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Illustration: DI Niel Mazhar
Hocker mit Stauraum, zusammenklappbare Bücherregale auf Rollen und bewegliche Deckensegel als Ablageflächen – so sehen die große Helden der kleinen Räume aus.
Foto: Astrid Mazhar

DI Niel Mazhar Architekt, Innenausstatter und Illustrator aus Wien

 
Praxis 15. Juni 2009

Große Ideen für kleine Räume

So kommen Schrumpfräume ganz groß raus!

Letzte Woche stattete ich meiner Zahnärztin einen Besuch ab. Lange hatte ich die dringend erforderliche Stippvisite hinausgeschoben, um Ausreden, warum ich die vereinbarten Termine nicht einhielt, war ich nie verlegen. Doch schließlich war es so weit. Ich stellte mich meinen dentalen Pflichten. Was dieser Ausflug in das Reich der Zahnfee mit großartigen Möbeln in zu klein geratenen Räumen zu tun hat, lesen Sie in dieser Folge des Raumdoktors.

 

Ich würde behaupten, dass ich im Grunde ein recht mutiger Mensch bin. Ich habe auch nicht prinzipiell etwas gegen Ärzte, nicht einmal gegen Zahnärzte. Ich denke auch nicht, dass ich unter einer Form der Latrophobie, der krankhaften Angst vor Ärzten, leide – ganz im Gegensatz zur Klaustrophobie, und genau hier beginnt das Problem. Ich liebe großzügige Räume, hell und geräumig. Die Behandlungszimmer in der von mir frequentierten Zahnklinik entsprechen diesem Freiheitsdrang aber nicht. Im Gegenteil, sie besitzen eher den Charme und die Bewegungsfreiheit sowjetischer Raumkapseln aus der Zeit des Kalten Krieges.

Klein, aber oho!

Das war zumindest bisher der Fall. Diesmal erwartete mich eine Zahnarztpraxis, die in neuem Glanz erstrahlt war. Wo vorher große Maschinen und umständliches Interieur den Weg zu einem monströsen Behandlungssessel verstellten, erwartete mich nun eine funktionell eingerichtete Praxis. Das moderne und flexible Interieur ließ die recht kleinen Räumlichkeiten, trotz lästiger Bohrgeräusche im Hintergrund, nicht mehr so bedrückend erscheinen.

Besonders der moderne Zahnarztstuhl hatte es mir angetan. Zierliche und elegant geschwungene Schwenkarme schwebten scheinbar um den Patienten. Ich fühlte mich wie im Zentrum eines Planetensystems, diverse Werkzeuge und Anlagen schienen mich hypnotisierend zu umkreisen, und dies lag nicht allein an den Betäubungsmitteln. Alles in dem kleinen Raum hatte seinen Platz, mitten drin eine Arbeitsinsel mit vielen schwenkbaren Armen, ergonomisch und kompakt. Der kleine Raum konnte dank des flexiblen Interieurs optimal genutzt werden.

Wenn der Schreibtisch eine helfende Hand anbietet

Ist solch vielseitiges Interieur in attraktivem Design nicht auch abseits eines Behandlungsstuhls einsetzbar? Die Idee mit den multifunktionalen und anpassbaren Schwenkarmen ist ein guter Ansatz für Räume in Platznot und lässt sich in vielen Bereichen anwenden. Bewegliche Halterungen und Drehteller können auch rund um den ganz normalen Arbeitstisch eingesetzt und an der Wand oder direkt am Mobiliar angebracht werden. So wird das Schreibpult von Telefon, Drucker, Fax und Bildschirm befreit und gerät nicht zum Chaosmagneten. Auch als zusätzliches Ablagebord ist so eine Halterung einsetzbar und wird bei Bedarf näher an die Arbeitsfläche herangezogen oder verschwindet ganz aus dem Blickfeld. Mit diesem Schwenkarmsystem wird kostbare Schreibtischoberfläche gewonnen.

Heutzutage schrumpfen Papierberge, die meisten Daten werden digital übermittelt und gespeichert, das spart Energie, Platz, Papier und schont die Umwelt. Doch trotz moderner Technologien – ganz ohne Papierkram geht es noch nicht. Ein System, mit dem große Papierberge klein gehalten und Platz eingespart werden kann, ist dabei vorteilhaft.

Bibliophile Wandkoffer

Regale und Kästen nehmen aber besonders viel Platz an der Wand ein. Akten und Ordner lassen sich dort nur in einer Reihe gut sichtbar aufstellen. Auch wenn diese nur von Zeit zu Zeit benötigt werden, bleiben sie ständig störend im Blickfeld. Praktisch wäre es, könnte man einfach mehrere Bücherregale hintereinander stellen – und man kann! Kleine Bücherregale können auf Rollen montiert werden und hintereinander geschoben oder wie ein Koffer zusammengeklappt werden (siehe Abbildung): Innenseite an Innenseite. Unschöne Regalansichten werden so vermieden, ein aufgestellter „Aktenkoffer“ als mobiles Regal kann nach Gebrauch einfach wieder zusammengeklappt und weggerollt werden.

Wenn nicht einmal genug Platz für ein Bücherregal vorhanden ist, etwa in einem schmalen Flur, kann man auch mit originellen Ideen für gestalterische Abwechslung sorgen. Befestigen Sie in einem orthogonalen Raster breite Gummibänder an der Wand, und schon ist ein unkomplizierter Aufbewahrungsort für Zeitschriften und sonstigen Kleinkram entstanden, der keine Bodenfläche in Anspruch nimmt. Die aufzubewahrenden Gegenstände werden einfach zwischen die Gummibänder eingeklemmt. Wenn für die Bänder auch noch verschiedene Farben gewählt werden, kann ein schönes Muster an der Wand entstehen.

Regale können aber auch außerhalb ihres Sichtfeldes angebracht werden. Zum Beispiel darüber, direkt unter der Decke, die Wand rings umlaufend. Ob in einer Arztpraxis oder zuhause, wir alle besitzen Inventar, das nicht täglich gebraucht wird, wie etwa Bücher und überdimensionale Nachschlagwerke. Genau dafür eignen sich solche Regale. Sie stehen nicht im Weg herum, wirken aber vor allem in überhöhten Räumen mit geringer Bodenfläche sehr dekorativ.

Unter dem Sessel ist noch Platz

Vor Jahren besuchte ich eine Ausstellung des Konzeptkünstlers Bruce Naumann. Plötzlich stand ein massiver Betonklotz im Weg, dessen Abdrücke an der Oberfläche mir vertraut erschienen. Die Skulptur hieß „A Cast of the Space under My Chair“. Hier war nichts anderes als der normalerweise nicht greifbare Raum unter einem Sessel materialisiert. Oder anders: Die sonst negierte Leere war sichtbar gemacht worden. Im Kopf rekonstruierte der Betrachter den „unsichtbaren“ Sessel anhand der Abdrücke im Beton. Abseits jeder Kunsttheorie faszinierte mich besonders, wie groß dieses ungenutzte Volumen unter einem Sessel eigentlich ist.

Schauen Sie sich einmal um, genau jetzt, da, wo Sie sich gerade befinden. Direkt vor Ihrer Nase versteckt sich eine Menge an ungenutztem Raum. Allein auf gut einem Viertel Kubikmeter ungebrauchten Raumes sitzen Sie gerade! Ganz schön viel, vor allem wenn man bedenkt, dass ein durchschnittliches Bücherregal etwa nur über das Doppelte an Fassungsvolumen verfügt.

Kleine Möbel sind zu großen Taten bereit

Besonders für kleine Räume sollte man daher Ausschau nach flexiblen und multifunktionalen Möbeln halten. Unter Tisch, Sessel und Couch versteckt sich viel unberührter Stauraum. Nutzen Sie diese Volumina mit geeignetem Mobiliar wie etwa der Kombination aus Hocker und Truhe. Oder kleinformatige Beistelltische, die ineinander verschiebbar sind und bei Gebrauch einfach auseinandergeschoben werden können. Wenn es die Beinfreiheit erlaubt und der Tisch groß genug ist – wählen Sie einen, der über zusätzliche Ablageflächen unter der Tischplatte verfügt, das verdoppelt auch bei kleinen Tischen die Ablagefläche. Tischböcke unter Arbeitstischen, in denen auch Aktenablagen oder Schubladen Platz haben, helfen Ordnung zu bewahren und den Raum frei zu halten. Bei größeren Arbeitstischen und Konferenztischen wählen Sie ein Modell mit einem zentralen Tischbein. Dies ermöglicht freiere Sitzplatzwahl bei erhaltener Beinfreiheit, auch an den Ecken des Tisches.

Segel sind nicht nur zum Segeln da

Aber nicht nur unter dem Tisch, auch darüber ist noch einiges an ungenutztem Raum. Denkbar ist eine von der Decke abgehängte Plattform direkt über der Tischfläche, eine Art Segel, in dem auch die Tischbeleuchtung eingebaut werden kann. Durch Heben und Senken des Segels, kann die Beleuchtung näher am Tisch platziert werden, aber auch die Abstellfläche auf dem Segel einfacher erreicht werden.

Auch Stühle und Sitzbänke, die über eine zusätzliche Ablagefläche unter der Sitzfläche verfügen, sind praktisch. Solche Sessel im Warteraum einer Arztpraxis erlauben dem wartenden Patienten, dort etwa die Tasche abzustellen. Dadurch bleibt diese dem Boden wie auch dem Schmutz fern. Auch Lese- und Informationsmaterial für den wartenden Patienten könnte dort platzsparend verstaut werden.

Kleine Räume sind kein Klotz am Bein, sofern man richtig mit ihnen umzugehen weiß. Denn wo Platz eingespart wird, kann auch komfortabler gearbeitet und gewohnt werden. Denn denken Sie daran – wer den Zentimeter nicht ehrt, ist den Kubikmeter nicht wert. Und kommt in kleinen Räumen auch keinen Millimeter weiter! Statt der Klaustrophobie wird man in durchdacht möblierten Räumen so bald der Agoraphobie frönen dürfen. Oder man wählt eine Phobie, die sich im Alltag weniger störend auswirkt. Wie wäre es mit der Zemmiphobie, der Angst vor Maulwürfen?

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 24 /2009

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