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Bürokratie und zu wenig Freizeit sind Faktoren, die Ärzte am meisten stressen.
 
Praxis 19. Februar 2013

Resilienz im Arztberuf

So vermeiden Kollegen Burn-out.

Was führt bei dem einen Arzt zum Burn-out, während der Andere gesund bleibt? Forscher sind der Frage nachgegangen, was Ärzte widerstandsfähig gegen Stress macht.

Jeder fünfte Arzt entwickelt nach Studien ein Burn-out. Was schützt die anderen vier vor dem Ausbrennen? Dieser Frage sind Psychologen um Dr. Julika Zwack der Sektion Medizinische Organisationspsychologie am Universitätsklinikum Heidelberg im Rahmen eines Projekts „Resilienz im Arztberuf“ nachgegangen.

In 200 qualitativen Interviews mit Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen und Hierarchieebenen – 60 Prozent waren angestellt und 40 Prozent selbstständig – wurden Ärzte im Durchschnittsalter von 42 Jahren mit im Schnitt 15-jähriger Berufserfahrung befragt. Sie wurden gebeten, Auskunft zu geben, welche Stressfaktoren ihnen am meisten zu schaffen machen und welche Bewältigungsstrategien sie haben, um mit den Belastungen fertig zu werden.

Als Hauptstressoren wurden Bürokratie und Verwaltungsaufwand genannt (56,6 Prozent), gefolgt von Freizeitmangel und langen Arbeitszeiten (41,9 Prozent) und vor allem bei den niedergelassenen Kollegen dem Problem der „Fließbandmedizin“ (32,3 Prozent). Hierarchischer Druck, Angst vor Behandlungsfehlern, fordernde Patienten und schlechte Honorierung schlagen in der Belastungshierarchie mit jeweils etwa 20 Prozent zu Buche.

Die wichtigsten von den Ärzten angewandten Bewältigungsstrategien stellte die Heidelberger Psychologin beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Psychologie „Burn-out? Burn-On!“ vor.

Auch Fehler werden offen angesprochen

Danach hat die Arzt-Patienten-Beziehung einen hohen Stellenwert. Ebenso wichtig wie eine offene Kommunikation mit den Patienten, in der mögliche Komplikationen während der Therapie und auch Fehler offen angesprochen werden, ist auch die Abgrenzung und der Selbstschutz.

Dahinter steht die Frage: Wofür stehe und wo setze ich Grenzen? So berichtete ein Internist in der Befragung von folgender erfolgreicher Abgrenzung: Jahrelang habe er seinen schlafmittelabhängigen Patienten mit Schlafmitteln versorgt, dies zunehmend als unbefriedigend erlebt und schließlich beschlossen, das Rezept künftig zu verweigern.

Als wichtig wurde auch erachtet, kontextorientiert, also nicht nur symptombezogen vorzugehen, sondern auch die Zusammenhänge des Krankheitsgeschehens zu sehen.

„Realitäten zu akzeptieren“ und zu erkennen, wo der eigene Einflussbereich endet sowie die eigene Begrenzung im ärztlichen Tun anzuerkennen wurden als weitere Schutzfaktoren genannt. Als hilfreich wurde auch das Wechseln in die distanziertere Beoachterperspektive bei fordernden Patienten bezeichnet.

Bei den strukturellen Rahmenbedingungen gab jeder dritte Arzt an, auf die Begrenzung der Arbeitszeiten sowie auf kurze Auszeiten auch während des Arbeitstages und eine strategische Urlaubsplanung zu achten.

Elementar ist auch die Erfahrung der medizinischen Wirksamkeit, also die Gewissheit, Symptome und Leiden gelindert zu haben. Dazu gehört es auch, sich die Situation vor und nach der Behandlung bewusst vor Augen zu führen, wie jeder zweite Befragte sagte, sowie die Pflege der eigenen Professionalität durch Fortbildungen.

Selbstbestimmt zu entscheiden mindert Stress

Als wichtige Stresspuffer wurden auch ein kollegiales Miteinander sowie klare Grenzziehungen gegenüber Vorgesetzten angesehen. Wenn der Assistenzarzt seinem Chef deutlich sage: „So können Sie mit mir nicht reden“, rufe dies nach Meinung der befragten Ärzte eher Respekt hervor als Ablehnung. Auch der offene Umgang mit Wissenslücken, Fehlern oder Defiziten ist nach Einschätzung der Befragten Stress mindernd.

Die Untersuchung zeigt Zwack zufolge, dass resiliente Ärzte sich vor allem durch selbstbestimmte Entscheidungen im Umgang mit den Belastungen ihres Berufsalltags auszeichnen. Voraussetzung hierfür scheinen gut gepflegte familiäre und freundschaftliche Beziehungen und außerberufliche Interessen zu sein. So gaben 80 Prozent der Befragten an, regelmäßig sportlichen oder kulturellen Ausgleichsaktivitäten nachzugehen. Zwack: „Es geht nicht ohne außerberufliche Beziehungen und Interessen“.

Darüber hinaus zeichnet es belastungsfähige Ärzte aus, dass sie Erschöpfungssignale rechtzeitig wahrnehmen, die inneren Antreiber wie „Gut ist nicht gut genug“ oder „Durchhalten um jeden Preis“ erkennen und ihre Ziele, Grenzen und Verletzlichkeiten kennen.

Die Ergebnisse der Befragung und alltagsnahe Tipps zur Vermeidung eines Burn-out fließen in einen Ratgeber in Buchform ein, der unter dem Titel: „Wie Ärzte gesund bleiben – Resilienz statt Burn-out“ erscheinen soll.

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