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Praxis 4. Dezember 2012

Niedrigem Zinsniveau ein Schnippchen schlagen

Bei Privatanlegern gilt derzeit das Motto: „Unternehmensanleihen statt Sparbuch“.

Corporate Bonds boomen: Bis Ende Oktober wurden alleine an der Wiener Börse 25 Unternehmensanleihen im Gesamtvolumen von 4,33 Milliarden Euro neu emittiert.

Dazu gehören zahlreiche Anleihen für Privatanleger mit einer kleinen Stückelung zwischen 500 und 1.000 Euro wie eine fünfjährige 7,75 Prozent Sanochemia-Anleihe, eine siebenjährige 4,625 Prozent-Anleihe des Baukonzerns Swietelsky oder eine siebenjährige 4,5 Prozent Anleihe von Egger Holzwerkstoffe. „Die attraktiven Risikoaufschläge von 150 Basispunkten bei Investmentgrade (IG)-Anleihen bzw. 570 Basispunkte bei Hochzinsanleihen, die guten Fundamentaldaten der Unternehmen und die niedrigen Ausfallsraten (2012: 3%) sprechen aktuell für ein Investment in Unternehmensanleihen“, betont Alexander Fleischer, Anleihe-Chef der Erste Sparinvest.

Es waren die Worte von Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) Ende Juli: „Die EZB wird alles Notwendige tun, um den Euro zu erhalten“, die eine starke Rally bei Unternehmensanleihen auslöste. Das Vertrauen der Investoren in die Stabilität der Europäischen Währungsunion wurde nach dem angekündigten Ankaufprogramm der EZB sowie der Entscheidung des deutschen Bundesverfassungsgerichts zum Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) gestärkt.

Das Vertrauen der Investoren in Unternehmensanleihen beruht auf der soliden Fundamentallage europäischer Firmen. Die Liquiditätssicherung hat weiterhin oberste Priorität im Unternehmenssektor. Die erwarteten Ausfallsraten der Ratingagentur Moody´s für die kommenden zwölf Monate in Europa liegen auf niedrigem Niveau bei 2,8 Prozent. „Wenn sich Investoren in Phasen mit erhöhtem Risikoappetit auf die Suche nach Renditen begeben, sollten Hochzinsanleihen (High-Yield-Bonds) ohne Rating profitieren“, erklärt Gudrun Egger, Leiterin Major Markets & Credit Research der Erste Group. Besonders die Kurssteigerungen an den Aktienmärkten haben eine starke Aufwärtsbewegung dieser riskanteren Anleihen ausgelöst. Sie bieten Investoren im Schnitt einen Kupon von sechs Prozent, was selbst vor dem Hintergrund eines möglichen Ausfallsrisikos sehr attraktiv erscheint. Laut der Rating-Agentur Fitch erzielten High-Yield-Bonds in der ersten Jahreshälfte eine Performance von 20 Prozent. Gleichzeitig wurden innerhalb eines Jahres gerade einmal 1,15 Prozent der Hochzins-Anleihen nicht bedient.

Das Rendite-Risikoverhältnis

Während die Renditen zehnjähriger österreichischer Staatsanleihe derzeit auf Sparbuchniveau liegen, bieten IG-Unternehmensanleihen mehr als das Dreifache. Mit Hoch-Zinsanleihen lassen sich durchschnittliche Renditen von bis zu sechs Prozent lukrieren. Allerdings darf man nicht vergessen, dass es für Unternehmensanleihen keine Einlagensicherung wie auf einem Sparbuch gibt. Doch glücklicherweise sind Ausfälle bei renommierten Unternehmen äußerst selten, ganz ausschließen kann man sie aber nicht.

Zuletzt gerieten die drei österreichischen Alpine-Anleihen unter Druck, weil das Bauunternehmen einen Wertberichtigungsbedarf von 300 bis 400 Millionen Euro veröffentlichte. Innerhalb kürzester Zeit verlor die fünfjährige Alpine-Anleihe mehr als die Hälfte ihres Kurswertes und notiert aktuell 40 Prozent unter ihrem Ausgabekurs. Für Anleger, die das Papier bis zur Fälligkeit 2016 halten, bleibt also noch genug Zeit zur Erholung, schlecht sind jene Investoren dran, die gezwungen sind, jetzt zu verkaufen. „Je höher der in Aussicht gestellte Ertrag, desto höher das Risiko. Das gilt auch bei Unternehmensanleihen“, warnt Ulrike Weiß von der Konsumenteninformation der Arbeiterkammer Oberösterreich.

Aktuelle Anleiheempfehlungen

„Von den Fundamentaldaten her gefallen mir derzeit am Unternehmensanleihen von Finanzunternehmen, Telekom- und Versorgerfirmen am besten. Wer nach Ländern streuen will, dem empfehle ich zu 80 Prozent deutsche, österreichische, holländische und skandinavische Unternehmen zu setzen mit einer Beimischung von großen spanischen und italienischen Titeln“, unterstreicht Fleischer.

Wer es etwas riskanter liebt, für den sind Anleihen aus Schwellenländern eine Alternative. Heuer wurden dort bereits Anleihen im Wert 300 Milliarden Euro emittiert, ein Plus von 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Laut Hannes Boller, Portfoliomanager von Fisch Asset Management verfügen die dortigen Unternehmen über eine immer bessere Bonität, was sich in einer um ein Prozent höheren Rendite gegenüber Anleihen aus Industrieländern niederschlage.

Das Raiffeisen Research gibt für den österreichischen Anlagebauer Andritz eine Anleihen-Kaufempfehlung ab: „Für Investoren, die eine Anleihe mit Endfälligkeit haben wollen, ist die 3,875 Prozent Andritz-Anleihe eine interessante Alternative. Wir erachten diese Anleihe mit einer Rendite von 3,1 Prozent mit einer Restlaufzeit von sieben Jahren vergleichsweise immer noch für attraktiv, da Andritz über ein ausgesprochen solides Kredit-Profil verfügt.“

Ebenfalls eine Kaufempfehlung gibt das Raiffeisen Research für die jüngst emittierte 3,25 Prozent OMV-Anleihe mit einer Laufzeit von 15 Jahren ab. „Wir empfehlen eine Übergewichtung der Anleihe gegenüber dem Merrill Lynch Investmentgrade-Index.“

Wem der Kauf von einzelnen Anleihen zu riskant ist oder für Anleger, die auf breite Streuung wert legen, sei der „ESPA Bond Corporate BB“-Fonds der Sparinvest empfohlen. Dieser Anleihefonds veranlagt in Unternehmensanleihen internationaler Emittenten mit dem Rating „BB“. Das Portfolio wird mittels aktiver Titelselektion sowie einer Streuung über unterschiedliche Unternehmen und Sektoren breit diversifiziert. Etwaige Fremdwährungsrisiken werden durch laufende Kurssicherung gegenüber dem Euro abgesichert. In den letzten beiden Jahren erzielte der Fonds eine Rendite von über fünf Prozent. „Wir empfehlen diesen Fonds Privatinvestoren, die mindestens fünf Jahre investieren wollen und ein attraktives Chancen-Risikoverhältnis suchen“, so Fleischer abschließend.

Empfehlungen der AK OÖ

• Lassen Sie sich nicht von höheren Zinsen blenden und berücksichtigen Sie mögliche Ausfallsrisiken. Wenn das emittierende Unternehmen nicht mehr zahlungsfähig ist, können Sie das gesamte Kapital verlieren.

• Wenn Sie auf eine Kapitalgarantie Wert legen, müssen Sie darauf achten, dass Sie die Laufzeit einhalten können. Bei Verkauf während der Laufzeit erhalten Sie den aktuellen Kurswert, der niedriger als das ursprüngliche Nominale sein kann.

• Bei Anleihen ohne Rating haben Sie keinen Hinweis auf die wirtschaftliche Situation und Aussicht des Unternehmens. Daher obliegt es dem Anleihekäufer sich anhand der Bilanzen, Auftragssituation und Marktumfeld zu informieren und abzuschätzen, ob das Verhältnis der Zinsen zum Risiko stimmt.

• Achten Sie besonders bei kleinen Anlagebeträgen (Stückelungen ab 100 Euro) auf die Kauf- und Verwahrungsspesen.

• Ausschlaggebend für den Ertrag ist neben den Zinsen der Kaufkurs. Liegt dieser über dem Nominalwert, schmälert dies den Ertrag.

M. Strausz, Ärzte Woche 49/2012

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