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Ganz wörtlich: der gläserne Patient.
 
Praxis 3. Juli 2012

Wie wir vom gläsernen Patienten profitieren

Die US-Gesundheitsorganisation Kaiser Permanente zeigt, was eine konsequente Digitalisierung von Versorgungsprozessen leisten kann.

Elektronische Patientenakten, Befunde und Labor per Mausklick – der gläserne Patient ist längst keine Vision mehr. Vorreiter in der Digitalisierung von Patienten ist ein US-Gesundheitskonzern. Mit seinen Daten lassen sich Medizinskandale aufdecken – und tausende Leben retten.

 

Kaiser ist eine der größten privaten Gesundheitsorganisationen der USA, sowohl als Krankenversicherer als auch als Dienstleister. Die Organisation mit einem Jahresumsatz von 50 Milliarden US-Dollar versorgt mit knapp 180.000 medizinisch-pflegerischen Angestellten über neun Millionen Patienten, die meisten in Kalifornien.

Kaiser wertet schon seit Jahren systematisch elektronische Patientenakten aus. Dass die Organisation quasi ein Vollversorger ist, der sowohl stationäre als auch ambulante Leistungen anbietet, machte das natürlich einfacher.

Was Kaiser mit seinen Datenbanken leisten kann, wurde einer breiteren Öffentlichkeit erstmals bewusst, als es um die kardiovaskulären Wirkungen der Coxibe ging. Innerhalb weniger Tage konnte Kaiser damals Daten zur Häufigkeit kardiovaskulärer Ereignisse bei Patienten liefern, die unterschiedlichste nicht-steroidale Antirheumatika einnahmen. Innerhalb weniger Wochen waren diese Daten in Peer-Review-Journalen teilweise hochrangig publiziert.

Penibel protokollieren

Versorgungsforschung dieser Art ist für Kaiser ein Nebenprodukt. Treiber für die Digitalisierung sei eher die Erkenntnis gewesen, dass etwa zehn Prozent der Versicherten rund 80 Prozent der Behandlungskosten verursachten, sagte Kaiser-Geschäftsführer George Halvorson bei der E-Health-Konferenz der EU-Kommission in Kopenhagen.

Über mehrere Jahre hinweg investierte der Konzern vier Milliarden US-Dollar in den Aufbau einer umfassenden elektronischen Patientenakte, in der heute so gut wie alle anfallenden Daten unter gemeinsamer Oberfläche abrufbar sind. Pflegekräfte nutzen digitale Kurven. Ärzte verordnen Arzneien elektronisch und fordern Untersuchungen digital an. Alles wird penibel protokolliert. Die Konsequenz ist einerseits, dass die medizinische Leitung genau weiß, was passiert. Die Antwort auf die Frage, wie lange es durchschnittlich dauert, bis bei einem Patienten mit Verdacht auf Sepsis die erste Blutkultur gezogen oder das erste Antibiotikum angesetzt wurde, ist nur ein paar Mausklicks entfernt. Zum anderen erleichtert es die konsequente Digitalisierung, bestimmte Behandlungsstandards umzusetzen. Dazu wurden über die Jahre diverse Werkzeuge entwickelt, etwa Erinnerungsfunktionen, automatische Analysen mit Benchmarking oder auch Softwarelösungen für bestimmte klinische Pfade.

Kaiser schreibe den Ärzten nichts vor, so Halvorson, aber es werde dafür gesorgt, dass sie zu jedem Zeitpunkt wüssten, was in den rund 2500 internen Versorgungsleitlinien („Care Protocols“) als Standard gilt.

Ein Tag statt sechs Monate

Diese „Care Protocols“ werden von den Kaiser-Ärzten etwa 10.000 Mal pro Tag abgerufen. Vor der Implementierung neuer medizinischer IT-Funktionen wird die Ist-Situation anhand der Kaiser-Datenbank analysiert. Danach wird ausgewertet, ob und wie sich Komplikationsraten, Liegezeiten, Sterblichkeit und andere Faktoren geändert haben. Wenn nötig, wird nachgebessert.

„So konnten wir die Todesrate bei HIV-Infizierten auf die Hälfte des nationalen Durchschnitts senken. Wir haben die Todesrate bei Herzerkrankungen um ein Drittel gesenkt, die Zahl der Druckulzera um zwei Drittel und die Komplikationsrate bei Knochenbrüchen fast halbiert“, fasst Halvorson zusammen.

Besonders war der Erfolg bei Sepsis-Patienten. Hier wurde ein Standard definiert, der sich im Dokumentationsprozess wieder findet. „Wir haben damit die Todesrate bei Sepsis mehr als halbiert. Wenn das an jeder Klinik in den USA gemacht würde, könnten damit pro Jahr 72.000 Menschenleben gerettet werden.“

Gute Daten zu haben hilft, weil damit Versorgungsstatistiken gemacht werden können. Sie können aber auch sehr viel unmittelbarer von Nutzen sein. Als Ende 2011 die Diskussion über fehlerhafte Silikonimplantate begann, war in Deutschland wochenlang völlig unklar, wie viele dieser Implantate eingesetzt wurden. Als in den USA kürzlich ein Hüftimplantat vom Markt genommen wurde, schrieb Kaiser alle Patienten, die das betraf, noch am selben Tag an. „Andere haben dafür sechs Monate gebraucht“, so Halvorson. ÄZ

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