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Bunt, aber auch aussagekräftig? Statistiken lesen will gelernt sein.
 
Praxis 23. Jänner 2013

Der Teufel steckt im Detail

Medizinstatistik – Bias überall.

Nur mit einer umfassenden Statistikexpertise können Ärzte Studienergebnisse richtig einschätzen, so die Ärztekammer Berlin. Sie will nun das notwendige Rüstzeug geben.

Den Überblick über die tägliche Informationsflut zu behalten und ihren Nutzen für den Patienten zu beurteilen wird für die Ärzte zunehmend zu einer Herausforderung. „Das Problem ist aber nicht nur die Menge an Informationen, sondern die Tatsache, dass es in der Ärzteschaft großen Nachholbedarf beim Verständnis von statistischer Evidenz gibt“, sagte Prof. Dr. Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sowie Direktor des Harding Zentrums für Risikokompetenz, beim ersten Unabhängigen Fortbildungskongress der Ärztekammer Berlin.

„Ärzte haben keine adäquate Ausbildung im Verständnis von Risiken und Unsicherheiten – weder während des Studiums noch in späteren Fortbildungen“, so Gigerenzer. Er appellierte an die Mediziner, dringend ihre Evidenz-Kompetenz zu stärken. Nur so könnten sie Informationen zu klinischen Studien verstehen und damit „sauberes“ von „unsauberem“ Wissen unterscheiden.

Verwirrspiel bei Vor- und Nachteilen

Allerdings wird es Gigerenzer zufolge Ärzten nicht immer leicht gemacht, Risiken und Wahrscheinlichkeiten zu verstehen. So würden potenzielle Vorteile häufig in Form von relativen Risiken angegeben, potenzielle Nachteile dagegen als absolute Risiken. Das lasse Vorteile größer und Nachteile kleiner erscheinen. „Solche Darstellungstricks müssen Ärzte erkennen können“, sagte der Wissenschaftler.

Das nächste Problem: Was genau zeigen Überlebens- und Mortalitätsraten, und wie hoch ist der jeweilige Aussagewert? „Häufig werden steigende Überlebensraten mit sinkenden Sterblichkeitsraten gleichgesetzt und dann als untrügliches Zeichen für den Erfolg von Früherkennung im Kampf gegen Krebs gewertet“, kritisierte Gigerenzer.

Er warnte davor, eine Überlebensstatistik als valides Maß für Vergleiche von Gruppen, deren Erkrankung unterschiedlich diagnostiziert wurde (Früherkennung versus Symptome), zu nehmen. Das sei in zwei systematischen Verzerrungen begründet, dem „Vorlaufzeit-Bias“ und dem „Überdiagnose-Bias“.

Das „Vorlaufzeit-Bias“ entstehe zum Beispiel dadurch, dass ein Screening den Diagnosezeitpunkt lediglich vorverlegt und sich die Überlebenszeit so nur scheinbar verlängert, erklärte Gigerenzer. Da durch die Früherkennung auch sehr langsam wachsende oder nichtprogressive Tumoren mit in die Überlebensstatistik einbezogen würden, komme es überdies zum „Überdiagnose-Bias“. Deshalb ist die Fünfjahres-Überlebensrate nach Ansicht des Experten nicht geeignet, den Effekt von Früherkennung einzuschätzen.

Umfrage bestätigt Wissensdefizite

„Dieser Sachverhalt ist Ärztinnen und Ärzten oft nicht bekannt“, erläuterte Gigerenzer. Er stellte die Ergebnisse einer eigenen Studie vor, bei der 65 Internisten befragt wurden, anhand welcher Parameter sie die Wirksamkeit eines Screenings beurteilen würden.

Das Ergebnis: 79 Prozent der Ärzte würden sich dabei auf die Fünfjahres-Überlebensraten stützen. Nur fünf Prozent gaben an, sich bei der Beurteilung an den Mortalitätsraten zu orientieren. Nur zwei von 65 Ärzten konnten erklären, was „Vorlaufszeit-Bias“ ist. Bei „Überdiagnose-Bias“ konnte es keiner.

Um solche und andere Kompetenzen der Ärzte zu stärken und sie regelmäßig über Entwicklungen und den aktuellen Stand der gesicherten medizinischen Erkenntnisse zu informieren, kündigte der Präsident der Ärztekammer Berlin, Dr. Günther Jonitz, an, den Kongress zu einer Kongressreihe ausbauen und als Quelle unabhängigen und relevanten Wissens dauerhaft im Fortbildungsangebot der Ärztekammer Berlin verankern zu wollen.

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