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Immer am Ball bleiben: Das gilt für immer mehr Patienten auch bei Gesundheitsthemen.
 
Praxis 30. November 2012

Der schwierige Patient

Patienten-Empowerment durch Hilfe zur Selbsthilfe.

Der Arzt verliert sein Wissensmonopol – aber nicht seine Beraterfunktion für den informierten Patienten. Empowerment als Chance für mehr Effizienz?

Sie sind der Schrecken vieler Ärzte: Patienten, die in der Praxis mit dem Anspruch auftreten, jegliche Leistung erhalten zu können, weil sie jahrelang Tausende von Euro an ihre Kasse gezahlt haben.

Oder jene Zeitgenossen, die sich ihre eigene Diagnose schon aufgrund von Informationen aus dem Internet gebastelt haben und nun der Segnungen des medizinischen Fortschritts teilhaftig werden wollen. Oder auch die Ängstlichen, die den Einsatz von Chemie als potenzielle Vergiftung fürchten.

Etwas Vernunft angenommen

Eine aktuelle Umfrage der „Ärzte Zeitung“ belegt: Der real existierende Patient ist ein ziemlich schwieriger Zeitgenosse. Aber verglichen mit den Ergebnissen von 2002 scheinen die Patienten, so wie sie den Ärzten heute begegnen, etwas mehr Vernunft angenommen zu haben.

So ist offenkundig die Erkenntnis gewachsen, dass die gesetzliche Krankenversicherung kein Rund-um-Sorglos-Paket bietet. Waren es 2002 noch 55 Prozent der Ärzte, die darüber klagten, dass ihre Patienten immer mehr Leistungen forderten, die aus Sicht der Ärzte nicht erbracht werden dürften, so sind es nun etwas mehr als 48 Prozent. Auch der Anteil jener Patienten, die aggressiv und fordernd dem Arzt entgegentreten, hat von 41 auf gut 36 Prozent abgenommen. Die größte Veränderung scheint sich jedoch im Umgang mit der eigenen Krankheit abzuzeichnen. Der Anteil jener Patienten, die über ihre Krankheit besser informiert sind als früher, ist von gut 49 auf 61,5 Prozent gewachsen.

Daraus folgt: Der Arzt hat sein Wissensmonopol in der Medizin verloren. Nicht andere Berufe machen ihm das streitig, sondern wahrscheinlich das Internet, das medizinische Information demokratisiert hat.

Das ist Chance und Risiko zugleich: Fraglos besteht die Gefahr, dass die Roh-Informationen, die sich Patienten aus dem weltweiten Web ziehen können, unsystematisch und irrelevant sein können. Andererseits: Der interessierte und besser informierte Patient mobilisiert auch mehr Kraft für Heilungsprozesse oder zum Umgang mit seiner Krankheit. Fest steht jedenfalls, dass Patienten stärker an Therapieentscheidungen beteiligt werden wollen: knapp 46 Prozent aktuell im Vergleich zu 39 Prozent vor zehn Jahren.

Erhöhtes Informations- und Beratungsbedürfnis

Parallel dazu stellen Ärzte ein erhöhtes Informations- und Beratungsbedürfnis fest: von 74 auf über 89 Prozent. Auch der vorinformierte Patient ist keineswegs beratungsresistent, im Gegenteil: Patienten erwarten heute mehr denn je die Hilfestellung ihres Arztes, selbst recherchierte Informationen zu bewerten.

So bekommt der Behandlungsvertrag eine neue Qualität: Der Patient ist nicht mehr nur duldsames Objekt ärztlicher Bemühungen, sondern übernimmt einen aktiven Part, weil er weiß, um was es geht. Die Adhärenz steigt, die Effektivität einer Therapie wird besser. Arzt und Patient können sich, die jeweiligen individuellen Umstände berücksichtigend, besser verständigen, welche Therapieinstrumente geeignet und welche Therapieziele realistisch sind. Dass eine Kooperation von Arzt und Patient möglich und sinnvoll ist, darüber besteht Konsens, wie aus dem MLP-Gesundheitsreport 2011 hervorgeht.

Stichwort Eigenverantwortung: 82 Prozent der Bürger sind der Meinung, dass jeder durch eigenes Verhalten zur Gesunderhaltung beitragen kann, 32 Prozent meinen sogar „sehr viel“. 59 Prozent sind davon überzeugt, dass durch eigenes Verhalten auch Alterungsprozesse „deutlich“ herausgezögert werden können.

Drei Viertel der Ärzte wiederum sind der Auffassung, viele Arztbesuche würden vermieden werden können, wenn Patienten auf eine gesündere Lebensweise achten würden.

Konsens besteht darin, dass beide Seiten zur Gesundheitsförderung beitragen können. Nur jeder fünfte Bürger meint, Ärzte sollten sich auf die Behandlung von Beschwerden konzentrieren, drei Viertel erwarten von Ärzten, dass diese zu gesundheitsbewusstem Verhalten auffordern. Genau diese Erwartung wird von den Ärzten auch getroffen: Die Hälfte hält Tipps und Ratschläge für ein gesundheitsbewusstes Leben für „sehr wichtig“, weitere 36 Prozent für „ziemlich wichtig“.

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