zur Navigation zum Inhalt
© imago
Die eigene Krankheit zwingt Ärzte zu einem ganz neuen Blick auf Gesundheit und Krankheit sowie das Verhältnis von Arzt zu Patient.
 
Praxis 4. Februar 2013

Rollenwechsel – der Arzt als Patient

Viele kranke Ärzte empfinden Schande.

Wenn der Arzt selbst zum Patienten wird, kann er diese Doppelrolle oft nur schwer bewältigen. Warum der Weg zurück in den medizinischen Alltag vor allem nach längerer Krankheit mit Hürden gespickt ist, haben Forscher in einer Studie untersucht.

Den Doktor haut nichts um, soweit die Ansicht vieler Ärzte und Patienten. Passiert dann doch das Undenkbare und eine ernsthafte Erkrankung oder gar psychische Probleme halten ihn lang von seinem Arbeitsplatz fern, ist es manchmal schwierig, in das alte Selbstverständnis zurückzufinden. So ergab eine Untersuchung an britischen Ärzten, dass Probleme vor allem durch eine Art Selbststigmatisierung entstehen.

Der Rollenwechsel wurde in einer Studie untersucht

Wie fühlen sich Ärzte, wenn sie nach längerer Krankheit die Rolle des Patienten verlassen und früheren Kollegen und Patienten wieder als kompetenter Mediziner gegenübertreten wollen bzw. sollen? Eine qualitative Studie in Großbritannien hat diesen Rollenwechsel untersucht (BMJ Open 2012; 2: e001776).

Die Teilnehmer waren im vorangegangenen Jahr mindestens sechs Monate krankheitsbedingt nicht in ihrem Beruf tätig. Von den 77 angesprochenen Ärzten zwischen 27 und 67 Jahren nahmen 19 an der Befragung teil. Sieben hatten körperliche Erkrankungen, die anderen litten an Depressionen, Angststörungen, bipolaren Störungen oder Alkoholabhängigkeit. Häufig bestanden auch kombinierte psychische und physische Probleme. In 14 Fällen war die Ärztekammer eingeschaltet worden.

Die Befragung zeigte deutlich: Viele der Ärzte definierten ihre Person über ihre Arbeit. So änderte sich mit der Krankheit auch die eigene Identität, die ohne den täglichen Patientenkontakt immer mehr zu verschwinden drohte. Die eigene Krankheit zwinge Ärzte zu einem ganz neuen Blick auf die Welt und ihre ungewohnte Position innerhalb dieser Ordnung, so die Autoren.

Einsam und traurig

Viele Ärzte gaben an, dass sie sich einsam und traurig fühlten, seit sie nicht mehr arbeiteten. Obwohl von einigen über eine unterstützende Haltung in der direkten Umgebung berichtet wurde, klagten andere auch über negative Reaktionen vonseiten der Familie und der Freunde. Einige der Befragten hielten ihre Probleme deshalb lieber geheim. Durch die Kollegen erfuhren die kranken Ärzte zum Teil wenig Unterstützung und fürchteten sich deshalb vor ablehnenden Reaktionen bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz.

Viele Ärzte neigten auch dazu, sich selbst die Schuld für ihre gesundheitliche Situation zu geben. Einige hatten die negative Sichtweise ihres Umfeldes verinnerlicht, empfanden Schande, Schuld und Selbstzweifel, die das Gefühl des Versagens bei ihnen aufkommen ließen.

Ärzte sollten Fürsorge für ihre Gesundheit lernen

Fazit der Autoren: Das größte Hindernis für eine Rückkehr in den Alltag als Arzt war für die Befragten wohl das negative Selbstbild, sobald sie die Krankheit als Teil ihrer Identität begriffen hatten, meinen die Wissenschaftler. Verstärkt wurde diese Einstellung durch negative Reaktionen aus dem Umfeld. Um diesem Prozess entgegenzuwirken, müsse das Umdenken bereits in der Ausbildung beginnen, fordern die Studienautoren. Ärzte sollten lernen, ihrer eigenen Gesundheit ebenso viel Aufmerksamkeit und Fürsorge zukommen zu lassen wie der ihrer Patienten. Mediziner müssen unbedingt anerkennen, dass auch sie nicht unverwundbar sind. Diese Einsicht mache es leichter, sagen die Autoren, geeignete Strategien für den Krankheitsfall zu entwickeln.

 

springermedizin.de, Ärzte Woche 6/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben