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Mitleiden mit jedem Patienten, das würde jeden Arzt überfordern und selbst krankmachen. Mitgefühl zu zeigen, kann aber beiden Seiten helfen.
 
Praxis 14. Oktober 2013

Mitfühlen, aber nicht mitleiden!

Wille und Mut sind gefragt, furchtlos und entschlossen mitzufühlen.

Hindert Mitgefühl Ärzte daran, ihren Beruf professionell auszuüben? Das Gegenteil ist wohl eher der Fall. Aber die Grenze zum Mitleiden sollte nicht überschritten werden.

Die Krankheit betritt das Behandlungszimmer, aber sie bringt Herrn Meier mit. So salopp begründet der Psychologe Gert Kowarowsky, dass Ärzte Mitgefühl brauchen, um ihre Arbeit zu tun. Denn Herr Meier hat eben nicht nur Rückenschmerzen, sondern er macht sich auch Sorgen, hat Angst oder langsam die Nase voll und wird wütend. Für den Psychotherapeuten Kowarowsky ist die Begegnung mit manchmal extremen Gefühlen bei seinem Gegenüber und das Mitgefühl des Arztes Alltag.

Aber Mitgefühl am Krankenbett somatisch erkrankter Patienten hatte lange einen schlechten Ruf. Wer mit seinen Patienten fühle, werde quasi aus der Welt der exakten Diagnosen, Therapien und Prognosen entführt in die Welt der unbestimmten Emotionalität. Dort herrschen andere Gesetze, von denen man lieber die Finger lässt. Die Medizin als naturwissenschaftliche Disziplin fühlte sich durch so etwas wie Mitgefühl (etwas, was man noch nicht einmal messen kann!) mehr behindert als beflügelt. Kurz: Ärztinnen und Ärzte können ihren Job nicht machen, wenn sie sich zu sehr einlassen auf das, was der Patient fühlt – so das gängige Vorurteil.

Die Empathie-Neuronen

Aber dann kam Giacomo Rizzolatti von der Universität Parma in Italien. Der Neurophysiologe entdeckte im Hirn von Makaken-Affen etwas Sonderbares. Immer wenn ein Wissenschaftler vor den Augen der Versuchstiere nach einer Nuss griff, wurden im Hirn des Affen genau dieselben Neuronen aktiv, als wenn das Tier selber zur Nuss griffe. 1996 veröffentlichte Rizzolatti seine Entdeckung. Die Forschergemeinde weltweit war verblüfft: Rizzolatti hatte die Spiegelneuronen entdeckt. Sie versetzen Menschen (und manche Tiere) in die Lage, Gedanken, Gefühle und Handlungen anderer so zu erfassen, als seien es die eigenen: Wer zuschaut, wenn das Gegenüber in eine Zitrone beißt, dem läuft selbst der Speichel. Ein weinendes Kind treibt die eigenen Tränen und die Spinne auf der Hand des anderen lässt mich selbst schaudern.

„Auch komplexe soziale Empfindungen wie Scham, Verlegenheit oder Stolz sind mit den in der Inselrinde des Gehirns entdeckten Spiegelneuronensystemen verbunden“, so der Wissenschaftler Jeremy Rifkin in seinem 2010 erschienenen Buch: „Die empathische Zivilisation“.

Rizzolatti hat das Mitgefühl als conditio humana entdeckt. „Unser Gehirn ist auf Empathie geschaltet – es ist unsere Natur, es ist das, was uns zu sozialen Wesen macht“, schreibt Rifkin dazu. Auf keinen Fall aber ist Mitgefühl ein Tick unwissenschaftlicher Mediziner.

Mitgefühl wird auch erlernt

Aber warum hat es Mitgefühl nach wie vor so schwer, sich als Kategorie in der Medizin durchzusetzen? Weil es wählerisch ist. Denn Mitgefühl wird trainiert, kultiviert und ausgerichtet. Das Kinderhospiz Löwenherz in Syke bei Bremen wirbt jährlich ein bis zwei Millionen Euro Spendengelder ein. Einer empathischen Gemeinde vieler Menschen erweicht das Leiden todkranker Kinder regelmäßig das Herz. Aber kaum ein Senioren-Pflegeheim dürfte so viel Mitgefühl mit seinen Bewohnern auf sich ziehen. Und das, obwohl das Leiden vieler Alter in ihrer schwierigsten Lebensphase ebenso groß sein dürfte, wie das der kranken Kinder.

„Blut ist dicker als Wasser“, sagt der Volksmund und meint damit eigentlich, dass Empathie mit Familienmitgliedern etwas Natürliches sei, mit anderen Menschen aber nicht. „Biologische Schaltungen werden aber „durch soziales Training aktiviert“, so Rifkin. Der Familiensinn dürfte auch erlernt sein.

Tatsächlich kann Mitgefühl sogar kulturell abgeschafft werden. Wie anders ist Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit oder totale Gleichgültigkeit zu erklären als durch kulturelle Vorentscheidungen? Beim Mitgefühl machen also Natur und Kultur gemeinsame Sache.

Wer will, der kann

„Ich kann das nicht alles mitfühlen, was meine Patienten fühlen“, sagen viele Ärzte und meinen eigentlich, dass sie nicht alles mitleiden wollen – was ja nachvollziehbar ist. Aber ihr „soziales Training“ war, dass, wer mitfühlt, automatisch auch mitleidet. „Und das stimmt eben nicht“, sagt Kowarowsky.

Also sind Wille und Mut gefragt, furchtlos und entschlossen mitzufühlen – und trotz der antrainierten Befürchtung, man könnte leiden, jene innere emotionale Professionalität zu entwickeln. Und wer sich traut, wird belohnt. „Ärzte können dann auf ein breiteres Spektrum innerer Ressourcen zurück greifen“, sagt Kowarowsky, „kurz: Wer egoistisch genug ist, kommt am Mitgefühl nicht vorbei.“

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