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Krank im Bett? Viele Briten suchen lieber Informationen im Internet als zum Arzt zu gehen.
 
Praxis 21. Oktober 2013

Ärzte warnen vor Dr. Google

Großbritannien – jeder Zweite surft im Internet, in der Hoffnung, sich den Arztbesuch sparen zu können.

Immer mehr britische Patienten ziehen Informationen aus dem Internet einem Arztbesuch vor. Ärzteverbände schlagen Alarm. Denn so zögern Patienten auch den Therapiebeginn hinaus – mit teils schwerwiegenden Folgen.

Dr. Google ist kein Ersatz für den Hausarzt und die hausärztliche Konsultation. Doch in Großbritannien scheint sich dies noch immer nicht herum gesprochen zu haben. Jedenfalls deuten neue Studien darauf hin, dass immer mehr Patienten im Königreich anstatt in die Hausarztpraxis zu gehen lieber im Internet nach Gesundheitsinformationen surfen.

Eine aktuelle Untersuchung der Organisation „The Information Standard“ (TIS) zeigt, wie beliebt die Selbstdiagnose bei britischen Patienten inzwischen geworden ist. Vier von zehn Patienten gaben zu, Hausarztbesuche „bewusst auf die lange Bank zu schieben“. Jeder zweite Zögerliche surft stattdessen lieber im Internet nach Gesundheitsinformationen, oftmals in der Hoffnung, sich den Arztbesuch ganz sparen zu können. TIS befragte 1500 Patienten.

Damit ist klar, dass Dr. Google für Millionen Patienten in Großbritannien inzwischen zum Ersatz für den eigenen Hausarzt avanciert ist.

Patienten kommen oft zu spät in die Praxis

„Ich habe es oft erlebt, dass Patienten erst lange Zeit im Internet nach Symptomen und Therapien surfen, bevor sie zu mir in die Sprechstunde kommen“, berichtet die Hausärztin Dr. Louise Newson aus Solihull. Die Medizinerin ist sichtlich besorgt, wenn sie über ihre „Surfer Patienten“, spricht. „Leider nimmt dieser Trend zu und leider kommt es zu oft vor, dass Patienten besser den Weg in die Ordination gesucht hätten, anstatt sich im Internet medizinischen Rat zu holen!“

Die Ärztin ist sich sehr wohl bewusst, dass das Internet „durchaus sehr nützlich sein“ könne und oftmals auch „gute und verlässliche Informationen parat“ habe. „Gut informierte Patienten sind besser in der Lage, mit dem behandelnden Arzt ein informatives und konstruktives Gespräch zu führen.“

Doch jeder dritte Patient, der erst in die Hausarztpraxis kommt, nachdem er sich ausführlich im Internet schlau gemacht hat, hätte gut daran getan, früher oder direkt zum Arzt zu gehen, so die Experten der TIS in ihrem Report. Im Klartext bedeutet das: Millionen Patienten in Großbritannien verzögern eine ärztliche Konsultation, weil sie lieber zuerst im Internet nach Gesundheitsinformationen, nach Krankheitssymptomen, Therapien und Heilmitteln surfen.

Kein Wunder, dass nicht nur die ärztlichen Berufsverbände alarmiert sind. Interessant: Frauen sind laut der Studie eher geneigt als Männer, einen Hausarztbesuch zu verschieben und stattdessen lieber Dr. Google zu konsultieren.

Experten raten zum Quellencheck

„Patienten, die sich im Internet über Krankheiten und Therapien informieren, sollten darauf achten, dass die Quellen, aus denen sie ihre Informationen ziehen, seriös sind“, mahnt die TIS. Genau darum geht es der Organisation, die zu einem großen Teil vom staatlichen Gesundheitsdienst (National Health Service, NHS) finanziert wird.

Das Londoner Gesundheitsministerium hat sich in den vergangenen Jahren darum bemüht, dass britische Patienten online einen besseren Zugang zu verlässlichen und seriösen Gesundheitsinformationen finden können. Dutzende dubiose Websites wurden abgeschaltet. Gleichzeitig bietet der NHS heute eine Vielzahl an leicht verständlichen und seriösen Patienteninformationen direkt an.

Was freilich nach Aussage des britischen Ärztebundes (British Medical Association, BMA) nicht dazu geführt hat, die Abwanderung von Patienten aus den Praxen ins Internet umzukehren. Die BMA beobachtet dies ebenfalls mit einiger Sorge. „Das Internet kann das Arzt-Patientengespräch nicht ersetzen“, sagte eine BMA-Sprecherin.

Selbstdiagnose verzögert Therapiebeginn

Ein besorgniserregender Nebenaspekt von „Dr. Google“: Immer wieder berichten britische Haus- und Fachärzte von Patienten, die zu spät in die Sprechstunde kommen. Diese Patienten haben sich meist vorher ausführlich im Internet informiert, Selbstdiagnosen gestellt und teilweise sogar Therapien auf eigene Faust begonnen, ohne ärztlichen Rat einzuholen. Die Folge ist, dass viele Patienten unnötig leiden, Therapien verzögert werden, was schlimmstenfalls zu schweren Erkrankungen oder zum Tod führen könne.

Britische Zeitungen berichten ausführlich über die TIS-Untersuchung und über das Thema „Gesundheitsinformationen aus dem Internet“. Das ist gut und wird sowohl von den ärztlichen Berufsverbänden als auch von Patientenorganisationen einstimmig begrüßt. „Es ist wichtig, dass Patienten lernen, mit den Gesundheitsinformationen aus dem Internet verantwortungsvoll und vernünftig umzugehen“, so der britische Patientenverband „Patients Association“ (PA). „Dann können sowohl Patienten als auch Ärzte von online profitieren.“

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