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Praxis 4. Oktober 2012

Unisex-Tarife

Ab 21. Dezember 2012 sind neue Versicherungsverträge geschlechtsneutral.

Ab Jahresende müssen die Versicherer männlichen und weiblichen Kunden gleiche Tarife anbieten. Grund ist ein Entscheid des Europäischen Gerichtshofes (EuGH), der die bisherige Praxis, dass Frauen und Männer unterschiedliche Prämien zahlen, als diskriminierend ablehnt.

Betroffen sind vor allem Tarife aus dem Lebens-, Kranken- und Pflegeversicherungsbereich wie Risiko- und Ablebensversicherungen, Unfall- und Bestattungsvorsorge. Dabei könnten sich die Prämien für Frauen und Männer um bis zu 30 Prozent nach oben oder unten verändern. Auch bei Altverträgen könnte es zu Änderungen kommen, wenn „gravierende Vertragsveränderungen“ vorgenommen werden.

Studie zeigt negative Auswirkungen

Das unabhängige britische Beratungsunternehmen Oxera hat in einer Studie („The impact of a ban on the use of gender in insurance“) in neuen europäischen Ländern (Österreich war nicht dabei) die wirtschaftlichen Auswirkungen von obligatorischen Unisex-Tarifen auf die Versicherungskunden untersucht. „Das Studienergebnis zeigt, dass das Verbot von Geschlechtsdifferenzierungen eine Reihe von unbeabsichtigten, negativen Konsequenzen für Verbraucher, Versicherungsmärkte und die gesamte Gesellschaft hat“, warnt Michaela Koller, Generaldirektorin des Europäischen Versicherungs- und Rückversicherungs-Verbands CEA. Je nach Versicherungssparte werden sich demnach die Prämienhöhen sowohl bei Frauen als auch bei Männern verändern. Ursache dafür sind Umverteilung und Sicherheitszuschläge. Im ersten Fall müssen die unterschiedlichen Prämien für Männer und Frauen zu einer einheitlichen Prämie verbunden werden. Dabei werden die Prämien vom Geschlecht mit dem höheren zum Geschlecht mit dem niedrigeren Risiko umverteilt. Da die Versicherungen nicht wissen, wie hoch der Anteil von Männern und Frauen am Neugeschäft sein wird, müssen sie dies in ihrer Kalkulation berücksichtigen, damit sie ihre Verpflichtungen gegenüber den Kunden erfüllen können. Deshalb müssen zusätzliche Sicherheiten einkalkuliert werden. Oxera prognostiziert nach der Datenauswertung aus verschiedenen europäischen Ländern alleine aufgrund des Umverteilungseffektes folgende Auswirkungen:

• in der privaten Rentenversicherung für Männer eine im Schnitt um fünf Prozent niedrigere Leistung.

• in der Risikolebensversicherung für Frauen Prämienerhöhungen um mindestens 30 Prozent.

• in der KFZ-Versicherung für junge Frauen Prämienerhöhungen um mindestens 11 Prozent.

Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen zudem, dass Unisex-Tarife zu einem höheren durchschnittlichen Prämienniveau für beide Geschlechter führen. Grund dafür sind im Wesentlichen die oben erwähnten Sicherheitszuschläge.

Wie reagieren die heimischen Assekuranzen?

Ob die neuen Tarife insgesamt zu einer Preissteigerung führen werden, ist noch offen. Die Expertin des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) Gabi Kreindl hofft, „dass die neuen Tarife nicht so ausgestaltet werden, dass sie in Summe für beide Geschlechter teurer werden.“

„Wir sind bemüht, ein optimales Ärzte-Versicherungspaket zu schnüren und passen aufgrund der neuen Unisex-Tarife speziell die Unfallversicherung an. Gerade diese Sparte, wie auch private KFZ-, Kranken- oder Lebensversicherung sind am meisten betroffen, da in der Vergangenheit unterschiedliche Prämienfindungen für Ärzte und Ärztinnen erfolgt sind“, erklärt Gerald Gregor, Leiter Haftpflicht- und Unfallversicherung der Zürich Versicherungs-AG.

Bei der Wiener Städtischen Versicherung ist man fleißig am rechnen, insbesondere die Produktgruppen Risikolebensversicherung und Berufsunfähigkeit sowie die Krankenversicherungen werden bis zum Dezember komplett überarbeitet und völlig neu gestaltet. „Wir gehen davon aus, dass die Prämien in der Krankenversicherung für Frauen zwischen 20 und 45 Jahren günstiger, die für Männer etwas teurer werden“, erklärt Städtische Vorstandsdirektorin Judit Havasi gegenüber der Ärztewoche. Insbesondere für Männer empfehle sich daher der Abschluss einer Sonderklassenversicherung bis zum 20. Dezember 2012. Bei der Städtischen zahlen Frauen derzeit bei der Risikolebensversicherung weniger als Männer, für diese sind hingegen aufgrund der geringeren Lebenserwartung Rentenversicherungen billiger. „Frauen sollten daher noch vor dem Inkrafttreten der Unisex-Richtlinie eine Risikolebensversicherung abschließen, Männer eine Pensionsversicherung und Pflegevorsorge, wenn sie noch keine besitzen“, empfiehlt Havasi.

„Frauen, die planen eine Ablebens-Risikoversicherung abzuschließen, sollten dies auf jeden Fall noch vor dem Stichtag 21. Dezember 2012 erledigen und sich damit auf die gesamte Vertragslaufzeit – je nach Alter und Lebensgewohnheiten – zwischen 20 und 40 Prozent Prämie sparen“, empfiehlt Heinz Schuster, Vorstand der Sparkassen Versicherung AG (s-Versicherung).

Männer die bis zu diesem Zeitpunkt planen eine private Pensionsvorsorge abzuschließen, könnten laut Schuster bis zu zehn Prozent an Prämienzahlungen einsparen.

Eine weitere Änderung betrifft die Garantieverzinsung. Diese wird, voraussichtlich ebenfalls Ende 2012 um 0,25 Prozent gesenkt. Das bedeutet, dass Versicherungsgesellschaften anstelle der bisherigen zwei Prozent künftig 1,75 Prozent Verzinsung auf das eingezahlte Kapital garantieren dürfen. Auch diese Änderung wirkt sich auf die Prämien – ausgehend von gleichen Versicherungsleistungen aus – und sollte daher berücksichtigt werden.

VKI-Expertin rät: nicht drängen lassen

Eigentlich müssten sich steigende und sinkende Frauen- und Männerprämien die Waage halten. Denn wenn es aufgrund des Geschlechts für Männer teurer wird, muss es für Frauen billiger werden.

Von den Versicherern wird aber argumentiert, dass die Prämien steigen werden, weil zusätzliche Sicherheiten einkalkuliert werden. Es könnte beispielsweise sein, dass sich durch die Vergünstigungen mehr Menschen versichern als zuvor versichert waren. Und damit steigt das Risiko für die Assekuranzen. Versichern bedeutet Risiko abdecken. „Daher sollten nur jene Gefahren abgesichert werden, die wirklich ein Risiko darstellen, etwa wenn ein Alleinverdiener einer Jungfamilie stirbt oder nicht mehr arbeiten kann oder das Haus nach einem Brand völlig zerstört ist“, rät die Versicherungsexpertin des Vereins für Konsumenteninformation (VKI), Gabi Kreindl. Als Beispiele sind hier das Ablebensrisiko oder das Unfallrisiko zu nennen.

Viele Versicherungsangebote hätten mit der ursprünglichen Idee der Risikoabsicherung nicht mehr viel zu tun. Auf jeden Fall sei ein regelmäßiges Überprüfen der Versicherungspolizzen dringend anzuraten: „Sie sollten genau über ihre bestehenden Verträge und deren Umfang Bescheid wissen, beispielsweise welche Risiken in welcher Höhe gedeckt sind.“ Schlechte oder unnötige Produkte würden hingegen viel Geld verschlingen. „Bewahren Sie auf jeden Fall kühlen Kopf und lassen sie sich nicht drängen, wenn der Versicherer eine Umstellung will oder einen neuen Vertrag anbietet“, so die VKI-Expertin.

Quelle: Verein für Konsumenteninformation

Unterschiedliche Änderungen in den einzelnen Sparten

Die geschlechtsspezifische Angleichung der Prämien bringt je nach Produktkategorie einem Geschlecht günstigere, dem anderen hingegen teurere Prämien:

• Berufsunfähigkeitsversicherung: Die Prämien werden für Frauen günstiger und für Männer teurer.

• Krankenversicherung: In der privaten Zusatzkrankenversicherung zahlten Frauen bisher deutlich mehr (weil sie häufiger Leistungen in Anspruch nehmen - nicht zuletzt wegen der Geburten). Die Frauen sollten für Frauen billiger werden.

• Lebensversicherung: Lebensversicherungen zur privaten Vorsorge werden für Frauen günstiger und für Männer teurer. Bisher zahlten Männer, weil sie im Schnitt kürzer leben, für die gleiche Rente eine niedrigere Prämie. Das wird sich nun ändern.

• Risikolebensversicherung: Männer sterben statistisch gesehen früher als Frauen. Ab Jahresende steigen die Prämien für Risikoversicherungen für Frauen an, für Männer wird es günstiger. Eine Risikolebensversicherung ist für Menschen sinnvoll, die Angehörige absichern wollen – vor allem junge Paare und Familien.

• Unfallversicherung: Frauenprämien waren billiger, weil Frauen seltener Unfälle erleiden. Nun werden Frauenprämien teurer, Männerprämien günstiger.

M. Strausz, Ärzte Woche 40/2012

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