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Praxis 30. Juni 2005

Zwischen Empathie und Distanz

"Beim Überbringen schlechter Nachrichten steht die Barriere der Unaussprechlichkeit zwischen allen Beteiligten - Ärzten, Patienten, deren Freunden und Angehörigen", so Dr. Günther Linemayr, Internist in Wien. "Die Unaussprechlichkeit führt aber zu Rückzug, Entfremdung und Isolation, und dies gerade dann, wenn Nähe, Verständnis, Unterstützung, Mitgefühl und Trost am nötigsten sind."

In neuerer Zeit haben sich die medizinische Psychologie und die Psychoonkologie nicht nur allgemein um das Thema Kommunikation gekümmert, sondern sich auch speziell mit dem Überbringen von schlechten Nachrichten - also mit dem "Unaussprechlichen" - beschäftigt. "Leslie Fallowfield, derzeit sicher die führende Expertin auf dem Gebiet der Kommunikation in der Onkologie, hat sich in einem Lancet-Artikel dem Thema der Überbringung schlechter Nachrichten gewidmet", so Linemayr. An den Anfang ihres Artikels ("Giving sad and bad news", Lancet 1993, Vol. 341;476-478) stellt sie den Bericht eines Kollegen:
"Ich war 25 Jahre alt und arbeitete an einer unfallchirurgischen Aufnahmestation. Eines Tages wurde ein junger Bursche mit schweren Kopfverletzungen gebracht. Wir versuchten, ihn zu reanimieren, aber es war sinnlos. Ich musste hinausgehen und es seinen Eltern sagen. Ich habe nie zuvor jemandem mitgeteilt, dass sein Kind tot ist, und hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte. Ich habe es dann einfach hervorgestoßen und die Mutter hat zu schreien und zu weinen begonnen. Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Ich sagte nur: ,Sorry?und rannte aus dem Zimmer. Ich kann die Frau heute noch schreien hören. Das ist jetzt 30 Jahre her und ich glaube nicht, dass sich inzwischen in der Ausbildung etwas verbessert hat, um jungen Ärzten zu helfen, wie sie lernen können, schlimme Nachrichten zu überbringen."

Linemayr: "Eine der wesentlichen Empfehlungen von Fallowfield ist die, an Kommunikationstrainings teilzunehmen: kommunikative Kompetenz ist lehrbar und trainierbar. Wir müssen uns die kommunikative Kompetenz dazu aneignen, und die kommunikative Kompetenz bedeutet in erster Linie eine Haltung und in zweiter Linie eine Fertigkeit." Dies bedeute, dass der Mensch in seiner Ganzheit, in seiner leiblichen, seelischen und sozialen Unverwechselbarkeit im Vordergrund steht, was mit sich bringe, "dass ich mich als Arzt selbst in meinem körperlichen, seelischen und sozialen So-Sein wahrnehme". Dies bringe mit sich, dass sich der Arzt als Kommunikator in erster Linie der Conditio humana stellen müsse, und die Conditio humana beinhalte zunächst einmal Leben und Sterben.
"Wenn ich über das Unaussprechliche reden will, muss ich mich mit der Endlichkeit des Lebens auseinandergesetzt haben, insbesondere meine eigene Sterblichkeit wahrgenommen haben; ebenso wie ich mich dem Sterben stellen muss, muss ich mich auch dem Leben stellen", betont Linemayr. "Das Leben beinhaltet eben auch Niedergang, Verlust und Zerstörung, Schmerz und Leid. Wenn ich mich dem Leben in dieser Ganzheit stelle, dann habe ich den nötigen Ernst für solche Gespräche, und dann habe ich auch eine Ausstrahlung, die dem Gegenüber vermittelt, dass auch das Grauenvolle akzeptiert und ausgehalten werden kann, auch die damit verbundenen Gefühle. Dann können wir uns gemeinsam diesen Gefühlen stellen, und das - nur das - fördert Nähe, Verständnis, Akzeptanz und Trost."

Diese Haltung schaffe wahre Empathie und damit die Voraussetzung, über das Unaussprechliche zu reden. Dieses Reden brauche nicht immer viele Worte. Die Frage nach den richtigen Worten stelle sich dann gar nicht mehr so, vielmehr kämen die Worte authentisch von selbst, respektive aus dem Selbst. Manchmal würden die Worte auch überflüssig, und ein gemeinsames Schweigen sei dann das Angebrachte.

"Das Aufbringen dieser Empathie, das Zulassen dieser Gefühle kostet Kraft, und wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht restlos verausgaben", warnt der Internist. "Hier kommen wir in Gefahr, mit unserem Helfersyndrom in Richtung Burn-out zu marschieren." Zu diesem Thema hat Wolfgang Wesiack, emeritierter Vorstand des Institutes für Medizinische Psychologie an der Universität Innsbruck, eine wunderbare Empfehlung gegeben: "Das kreative Pendeln zwischen Empathie und Distanz", so hat er es formuliert, "das können wir trainieren, und daran habe ich mich in schwierigen Situationen immer wieder erinnert, dass es auch wieder Zeit wird, mich zurückzuziehen und zu schützen."

Quelle: 33. Kongress für Allgemeinmedizin, Graz
Hinweis: Kommunikationstraining der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie. Info unter Tel. 02235/47-230; e-mail: , Quelle: 33. Kongress für Allgemeinmedizin, Graz, November 2002

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