zur Navigation zum Inhalt
© appujee / Fotolia.com

© Sparinvest

Harald Kober Fondsmanager

 

© RCB

Daniel Damaska Healthcare-Analyst

 
Praxis 20. Mai 2014

Wenn Pharmafanten heiraten …

… bleibt keine Pipeline trocken. Nach Jahren des Stillstands ist innerhalb der Pharmabranche eine beachtliche Übernahmewelle ins Rollen geraten.

In der Pharmabranche bleibt kein Stein auf dem anderen. Grund ist, dass zahlreiche Patente (z.B. Viagra®, Lipcor®) auslaufen und die Unternehmen nach günstigem Ersatz suchen müssen, um die Umsatzrückgänge halbwegs auszugleichen. Eine Möglichkeit ist, Unternehmen mit erfolgsversprechender Pipeline oder Generika-Produzenten zu übernehmen.

Der US-Pharmakonzern Pfizer plant, die britisch-schwedische AstraZeneca um zuletzt kolportierte 106 Mrd. Dollar zu übernehmen. Durch diesen Merger würde der weltgrößte Pharmakonzern mit 80 Mrd. Dollar Umsatz und 140.000 Mitarbeitern entstehen. Das Schweizer Unternehmen Novartis bietet für den Onkologiesektor von GlaxoSmith-Kline (GSK) vergleichsweise schlanke 14 Mrd. Dollar und möchte im Gegenzug seine Impfstoffe an die Briten abgeben. Bayer soll für die Generika-Sparte von Merck & Co. ebenfalls 14 Mrd. US-Dollar bieten. Darüber hinaus plant der kanadische Pharmakonzern Valeant um 45 Mrd. Dollar den Hersteller des Antifaltenmittels Botox, Allergan zu übernehme. Allergan greift im Gegenzug nach dem britischen Spezialmedikamenten-Hersteller Shire. Außerdem möchte der US-Konzern Mylan seinen schwedischen Mitbewerber Medea schlucken und ist bereit, fast fünf Mrd. Dollar auf den Tisch zu legen. Auch der slowenische Generika-Spezialist Krka ist zuletzt in das Visier von Mylan geraten. Nach Berechnungen der Finanznachrichtenagentur Bloomberg belaufen sich die verhandelten Geschäfte allein im ersten Quartal 2014 auf fast 130 Mrd. Dollar und darin ist die Übernahme von AstraZeneca durch Pfizer noch nicht mit eingerechnet. Was die Mitarbeiter in Angst und Schrecken versetzt, freut die Aktionäre.

Die geplanten Übernahmen im Detail

Der deutsche Mischkonzern Bayer – mit den Marken Aspirin®, dem Magenmittel Rennie® und Alka Seltzer® ein großer Player auf dem Pharmasektor – ist bereit, 14,2 Mrd. Dollar in die Hand zu nehmen, um sich das Consumer-Care-Geschäft (CC) von Merck & Co. einzuverleiben. Das CC-Geschäft von Merck umfasst führende Marken wie das Allergiemedikament Claritin®, Coppertone-Sonnencreme® und Dr. Scholl´s® Fußpflegeprodukte. Damit würde Bayer zum OTC-Marktführer in Nord- und Lateinamerika aufsteigen und zum weltweit zweitgrößten Anbieter hinter dem US-Konzern Johnson & Johnson. „Diese Akquisition ist ein Meilenstein auf unserem Weg zur globalen Marktführerschaft im attraktiven Geschäft der rezeptfreien Arzneimittel“, erklärt der Bayer-Vorstandsvorsitzende Dr. Marijn Dekkers und ergänzt: „Zugleich stärken wir unsere Entwicklungsmöglichkeiten im Geschäftsfeld der Herz-Kreislauf-Therapien.“ So wurde mit Merck ebenfalls eine weltweite Entwicklungs- und Vermarktungskooperation auf dem Gebiet der Modulation von löslicher Guanylat-Zyklase (sGC) vereinbart. Die Kooperation beinhaltet auch die Übernahme der Führungsrolle bei der Vermarktung von Adempas® (Riociguat) zur Behandlung bei chronisch-thromboembolischer pulmonaler Hypertonie (CTEPH) und bei pulmonal-arterieller Hypertonie (PAH). Hierfür wird Bayer von Merck & Co. eine Vorauszahlung von einer Milliarde Dollar sowie erhebliche umsatzabhängige Zahlungen erhalten. Durch die erhöhte Vertriebskraft sowie der Nutzung der globalen Infrastruktur und Einsparungen bei Produktion und Marketing sollen in naher Zukunft etwa 200 Mio. Dollar lukriert werden. Dadurch möchte das Unternehmen zusätzliche Umsätze generieren und die erworbenen Marken außerhalb der USA einführen. Die Umsatzsynergien, die sich Bayer daraus bis 2017 erwartet, liegen bei etwa 400 Mio. Dollar. Für die anfallenden Einmalkosten für Synergien und Markteinführung der Produkte von Merck & Co in den Schlüsselländern außerhalb der USA rechnet der Konzern innerhalb der nächsten zwei Jahre mit Kosten von etwa 500 Mio. Euro. Bayer plant in der zweiten Jahreshälfte den Kauf von Merck & Co. unter Dach und Fach zu bringen. Nach dem Kauf des Berliner Konkurrenten Schering um 17 Mrd. Dollar wäre der jüngste Deal die zweitgrößte Übernahme des Pharma- und Chemiekonzerns.

AstraZeneca (Blutfettsenker Crestor) wehrt sich (noch) mit Händen und Füßen gegen die geplante Übernahme durch Pfizer und verspricht seinen Aktionären, dass aufgrund der gut gefüllten Pipeline auch ohne das New Yorker Unternehmen innerhalb von zehn Jahren ein Umsatzsprung auf 45 Mrd. Dollar (+75%) möglich wäre.

„Wir haben die spannendste Pipeline“

„AstraZeneca hat seine Hausaufgaben gemacht, den Transformationsprozess abgeschlossen und verfügt nun über die richtige Größe, Zielsetzung und die geeigneten Mitarbeiter und kann die spannendste Pipeline der gesamten pharmazeutischen Industrie vorweisen“, sagte Pascal Soriot, CEO von AstraZeneca. „Der immer stärker sichtbare Erfolg unserer unabhängigen Strategie unterstreicht die Aussichten für unsere Aktionäre“, ergänzt der Vorstandsvorsitzende Leif Johansson. Lag der Aktienkurs vor einem Jahr bei knapp 30 Pfund, notierte AstraZeneca zuletzt bei fast 48 Pfund. Daher gehen die Analysten davon aus, dass die Übernahme früher oder später über die Bühne gehen werde und nur mehr eine Frage des Preises ist. Sowohl der schwedische als auch der US-Konzern mussten im Vorjahr schmerzhafte Umsatzrückgänge in Kauf nehmen. War es bei Pfizer ein Minus von sechs Prozent auf 51,6 Mrd. Dollar, sank der Umsatz bei AstraZeneca sogar um acht Prozent auf knapp unter 26 Mrd. Dollar.

Globaler Impfstoffanbieter

Bereits Ende April gab Novartis den Abschluss definitiver Vereinbarungen mit GSK und Eli Lilly bekannt. Demnach übernimmt Novartis die Onkologie-Produkte von GSK für 14,5 Mrd. Dollar sowie bis zu 1,5 Mrd. beim Erreichen eines Meilensteins in der Entwicklung. Des Weiteren wurde die Gründung eines weltweit führenden Consumer-Healthcare-Geschäfts im Rahmen eines Joint Ventures, an dem Novartis mit 36 Prozent beteiligt wäre, vereinbart. Gleichzeitig veräußern die Schweizer ihre Division Vaccines (allerdings ohne Grippe-Impfstoffe) für bis zu 7,1 Mrd. Dollar plus Lizenzgebühren an GSK. Dies würde den Wert der Impfstoff-Pipeline (Bexsero® eingeschlossen) maximieren und einen global führenden Impfstoffanbieter schaffen. Außerdem vereinbarte Novartis den Verkauf ihrer Animal Health-Division an Eli Lilly für etwa 5,4 Milliarden. Die Transaktion mit Lilly wird voraussichtlich bis zum Ende des ersten Quartals 2015 vollzogen, der Abschluss der GSK-Transaktionen wird im ersten Halbjahr 2015 angepeilt, wie Novartis bei der Präsentation der Bilanzkennzahlen bekannt gab.

Was sagen die Analysten?

In der Pharmabranche ist die Konsolidierung in vollem Gange. Viele umsatzstarke Patente laufen aus, beispielsweise das Potenzmittel Viagra® (2 Mrd. Umsatz) und der Lipidsenker Lipcor®, beide von Pfizer. Der Lipidsenker trug jährlich etwa zehn Milliarden Dollar zum Umsatz bei. Daher werden andere Pharmaunternehmen mit einer Erfolg versprechenden Produktpipeline übernommen, um langjährige Entwicklungskosten, die sich im dreistelligen Millionenbereich bewegen, zu ersparen. „Die Umsatzverluste der Top-Seller auszugleichen, ist schwierig, weil es für Neuentwicklungen keine Erfolgsgarantien gibt“, begründet Healthcare-Analyst Daniel Damaska von der Raiffeisen Centrobank das Übernahmefieber innerhalb der Pharmabranche. Der Kauf von Generikafirmen könne die Umsatzverluste nur in einem bescheidenen Ausmaß kompensieren, da zahlreiche Hersteller unter anderem aus Asien Generika-Versionen auf den Markt bringen und neben verstärktem Wettbewerb gewöhnlich auch der Preisdruck nach Ablauf des Patentschutzes erheblich ist. „Durch den Zusammenschluss mit Mitbewerbern erwartet man sich einerseits Kosteneinsparungen infolge von Synergien, was mit einem Personalabbau und einer Kürzung der Research & Development (R&D)-Kosten verbunden ist und andererseits ein Auffüllen des Produktportfolios“, ergänzt Harald Kober, Fondsmanager des ESPA Stock Pharma der Sparinvest. Dadurch sollten die Gewinne der Unternehmen gesteigert werden. Die deutsche Baader Investmentbank, die sich mit der Analyse von Pharmaaktien beschäftigt, empfiehlt Roche, Novartis, Bayer und Sanofi zum Kauf. „Da die Pharmatitel durch hohe Schwankungen gekennzeichnet sind und der positive Ausgang der Forschungsaktivitäten schwer schätzbar ist, sollten Privatinvestoren die Finger von Einzeltitel lassen und stattdessen in Fonds als Investmentvehikel mit einer breiten Streuung investieren, so Kober.

Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 21/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben