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© Daniel Laflor / istockphoto.com
Jede lebensverändernde Diagnose wirkt auf Betroffene erst einmal wie ein Schock.
 
Praxis 23. September 2012

Die Perspektive des Patienten berücksichtigen

Diagnose Krebs, MS und Co.: Das Überbringen schlechter Nachrichten.

Ärztinnen und Ärzte müssen manchen ihrer Patienten schwerwiegende Diagnosen übermitteln. Solche Aufklärungsgespräche sind nicht leicht und können sogar juristische Konsequenzen haben. Deswegen gilt es, einiges zu beachten.

Schlechte Nachrichten zu überbringen, gehört für Ärzte fast zur täglichen Arbeit. Wer einem Patienten mitteilt, dass bei ihm eine Krankheit festgestellt wurde, die zu einer Umstellung der Lebensgewohnheiten führt, wie etwa Diabetes mellitus, Herzkrankheiten, Krebs oder Multiple Sklerose, vermittelt etwas sehr Negatives für den Betroffenen. Und kann damit zunächst für einen Schock sorgen. Denn schockierende „schlechte Nachrichten“ beziehen sich nicht nur auf potenziell lebensbedrohende Krankheiten wie Krebs. Somit gilt es, die Perspektive des Patienten zu berücksichtigen.

Und das bedeutet, dass alles, was auf eine gravierende Veränderung der Lebensumstände hinausläuft, eine schlechte Nachricht sein kann und mit viel Fingerspitzengefühl kommuniziert werden muss. Solche Aufklärungsgespräche sind nicht nur kommunikativ schwierig, sondern sie können schon wegen möglicher juristischer Konsequenzen sehr heikel sein. Eine Behandlung, in die der Patient nicht ausdrücklich eingewilligt hat, ist nach der Rechtsprechung eine Körperverletzung.

Mangelnde Aufklärung ist ein häufiger Klage-Grund

Die Aufklärung muss deshalb detailliert und verständlich genug sein, damit der Patient seine Entscheidung treffen kann. Mangelnde Aufklärung ist ein häufiger Grund für eine Klage von Patienten gegen Ärzte.

Im vergangenen Jahr bezogen sich in Deutschland 707 von den insgesamt 14.095 Beschwerden, die bei den Schlichtungsstellen der Ärztekammern eingegangen sind, auf mangelnde Aufklärung. Das Thema stand damit an fünfter Stelle in der Klageliste. Ärzte sollten sich also vergewissern, ob der Patient auch wirklich alles verstanden hat, und das Gesagte sorgfältig dokumentieren.

Ganz wichtig ist zudem, sich für solche Gespräche Zeit zu nehmen. Denn wer mit einer für ihn schlechten Nachricht konfrontiert wird, ist erst einmal wie gelähmt. Empirische Untersuchungen belegen, dass auch nach intensiven Aufklärungsgesprächen nur ein geringer Teil der Information später erinnert wird.

In einer Studie am Herzzentrum Köln konnten sich zwei von 200 aufgeklärten Patienten nicht mehr an die Inhalte des Gesprächs erinnern, obwohl sie die Einwilligung zur invasiven Koronarangiographie unterschrieben hatten (DMW 136(47), 2011, 2407). Es kann also durchaus nötig sein, mehrere Gespräche zu führen.

Grundsätzlich hätten mehrere Studien belegt, dass die meisten Patienten auch über lebensbedrohende und schwerwiegende Krankheiten umfassend aufgeklärt werden wollen, so der Bochumer Medizinethiker Privatdozent Jan Schildmann und die Berliner Onkologin Dr. Eva Schildmann („Das Arzt-Patient – Patient-Arzt-Gespräch“, Marseille Verlag, 2009). Fast alle befragten Patienten wollten demnach so viel Information wie möglich erhalten.

Es gehört aber zur Kommunikation schlechter Nachrichten, herauszufinden, wie viel der jeweilige Patient wirklich wissen will – und auch, ob er überhaupt etwas wissen will.

Denn der Respekt vor der Autonomie und dem Selbstbestimmungsrecht des Patienten bedeutet auch, dass Patienten das Recht haben, die Aufklärung abzulehnen. Das muss dann unbedingt dokumentiert werden.

Sechs Schritte zum gelungenen Aufklärungsgespräch

Auf das Überbringen schlechter Botschaften können sich Ärzte in gewissem Maße vorbereiten. Der Bochumer Medizinethiker Dr. Jan Schildmann und die Berliner Onkologin Dr. Eva Schildmann haben dazu einen Leitfaden erstellt. Die einzelnen Schritte sehen wie folgt aus (T. Langer und M. W. Schnell (Hrsg.): Das Arzt-Patient – Patient-Arzt-Gespräch. Marseille Verlag 2009)

Erster Schritt

„Vorbereitung und Gesprächsbeginn“: Der Arzt sollte klären, wer beim Gespräch dabei sein soll (etwa Angehörige) sowie notwendige Informationen wie Befunde bereithalten. Und es gilt, einen geeigneten Ort zu finden, nämlich einen möglichst ruhigen Raum mit genügend Sitzgelegenheiten und ohne Barrieren zwischen Arzt und Patient. Die Begrüßung sollte noch im Stehen erfolgen.

Zweiter Schritt

„Vorwissen und Einstellung des Patienten eruieren“: Herausfinden, was der Patientin oder dem Patienten bisher gesagt wurde, wie er seine momentane Situation wahrnimmt, was er darüber denkt und für wie Ernst er die Erkrankung hält. Anknüpfen an die Antworten des Patienten und sie als Ausgangspunkt für die schlechten Nachrichten nehmen.

Dritter Schritt

„Informationsbedarf des Patienten klären“: Erfragen, wie detailliert der Patient informiert werden will oder ob er lieber über die möglichen Konsequenzen reden möchte. Sollte der Patient zu diesem Zeitpunkt keine detaillierte Aufklärung wünschen, sollte gleich über die Therapie gesprochen werden, aber es sollten weitere Gespräche zu einem späteren Zeitpunkt angeboten werden.

Vierter Schritt

„Mitteilen der Information“: Warnen, dass eine schlechte Nachricht mitgeteilt wird, etwa durch das Wort „leider“. An dem Wissen des Patienten anknüpfen, möglichst seine eigenen Worte benutzen. Und ihn schrittweise zu der Nachricht führen.

Schritt 5

„Emotionen zulassen und weitere Informationen mitteilen“: Raum geben, Emotionen wie Trauer, Wut oder Schock auszudrücken, Reaktionen wahrnehmen und empathisch darauf eingehen – zum Beispiel durch offene Fragen. Ganz wichtig sind Pausen. Zuhören, was der Patient besprechen möchte und zu Fragen ermuntern. Nachhaken, was der Patient verstanden hat. Gegebenenfalls Zeichnungen, schriftliche Stichpunkte, Infobroschüren einsetzen.

Sechster Schritt

„Planung des weiteren Vorgehens“: Die Infos zusammenfassen und weitere Unterstützungsmöglichkeiten nennen (etwa Psychologe, Selbsthilfegruppe), gemeinsam die nächsten Schritte planen und den nächsten Termin vereinbaren.

 

springermedizin.de, Ärzte Woche 38/2012

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