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Foto: Diakoniewerk Gallneukirchen
Eigentlich sollte jeder Mensch einen Tag im Rollstuhl verbringen, um zu erkennen, wie schwierig der Alltag ist, wenn man überall Hürden begegnet.
 
Praxis 15. Juni 2009

Arztzugang ohne Hürden

Ordinationen sollten für alle Menschen zugänglich sein.

Von einer barrierefreien Ordination profitieren neben Menschen mit Behinderung auch ältere Personen, Menschen nach Unfällen, sowie Mütter und Väter, die mit Babys und Kleinkindern unterwegs sind. Derzeit sind Menschen mit körperlichen Behinderungen von der freien Arztwahl ausgeschlossen, da viele Mediziner die Vorgaben für einen leichteren Zugang zu ihnen nur halbherzig umsetzen.

 

Ab 2015 wird die letzte Übergangsfrist des seit 2006 geltenden Behindertengleichstellungsgesetzes schlagend, dann müssen alle öffentlichen Räume barrierefrei erreichbar sein. „Darunter fallen auch Ordinationen von Ärzten und Einrichtungen im Spital“, betont Ing. Bernhard Hruska, der sich als Sachverständiger und Berater im „österreichischen Netzwerk Barrierefrei“ engagiert. Diese Einrichtung unterhält Beratungsstellen für barrierefreies Planen und Bauen sowie das Zentrum „design for all“, das Beratung, Begutachtung, Schulungen und Informationen in diesem Zusammenhang anbietet.

Vorteile für Patienten, aber auch das Ordinationsteam selbst

„Leider reagieren einige Ärzte beim Thema Barrierefreiheit unwillig“, bedauert Hruska, dabei profitierten durch entsprechende Maßnahmen nicht nur die Patienten, sondern auch das Team der Ordination. Weniger Barrieren bedeuten ein geringeres Risiko von Unfällen, ganz abgesehen vom viel höheren Komfort für alle Benutzer.

Hruska kennt als Angehöriger den Alltag im Rollstuhl. Bei der Barrierefreiheit geht es nicht nur um Rampen oder Lifte. Ebenso wichtig sind ausreichend breite Türen und entsprechend ausgestattete Toiletten sowie ein Empfangspult auf Augenhöhe mit den im Rollstuhl Sitzenden. Der richtige Umgang mit Menschen mit Behinderungen beginnt schon beim Kontakt mit der Arzthelferin am Empfang.

Nicht nur Menschen im Rollstuhl sind benachteiligt

Von einer Ordination mit Barrierefreiheit profitieren alle Patienten und Patientinnen – auch jene, die durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit zeitweilig oder langfristig geschwächt und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind. Eine große Zielgruppe sind Personen, die wegen ihres Alters mit Barrieren aller Art zunehmend Probleme haben, außerdem Mütter und Väter, die mit Kleinkindern unterwegs sind, und alle Kranken, für die eine Ordination im dritten Stock ohne Lift, enge Türen und Nasszellen zusätzlich zu ihrer Erkrankung eine Belastung darstellt. „Es muss deutlich gesagt werden: Für viele Menschen ist die freie Arztwahl stark eingeschränkt. Eine Reihe von Ordinationen sowie Gesundheitseinrichtungen wie physikalische Institute schließt Menschen mit Behinderung durch fehlende Zugänge bzw. Barrieren bei Untersuchungen oder Behandlungen aus“, sagt Hruska.

Geförderte Menschlichkeit

Über das Bundessozialamt gibt es großzügige Förderungsmöglichkeiten für Umbauten in Richtung Barrierefreiheit, wobei die Kosten bis zur Hälfte übernommen werden. Darüber hinaus wird ein Info-Service angeboten und ein umfassendes Beratungsservice für Planung und Realisierung vermittelt. Es gebe, warnt Hruska, zu wenig Wissen und viele halbrichtige Informationen: „Es reicht nicht, betroffene Menschen zu fragen, was sie stört. Für barrierefreie Qualität in Arztpraxen empfehle ich, Ratschläge von qualifizierten Experten für die Accessibility-Beratung heranzuziehen. Hier sind auch die Ärztekammern stärker gefragt.“

Behindertengerechte Parkplätze unmittelbar beim Hauseingang der Ordination oder des Spitals sollten selbstverständlich sein. Ein wichtiges Kriterium ist die Nähe und Erreichbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel.

Auch wenn sich Eingangstüren automatisch öffnen, sollte es eine Torsprechanlage geben. „Diese muss leicht bedienbar sein und über eine erkennbare, tastbare Beschriftung mit Farbkontrast verfügen“, sagt Mag. Isabel Beuchel vom „Kompetenzmanagement Behindertenhilfe“ des oberösterreichischen Diakoniewerks Gallneukirchen, das sich rund um das „barrierefreie Bauen“ schon seit vielen Jahren engagiert. Im Auftrag der Ärztekammer wurde eine Checkliste zum Thema erstellt, auf Wunsch wird auch Beratung angeboten. Beuchel fasst die wesentlichen Forderungen zusammen: Das Objekt muss stufenlos oder über eine Rampe erreichbar sein. Generell sollten sich alle Eingangstüren einfach öffnen lassen – zur Barriere können auch eingelassene Türgriffe werden. Räume in höheren Geschossen müssen via Lift erreichbar sein. Der Lift selbst sollte mindestens 140 cm tief und 110 cm breit und in Längsrichtung befahrbar sein. Zudem sollte er mit akustischen Orientierungshilfen und Sprachansagen ausgerüstet sein.

Gefahrenquellen markieren

Die Beleuchtung der Flure muss hell genug sein, Gefahrenstellen werden durch Farbkontraste sichtbar. Bei Treppen sind die erste und letzte Stufe kontrastreich hervorzuheben. Weiters wichtig ist tastbare/taktile Schrift an Handläufen, Schaltern und Türen bis zum Eingang der Praxis. Türlichten sollten mindestens 90 cm breit, Türen von außen entsperrbar sein. Bei Gängen und Rampen sind Handläufe wichtig. Optimale Gänge sind 120, besser 150 cm breit und haben maximale Einengungen von 90 cm. In zentralen Räumen muss eine Bewegungsfläche von mindestens 150 cm vorhanden sein. Ein barrierefreies WC zeichnet sich durch ausreichende Bewegungsfläche, Anfahrflächen vor und neben dem WC-Sitz, normgerechte Haltegriffe, Spiegel vorm Waschbecken bis Stehhöhe, unterfahrbare Waschbecken und nach außen aufgehende Türen aus.

Für Menschen mit Hörproblemen sind Durchsagen mit optischen Anzeigen zu ergänzen. Für gehörlose Patienten gehört zu Barrierefreiheit zumindest das Vermittlungsangebot von Gebärdensprachdolmetsch.

Kasten:
Ratgeber für Barrierefreiheit
Die Checkliste „Barriefreiheit“ des Diakoniewerks kann kostenlos bei Mag. Isabel Beuchel angefordert werden: +43 (0) 7235 63251-184 bzw. .
Beim Broschürenservice des Sozialministeriums (Tel.: +43 (0)800/202074) kann kostenlos die Broschüre „Barriere:Frei!“, erstellt von „design for all“ (www.designforall.at), bestellt werden. Das Handbuch „Barrierefreies Bauen für ALLE Menschen – Planungsgrundlagen“ bietet für alle Bereiche fundierte und den Normen entsprechende Fachinformation. Es kann unter www.barrierefrei.graz.at heruntergeladen werden.

Von Mag. Christian Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 24 /2009

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