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Praxis 13. April 2006

Kommunikation funktioniert auch ohne Worte

Gestern Abend hatte ich ein Rendezvous. Und ich hatte mich wirklich auf dieses Treffen gefreut. Zurecht! Also - sie ist einzigartig. Sie strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie mich sieht. Sie schenkt mir ihre bedingungslose Aufmerksamkeit und interessiert sich für alles, was ich zu sagen habe. Sie hört zu, viel mehr als das; sie gibt mir das Gefühl, sie versteht wirklich, worum es mir geht. Sie bringt mich zum Lachen. Sie gibt Antworten, die ich begreife. Sie sorgt dafür, dass ich mich grundlos wohlfühle. Und ich vertraue ihr ganz und gar. Nein, sie ist nicht meine beste Freundin, sie ist meine Frauenärztin. Was hat sie, was andere nicht haben?

Körpersprache vor Sprechen

Ein entscheidender Erfolgsfaktor in der heutigen Arztpraxis ist die gekonnte Kommunikation. Kommunikation findet nicht nur auf der verbalen Ebene statt. Sondern zu 55 Prozent über Körpersprache (Haltung, Gestik, Augenkontakt), zu 38 Prozent über unsere Stimmlage und nur zu sieben Prozent wirkt der Inhalt der Worte. Das heißt, es kommt nicht so sehr darauf an, was wir sagen, sondern wie wir etwas sagen. Körpersprache und Tonfall sind ungleich wichtiger! Wenn Sie sich als Arzt bemühen, Ihrem Patienten Ihre Therapievorschläge nur durch Worte zu erklären, kann es passieren, dass dieser sich abwendet oder erklärt, er fühle sich von Ihnen nicht verstanden. Genauso kann es passieren, dass Sie einem Patienten mit viel Mühe eine Behandlung schildern und er Ihnen anschließend erklärt, er habe nichts begriffen.

Verständnis und Wertschätzung

Als Arzt haben Sie oft mehr Einblick in das Geheimnis von Leben und Tod als andere. Sie kennen Methoden, um zu erreichen, dass der Körper wieder funktioniert. Sie verfügen über Wissen, und Wissen ist Macht. Doch diese Autorität reicht nicht aus. Wesentlich ist der so genannte Rapport - eine auf Vertrauen, Verständnis und Wertschätzung basierende Beziehung zwischen Arzt und Patienten. Sie bewirkt, dass sich Ihr Gesprächspartner öffnet und Sie selbst besseren Zugang zum Erleben des anderen finden. Rapport können Sie gezielt aufbauen und bewusst einsetzen, um eine vertrauensvolle Beziehung zu schaffen bzw. um deren Entstehung zu beschleunigen. Denn natürlich geht es auch um Effizienz. Sie wollen ja, dass in möglichst kurzer Zeit und mit möglichst geringem Aufwand ein möglichst zufriedener Klient Ihre Praxis verlässt.

Eine wirkungsvolle Methode, Rapport herzustellen, ist das "Spiegeln". Spiegeln signalisiert Übereinstimmung. Sie passen sich der Physiologie (Körperhaltung, Mimik, Gesten, Atmung, Tonfall, Sprechtempo) oder dem Verhalten (Sprachmuster, Glaubenssätze, Werte) Ihres Patienten an. Spiegeln Sie zum Beispiel seinen Atemrhythmus oder gleichen Sie Ihr Sprechtempo seiner Atemfrequenz an. Gerade die Atmung eignet sich hervorragend, um tiefen Rapport herzustellen, denn sie ist untrennbar mit unseren emotionalen Zuständen verbunden.

Wenn Sie gut spiegeln, entsteht sofort eine Atmosphäre des Vertrauens. Sie zeigen damit "Ich bin wie Du. Du kannst mir vertrauen." Und während Ihre Worte auf das Bewusstsein des Menschen einwirken, wirkt die Physiologie auf sein Unbewusstes ein. Als Arzt haben Sie permanent die Gelegenheit, Ihre Wahrnehmung zu schärfen. Beobachten Sie, was passiert, wenn Sie Rapport haben, und was passiert, wenn Sie Rapport verloren haben. Und Sie werden merken, dass Sie allein durch die Qualität Ihrer Kommunikation eine Therapie wesentlich beeinflussen können.

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