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Praxis 3. November 2012

Den Patienten ernst nehmen

Informierte und aufgeklärte Patienten haben eine höhere Therapietreue.

Eine gute Kommunikation zwischen Schmerzpatienten und behandelnden Ärzten kann für den Erfolg der gewählten Schmerztherapie mit den verwendeten Schmerz-Medikamenten und für das Schmerz-Management insgesamt von zentraler Bedeutung sein. Folgen guter Arzt-Patient-Gespräche sind Verbesserungen in der Lebensqualität der Patienten und ein hohes Einsparungspotenzial für das Gesundheitssystem.

„Die Bedeutung einer an die Bedürfnisse der Schmerzpatienten angepassten Arzt-Patienten-Kommunikation wird in der modernen Schmerzmedizin im Gesamtkonzept der multimodalen Schmerztherapie zunehmend erkannt“, so Prof. Dr. Günther Bernatzky, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Leiter des Salzburger Schmerzinstituts anlässlich der 12. Österreichischen Schmerzwochen der ÖSG.

Hürden auf dem Weg zur adäquaten Schmerztherapie

Rund ein Drittel aller chronischen Schmerzpatienten, zeigte eine große europäische Studie, sind nicht behandelt. Hürden auf dem Weg zu einer adäquaten Schmerztherapie sind zum einen institutionelle Hemmnisse wie unzureichende schmerzmedizinische Infrastruktur oder ein eingeschränkter Zugang zu wirksamen Medikamenten. Eine andere Art von Barriere hat mit persönlichen Einstellungen, Mentalitäten, Vorurteilen und Klischees zu tun. „Dass die Therapietreue oft so schlecht ist, hängt auch mit dem emotionalen Zugang des Patienten zum Thema Schmerz und Schmerztherapie zusammen und der Furcht vor Nebenwirkungen, manchmal sogar vor Abhängigkeit“, so der Experte. Manche fürchten, dass zuzugeben Schmerzen auch als „Charakterschwäche“ gesehen wird.

Viele Patienten nehmen ihre Medikamente auch nicht ein, ohne darüber den Arzt zu informieren, um diese nicht zu beleidigen und um sich Diskussionen zu ersparen. Ärzte sollten aber auch über verwendeten nichtmedikamentösen Methoden informiert werden. Bernatzky: „All das zu wissen, ist der Schlüssel für eine individuelle angepasste und erfolgreiche Schmerzbehandlung.“

Untersuchungen zum Arzt-Patient-Gespräch

Beispielhaft zwei aktuelle Studien zur Arzt-Patient-Kommunikation:

  • Eine Studie der Anästhesie-Schmerzambulanz der Charité erfasst die „internen und externen Faktoren als mögliche Gründe für die Non-Adhärenz zur Schmerzmitteleinnahme“ von Schmerzpatienten. Die Auswertung von 61 Fragebögen zeigt, dass als häufigster Grund für ihr Verhalten die Angst vor Risiken und Nebenwirkungen der Schmerzmittel angegeben wird. Die Schlussfolgerung der Studienautoren: Eine Steigerung der Adhärenz könnte über eine Verbesserung der Aufklärung und Kommunikation z. B. zu Sorgen vor Nebenwirkungen erfolgen.
  • Das Uniklinikum Freiburg hat 700 Patienten mit chronischem Rückenschmerz (CRS) über ihre kommunikativen Präferenzen beim Arzt-Patient-Gespräch befragt: Am wichtigsten war den Befragten „eine effektive und offene Kommunikation des Arztes“. Am wenigsten wichtig „mit dem Behandler über Persönliches zu reden“. Weil der Interventionserfolg bei chronischen Schmerzen von einer gelungenen Arzt-Patient-Kommunikation abhängen kann, folgern die Studienautoren: CRS-Patienten unterscheiden sich in ihren Kommunikations-Präferenzen, Ärzte sollten deshalb ein flexibles Kommunikationsverhalten zeigen.

Die auf dem 14. Welt-Schmerz-Kongress der IASP in Mailand Ende August gegebene Empfehlung an Ärzte lautete „Stellen Sie Fragen, beziehen Sie Patienten ein, klären sie deren Familien auf“ :

  • Ärzte sollten Patienten aktiv zum Thema Schmerz befragen, sorgfältig zuhören und auf Bedenken einzugehen. Patienten sollten gefragt werden, ob sie Schmerzen haben und wie intensiv und hartnäckig diese Schmerzen sind. Es sollte herausgefunden werden, ob sie im Zusammenhang mit ihren Schmerzen besorgt sind – falls ja, sollte das angesprochen werden.
  • Patienten einbeziehen: Patienten, die sich bei den Entscheidungen für ihr Schmerzmanagement aktiv einbezogen fühlen, werden sich besser daran halten und werden eher empowered, etwas gegen ihre Schmerzen zu tun.
  • Familienmitglieder einschließen: Wenn Schmerzpatienten das Gefühl haben, dass ihre Familie nicht an ihre Schmerzen glaubt, oder gegen Opioid-Schmerzmedikamente Bedenken hat, werden sie tendenziell die Medikamente weniger intensiv einnehmen. Die Aufklärung von Familienmitgliedern spielt also eine wichtige Rolle.

Multimodale Schmerztherapie

Im Rahmen der multimodalen Therapieprogramme wird das Prinzip der modernen Schmerzerklärung als Bio-psycho-soziales Modell ernst genommen. Es wird bedacht, dass neben dem qualifizierten Einsatz medikamentöser und nichtmedikamentöser Methoden auch Zuwendung oder psychotherapeutische Interventionen von Bedeutung für den Therapieerfolg sind. Nicht zuletzt stellen frühere Therapieerfahrungen und damit verbunden die Erwartungshaltung des Patienten einen wichtigen Anteil am Erfolg dar.

Quelle: Pressegespräch: 12. Österreichische Schmerzwochen, 16. Oktober 2012, Wien

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