um die sieben Prozent). Auch dies ist mit negativen Folgen behaftet. Vorsicht ist insbesondere bei jenen Ländern geboten, die ein Leistungsbilanz- und Haushaltsdefizit („Zwillingsdefizit“) aufweisen. 2013 waren davon neben der Türkei auch Südafrika und Indien betroffen. Daher sind Investoren gegenüber diesen Ländern besonders zurückhaltend.

Nicht mehr so krisenanfällig

„Dennoch ist die aktuelle Situation nicht mit der Asienkrise der 1990iger Jahre vergleichbar. Damals waren nicht nur die Leistungsbilanzen wesentlich schlechter, sondern es herrschte auch das starre Wechselkurs-Regime mit einer zu geringen Deckung durch Devisenreserven“, betont Spittaler. 1997 hob Thailand die Kopplung des Baht an den US-Dollar auf. In Folge gab die Währung um fast 20 Prozent nach und löste eine massive Kapitalflucht aus. Die Auswirkungen waren auch in Südkorea, Singapur, den Philippinen, Malaysia und Indonesien spürbar. Der Wachstumsprozess der EM wurde und wird großteils von einer regen Exportwirtschaft befeuert. Zahlreiche Schwellenländer wurden von Kapitalnehmern zu Kapitalgebern. Verfügten die aufstrebenden Staaten Mitte der 1990er-Jahre lediglich über 30 Prozent der globalen Devisenreserven, so sind es aktuell knapp 70 Prozent. Damit hat sich der Puffer enorm ausgeweitet, wodurch in wirtschaftlich schwächeren Zeiten, viele Staaten heute deutlich krisenresistenter geworden sind.

Asien hat das größte Potenzial

Derzeit scheinen die asiatischen Aktienbörsen aus Sicht der Schoellerbank hochinteressant zu sein. Viele negativen Entwicklungsszenarien dürften in den aktuellen Aktienkursen bereits eingepreist sein. Ein Blick auf die Bewertungen zeigt erhebliches Potenzial. Der Markt in Hongkong notiert aktuell beispielsweise bei einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von rund zehn (Schätzung für 2014). Das ist wesentlich günstiger als der Durchschnitt der entwickelten Märkte. (EuroStoxx 50: 13,5 und S&P: 15,8). Auch im historischen Vergleich gelten die aktuellen Bewertungsniveaus als äußerst attraktiv.

Ende des billigen Geldes

„Mittelfristig wird die Entwicklung der Schwellenländer unter anderem davon abhängen, wie sich die einzelnen Staaten auf die steigenden Zinsen in den Industrieländern und ein allmähliches Ende des billigen Geldes einstellen werden“, sagt Spittaler. In erster Linie werde es darauf ankommen, sich für ausländische Investoren attraktiv zu präsentieren. Höhere Zinsen auf Veranlagungen in Lokalwährung könnten ein Anfang sein. Diese Vorgehensweise würde aufgrund der zu erwartenden Mittelzuflüssen die Leistungsbilanz stärken, könnte andererseits das Wirtschaftswachstum hemmen. Noch wichtiger werden allerdings die Strukturreformen sein, um langfristig konkurrenzfähig zu werden. Einige positive Ansätze sind beispielsweise in China zu beobachten, das tief greifenden Reformen ankündigt, um das Land exportunabhängiger zu machen. Weiters sei zu erwarten, dass die chinesische Währung Renminbi an Relevanz gewinnen wird und mittel- bis langfristig zu einer globalen Reservewährung aufsteigen könnte. Spittaler: „Unbestritten scheint die Tatsache, dass sich die globale Zusammensetzung des BIP in Richtung Schwellenländer – von aktuell 27 bis 2030 auf 44 Prozent – erhöhen dürfte, während der Beitrag der Industriestaaten von derzeit 48 auf 30 Prozent zurückgehen könnte.“

Fazit der Schoellerbank-Analyse

Tatsache ist, dass die EM im Welthandel mittlerweile eine wichtige Rolle spielen. Zwar stellen in globalen Aktienindizes wie dem MSCI AC World nach wie vor US-Unternehmen mit einer Gewichtung von 50 Prozent den Hauptanteil, doch sollte in den nächsten Jahren eine Verschiebung zugunsten der Schwellenländer stattfinden. Zahlreiche Argumente sprechen für eine Berücksichtigung derselben im Portfolio. Der IWF prognostiziert für die EM 2014 ein Wachstum von 4,5 Prozent, was mehr als doppelt so hoch ist wie in den entwickelten Volkswirtschaften. „Sollte die wirtschaftliche Entwicklung weiter voranschreiten, sind auch an den Aktienmärkten der aufstrebenden Länder gute Ergebnisse zu erwarten. Insofern ist das Szenario durchaus realistisch, dass die EM über kurz oder lang vom Buhmann zur gefragten Assetklasse mutieren“, prognostiziert Spittaler. Dennoch sollten nur Investoren mit einem entsprechenden Fachwissen auf Einzeltitel setzen, da der Aufwand zur Informationsbeschaffung und Kenntnisse über die Firmen-Verflechtungen unabdingbar sind. Bei Investitionen über Index-Fonds oder Zertifikate muss bedacht werden, dass die Veranlagung häufig in einem nach Marktkapitalisierung gewichteten Index erfolgt. Dabei könne es zu unvorteilhaften Schwerpunkten in der Länder-bzw. Branchenallokation kommen. Aussichtsreiche Titel werden dabei genauso berücksichtigt wie vergleichsweise überteuerte Werte. „Am besten sind daher aktiv gemanagte Fonds erstklassiger Qualität für ein Investment geeignet. So waren Schwellenländer-Fonds in der Vergangenheit durchaus in der Lage, relativen Mehrwert zu erzielen“, so Spittaler.

Michael Strausz, Ärzte Woche 25/2014

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