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Praxis 3. September 2012

Wiener Börse und CEE-Aktien im zweiten Halbjahr

Die Wiener Börse entwickelte sich laut Analysten im zweiten Quartal überdurchschnittlich. Diese sehen für die Aktienmärkte in Österreich und CEE einen weiteren Aufschwung.

„Die vergleichsweise geringe Verschuldung in Österreich und Zentral- und Osteuropa (CEE) sprechen für zweistellige Zuwächse im ATX und ausgewählten CEE-Aktien“, so die Analysten von Erste Group und Raiffeisen Research unisono.

„CEE hat die Turbulenzen in der Eurozone bisher gut überstanden und sich erfreulich stabil entwickelt“, analysiert Peter Brezinschek, Leiter von Raiffeisen Reasearch die aktuelle Kapitalmarktsituation. „Österreichische Aktien sollten von der `Sicheren Hafen`-Funktion der niedrigen Leitzinsen in Europa und den moderat besseren CEE-Fundamentaldaten weiter profitieren. In Summe sollten wir bis Ende des Jahres an die Marke von 2.200 Punkten im ATX anschließen können“, ergänzt Fritz Mostböck, Leiter des Bereichs Group Research der Erste Group.

Freundliche Wiener Börse

Obwohl der Wiener Leitindex ATX den Großteil der zu Jahresbeginn erzielten Gewinne aufgrund der Schuldenkrise wieder einbüßte, entwickelte sich die Wiener Börse im zweiten Quartal überdurchschnittlich. Um die Einmaleffekte bereinigt, rechnen die Raiffeisen Centrobank (RCB)-Analysten mit einem generellen Gewinnwachstum von neun Prozent für die ATX-Unternehmen. „Das resultiert in einem geschätzten Kurs/Gewinnverhältnis von 9,5 für 2012 und auf Jahressicht von 8,8, was beträchtlich unterhalb des historischen Durchschnitts von 12 liegt“, erläutert RCB-Chefanalyst Stefan Maxian. Basierend auf dem derzeitigen Preis/Buchwertverhältnis von 0,75 befindet sich der ATX nahe seinem historischen Tiefststand. Analog zu den globalen Aktienmärkten rechnet die RCB dennoch nicht mit einer kontinuierlichen Index-Aufwertung, sondern gehen aufgrund der globalen Wachstumsängste und der von politischen Aktionen im Hinblick auf die Spannungen in der Eurozone angeheizten Markstimmung von vorübergehenden Rückschlägen aus. „Dennoch sehen wir einen weiteren Aufschwung zwischen 8 und 12 Prozent für die Aktienmärkte in Österreich und CEE“, so Maxian.

Favoriten: Erste Group, Immofinanz, Lenzing, OMV, RHI, SBO

Österreichische Aktien sind unter Renditegesichtspunkten – infolge der niedrigen Zinsen für Staatsanleihen – als deutlich attraktiver einzustufen (1.120 Basispunkte Differenz gegenüber 10-jährigen Bundesanleihen auf Basis Kursgewinnverhältnis 2012/13e). „Im Fokus stehen derzeit Qualitätsunternehmen mit internationaler Aufstellung und einem hohen Emerging Markets-Anteil, einem profitablen und stabilen Geschäftsmodell, attraktiven Dividendenrenditen sowie Titel mit Sachwertcharakter, um mögliche zukünftige Inflationsgefahren abzusichern, betont Erste-Analyst Günther Artner.

An der Wiener Börse gibt es aktuell zehn Titel, die eine Dividendenrendite von über vier Prozent aufweisen. Dazu gehören: Österreichische Post (6,5 Prozent), Telekom Austria (5,2 Prozent), AMAG Austria Metall (7,8 Prozent), Polytec (6,4 Prozent), AT&S (4,5 Prozent), OMV (4,2 Prozent) und EVN (4,1 Prozent). Daher lauten die Top Picks der Erste Group für das zweite Halbjahr:

• der liquideste Immotitel, Immofinanz (Kursziel: 3,40),

• Faserhersteller Lenzing (Kursziel: 112),

• OMV (Kursziel: 37),

• dem Weltmarktführer für Feuerfestprodukte RHI (Kursziel: 26)

• Kapsch TrafficCom (82,9)

• und Polytec (11,8) unter den Small- und Midcaps-Aktien.

Die RCB wendet sich in Österreich zyklischeren Titeln zu und erwartet weiteren Aufschwung für die Erste Group, weil sie auf einem tiefen Preis/Buchwertverhältnis gehandelt wird.

Maxian empfiehlt weiters OMV aufgrund des positiven Ölpreis-Szenarios, außerdem SBO, Lenzing und RHI. Bei den CEE-Aktien bevorzugt das Raiffeisen Research die RCB Rosneft aufgrund der positiven Auswirkungen der kürzlich durchgeführten Steuerreform als größten Ölproduzenten in Russland, außerdem den polnischen Energieversorger PGE, der mit verbesserter Kostenbasis in Folge der jüngsten Kraftwerksmodernisierung sowie mit einer Dividende zwischen acht bis neun Prozent aufwarten kann. Auch die polnische Pay-TV-Plattform Cyfrowy Polsat gefällt den Analysten aufgrund der anhaltend guten Ertragslage – trotz der defensiven Ausrichtung.

Auch Brezinschek sieht auf der CEE-Aktienseite großes Erholungspotenzial durch die neuerlichen globalen Liquiditätsspritzen der Notenbanken. „Daher haben wir eine Kaufempfehlung quer über die CEE-Region, wobei Wien, Budapest und Moskau meiner Ansicht nach die höchsten Kurspotenziale aufweisen.“ Für russische Aktien spricht, dass die Markterwartungen bezüglich Gewinnwachstum weiter nach oben revidiert werden, der Ölpreis im dritten Quartal wieder über die 100-Dollar-Marke klettern sollte und die fundamentale Bewertung als attraktiv einzustufen sei. Letzteres gilt auch für den ungarischen Aktienindex BUX, wobei der zweistellige Gewinnrückgang 2012 bereits eingepreist ist. Entscheidender sei aber die neue politische Kompromissfähigkeit, die ein IWF-Übereinkommen im Spätsommer realistisch macht.

Globale Verschuldungskrise bleibt dominantes Thema

Da die hohe Verschuldung, vor allem in Westeuropa wie Defizite, in einem global schwachen Konjunkturzyklus kurzfristig nicht einzudämmen ist, wird das internationale Umfeld fragil und volatil bleiben. Es wird wie im ersten Halbjahr weiter zwischen Ländern und Asset-Klassen differenziert werden. Dieser Umstand hat sich zuletzt positiv für Österreich ausgewirkt. Die Krise steckt in den Verschuldungen fest, deren Abbau nur zäh und langfristig erfolgen wird. Wie sich nach der Finanzkrise 2008/09 zeigt, haben Österreich und wesentliche CEE-Kernländer – im relativen Vergleich – doch deutlich geringere Staatsverschuldungsraten als der Euro-Schnitt und der Rest der Welt (Industrienationen wie USA, UK und Japan). Dieser Umstand hat sich erstmals in einer relativen Besserentwicklung von österreichischen Aktien und Anleihen manifestiert. „Die Verschwörungstheorie, Österreich hätte ein Bonitätsrisiko war verfehlt. Fakten aus Wachstum, Verschuldung, Arbeitsmarkt und vor allem Renditen sprechen eine klare Sprache“, betont Mostböck. Für Österreich haben die Analysten von Raiffeisen Research ihre Jahresprognose aufgrund des überraschend starken 1. Quartals auf 0,7 Prozent erhöht.

Für 2013 erwarten die Experten ein reales BIP-Wachstum von 1,3 Prozent. Insgesamt wird sich innerhalb der CEE-Region die Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS) mit einem BIP-Wachstum von 3,6 Prozent im heurigen Jahr am besten entwickeln, gefolgt von Zentraleuropa (CE) mit 1,4 Prozent.

Südosteuropa (SEE) wird hingegen mit 0,3 Prozent nur moderates Wachstum aufweisen. Genauso unterschiedlich wie das Wachstum entwickelt sich auch die Inflation in CEE. „Historisch niedrige Verbraucherpreise zeichnen sich in Russland, der Ukraine und in Rumänien ab, während der Trend in Ungarn nach oben gerichtet ist“, erklärt Brezinschek, der außerdem mit Budgetsanierungen vor allem in Polen, Tschechien, Ungarn, Rumänien und der Ukraine rechnet. Der Chefanalyst merkt allerdings an, dass die Schuldenstände der CEE-Länder – Ungarn ausgenommen – markant unter dem Durchschnitt der Eurozone liegen. Sowohl heuer als auch nächstes Jahr ist laut Brezinschek eine Reduzierung der Defizite geplant.

M. Strausz, Ärzte Woche 36/2012

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