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Praxis 30. Juni 2005

Krebskranke brauchen Hausärzte

Eine enge Zusammenarbeit zwischen Hausärzten, niedergelassenen Fachärzten und spezialisierten Klinikärzten ist bei der Diagnostik und Therapie verschiedenster Krebserkrankungen unumgänglich. Nur wenn diese Zusammenarbeit garantiert ist, kann die Versorgung von Krebspatienten in jeder Phase ihrer Erkrankung als ausreichend angesehen werden. Das Interesse des Patienten wirklich in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen, ist eine schwierige Aufgabe und eine zentrale Herausforderung für alle Beteiligten.

Was wird sich ein Patient im Falle einer Krebserkrankung wünschen? Er will ein Optimum an Diagnose und Therapie. Er möchte Hoffnung haben, seine Chancen wissen, selbst etwas beitragen, nicht ständig mit dem möglichen Verhängnis konfrontiert sein. Er möchte ein Minimum an Veränderungen in seinen Lebensumständen, gleichgültig ob Heilung möglich ist oder ob ein Leben als chronisch Kranker bevorsteht. Er möchte möglichst im Kreise der Familie, der Freunde, der Arbeit bleiben und möglichst wenig Wechsel der betreuenden Ärzte.

Motivationsarbeit ist wichtig

Die operative Versorgung wird stationär erfolgen. Diagnostik, Strahlentherapie und zytostatische Behandlung werden in zunehmendem Maß ambulant durchgeführt. Die Begleitung dabei, Organisation, Koordination, die Hilfe bei unerwarteten Ereignissen, die Hilfe bei der Bewältigung der veränderten Lebensumstände, die Hilfe bei der Änderung des Lebensstils erfordert Engagement und Verantwortung der Hausärzte. Von Anfang an kommt der Motivationsarbeit ein wesentlicher Aufwand zu. Auch kritischen Einstellungen zur Therapie, zu diagnostischen Maßnahmen, zu Informationen gilt es offen gegenüber zu  stehen und ein Hinterfragen zu ermöglichen. Nur der Patient, der den Sinn und die Notwendigkeit einer invasiven Intervention versteht, kann diese innerlich mittragen.

Arzt-Patienten-Beziehung

Informationen über Erkrankungen werden aus vielen Quellen geholt. Es gibt kein Informationsmonopol wie noch vor wenigen Jahrzehnten. Auch das Einholen einer "Second Opinion" hat an Bedeutung gewonnen. Hausärzte sind auch in diesem Bereich wichtige Partner des onkologischen Spezialisten. Krebs ist eine Erkrankung wie viele andere geworden. Von Anfang an gilt es, nicht nur gegen die onkologische Erkrankung vorzugehen, sondern die Konstitution insgesamt zu beachten. Früher Einsatz rehabilitativer Maßnahmen ist angezeigt. Allgemeine Schwäche, Herz- und Muskelschwäche, Ateminsuffizienz als Therapiefolge bedürfen der Anwendung konsequenter Programme, die nicht mit den eigentlichen onkologischen Programmen identisch sind.

Bei 80 Prozent der über 60 Jahre alten Patienten liegt beispielsweise mindestens eine weitere, bei den 70- bis 90-Jährigen liegen sogar fünf bis neun nebeneinander existierende, zumeist chronische Krankheiten vor. Dazu gehören Bluthochdruck, Herzschwäche, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen. Sie gehören mit gleicher Aufmerksamkeit behandelt wie bisher. Bei alten Menschen treten darüber hinaus sehr viel häufiger Depressionen und Demenzen auf. Die auf einer langjährigen Arzt-Patienten-Beziehung beruhende hausärztliche Kenntnis ist dabei eine wichtige Behandlungsgrundlage.

Vermeintliche Gutachterrolle

Mehr als die Hälfte der Patienten sucht alternative beziehungsweise komplementärmedizinische Therapien. Diese sind keine Domäne der Hausärzte. Eine Vielzahl von nichtärztlichen "Heilern" wartet hier auf ihre Chance. In vielen Ländern bewegt sich der Patient zwischen zwei Welten, die sich gegenseitig ignorieren und zwischen denen sich der Patient verunsichert bewegt. Der Krebskranke braucht auch in diesem Bereich die moralische und fachliche Unterstützung durch den Hausarzt. Diese kann ihm dieser allerdings nur geben, wenn er sich intensiv mit dem Kranken, seinem Krankheitsbild und den komplementärmedizinischen Methoden auseinandersetzt.

Der Hausarzt sollte jene Person sein, die dem Krebskranken hilft, sich zurecht zu finden - zwischen einer objektiven, häufig nicht individuell ausgerichteten Evidence-based Medicine und den subjektiven, persönlichen Ängsten und Denkstrukturen des Betroffenen. Auch wenn er vor allem in der ersten Phase einer Krebsbehandlung nur am Rande Einfluss hat und oft erst mit dem Patienten zusammen neue Therapieschemata kennen lernt, bleibt er eine Instanz, die die empfohlenen Maßnahmen mittragen muss. Hier wird seine Rolle am schwierigsten, wenn er trotz eigener Zweifel fachärztliche Empfehlungen unterstützen soll und durch den Patienten in eine vermeintliche Gutachterrolle gedrängt wird.

Balance Nähe - Distanz

Grundlagen für die Arzt-Patient-Beziehung allgemein, beim Krebskranken aber besonders, sind Wahrhaftigkeit, gute Balance zwischen emotionaler Nähe und professioneller Distanz, Informationsbereitschaft, Kenntnis der sozialen Umwelt des Kranken, Hilfe bei der praktischen Versorgung und eventuellen Pflege, Kooperationsbereitschaft mit allen beteiligten Gesundheitsberufen, Lebensqualitätsorientierung und sorgfältige Dokumentation von Krankheitsverlauf, Untersuchungsdaten und Therapie. Eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten stärkt das Vertrauen der Patienten und ihrer Angehörigen nicht nur in die betreuenden Ärzte und beteiligten nichtärztlichen Gesundheitsberufe, sondern auch ganz allgemein in das Gesundheitssystem. Wird dieses Verhältnis zum Patienten durch Versäumnisse oder Missverständnisse gestört, so stellt der Verlust des Vertrauens in die Heiler und Helfer zusammen mit dem Verlust der Gesundheit für den Patienten ein doppeltes Trauma dar, das durch eventuelle tiefgreifende Veränderungen im Privatbereich verstärkt wird und oft den Hintergrund der Selbstaufgabe des Patienten bildet.

Die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und die daraus folgende interdisziplinäre Betreuung haben einen wichtigen Anteil bei der Prognose einer Krebserkrankung. Hausärzte tragen dabei über den ganzen Krankheitsverlauf eine wesentliche Verantwortung.

Dr. Reinhold Glehr, Ärzte Woche 25/2002

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