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Praxis 17. Juli 2013

Gerichtsurteil um Tod einer Patientin: Geldstrafe für Turnusarzt

Freispruch für Operateur, Krankenhaus entging Verbandsgeldbuße.

Mit einem Freispruch für den angeklagten Operateur und einem Schuldspruch für den Turnusarzt ist am Dienstag im Wiener Straflandesgericht der Prozess um eine 23-jährige Frau zu Ende gegangen, die am 29. November 2008 im Krankenhaus Göttlicher Heiland in Wien-Hernals nach einer Routine-Operation an den Folgen einer medikamentösen Atemdepression starb. Der 39-jährige Mediziner erhielt wegen fahrlässiger Tötung eine unbedingte Geldstrafe von 6.300 Euro (180 Tagessätze zu je 35 Euro).


Die Eltern der ums Leben gekommenen jungen Frau, die sich dem Strafverfahren als Privatbeteiligte angeschlossen hatten, bekamen insgesamt 45.000 Euro zugesprochen. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Gutachten sorgten für Schuldspruch

Den Schuldspruch für den mit der Betreuung der 23-jährigen Patientin befasst gewesenen Turnusarzt begründete Richterin Andrea Philipp mit den Sachverständigen-Gutachten. Diese hätten übereinstimmend ergeben, dass es einer besseren Überwachung der jungen Frau bedurft hätte, "wenn man jemandem Dipidolor in so hoher Dosis gibt". Die 23-Jährige sei eine Risiko-Patientin gewesen, der Turnusarzt habe es "unterlassen, persönlich und eingehend ihren Schmerzzustand zu überprüfen", bemängelte die Richterin.

Der Mediziner hatte drei Mal die Verabreichung von je 7,5 Milligramm Dipidolor veranlasst, ohne jemals mit dem an sich letztverantwortlichen Oberarzt Rücksprache zu halten, was die Richterin ebenfalls kritisierte. Bei der Gabe der einzelnen Dosen habe der Arzt weiters die "gebotenen Zeitintervalle" und die "kumulierte Wirkungsweise" der mit zusätzlichen Medikamenten versorgten Patientin nicht berücksichtigt. Zudem hätte der Mediziner, als er gegen 6.00 Uhr in der Früh von der Nachtschwester von einer offensichtlichen "Verschleimung" der schlafenden Patientin erfuhr, die Frau "aufwecken müssen, um zu sehen, in welchem Zustand sie sich befindet", sagte Philipp.

Der Schuldspruch beschränkte sich auf den Tatbestand der fahrlässigen Tötung im Sinn des Paragrafen 80 Strafgesetzbuch (StGB) und den dafür vorgesehenen Strafrahmen von maximal einem Jahr Haft. Die von der Staatsanwaltschaft angenommenen gefährlichen Verhältnisse, die bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe möglich machen hätten können, waren nach Ansicht der Richterin nicht gegeben.

Beim Orthopäden, der die 23-Jährige operiert hatte, konnte das Gericht demgegenüber "keinen Sorgfaltsverstoß" feststellen, hieß es in der Urteilsbegründung. Der Freispruch ist - ebenso wie die Verurteilung des Turnusarztes - nicht rechtskräftig. Staatsanwältin Julia Kalmar gab vorerst keine Erklärung ab, Verteidiger Ernst Schillhammer - der Rechtsvertreter des schuldig erkannten Mediziners - erbat Bedenkzeit.

Krankenhaus muss nicht zahlen

Der Antrag der Staatsanwaltschaft, über die Krankenhaus Göttlicher Heiland GmbH nach dem Verbandsverantwortlichkeitsgesetz (VbVG) eine Geldbuße zu verhängen, wurde abgewiesen. Die Anklagebehörde hatte dem Spital im Zusammenhang mit dem Ableben der 23-Jährigen angekreidet, es habe keine angemessene postoperative schmerztherapeutische Versorgung gegeben und Entscheidungsträger der Anstalt hätten die ihnen zumutbare Sorgfalt außer achtgelassen.
Für Richterin Andrea Philipp hatte die Verhandlung jedoch keine Beweise in diese Richtung erbracht.
Das Organisationsmodell sei "verbesserungswürdig, aber nicht grundsätzlich falsch" gewesen. Personal und technische Geräte wären ausreichend vorhanden, für die Aus- und Fortbildung der Mitarbeiter gesorgt gewesen. Ihr Wissen hinsichtlich schmerztherapeutischer Maßnahmen "durch eigenständige Vertiefung" zu erweitern, wäre auch Aufgabe der konkreten Mitarbeiter selbst gewesen: "Es reicht nicht, aus dem Beipackzettel zu lesen."

Dem Spital könne in Bezug auf die Unterlassungen des schuldig erkannten Turnusarztes "insgesamt kein Vorwurf gemacht werden", zumal der Mediziner eine 18-monatige Erfahrung im Haus und ein Notfall-Zertifikat gehabt hätte, stellte Philipp fest. Im Göttlichen Heiland habe es einen "24-stündigen Fachdienst" gegeben: "Der Turnusarzt hätte sich jederzeit an einen Facharzt wenden können." Dass er dies unterließ, könne dem Krankenhaus nicht angelastet werden.

Steinhart: "Wir haben korrekt und professionell gehandelt."

In einer Aussendung betont der ärztliche Direktor und Geschäftsführer des Krankenhaus Göttlicher Heiland, Wien, Dr. Johannes Steinhart, froh darüber zu sein, dass das Gerichtsurteil bestätigt habe, "dass wir korrekt und professionell vorgegangen sind. Und dass wir an Ärzten, Pflege, Technik und Organisation alles zur Verfügung gestellt haben, das für eine Operation wie der von Frau Rehberger erforderlich ist und in unserem Haus keine Organisationsmängel bestehen, die für den bedauerlichen Tod von Frau Rehberger verantwortlich sind."
Dass Frau Rehberger trotz all dieser Vorkehrungen im KH Göttlicher
Heiland verstorben ist, so Dr. Steinhart, "erfüllt uns mit großer
Trauer. Wir drücken ihrer Familie und ihren Freunden unser tiefes
Mitgefühl aus."

APA/PA khghl/IS, springermedizin.at

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