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Patienten wollen sich vernetzen, austauschen und auch den für sie richtigen Arzt finden.
 
Praxis 4. Juli 2012

Social Media und Internet - eine neue Art des Dialogs?

„Wenn ein Arzt zu mir sagt: ‚Was haben Sie für Unsinn im Internet gefunden?’, steh ich auf und geh!“

Die Veränderungen, die das Internet im Gesundheitsbereich hervorgerufen haben, betreffen Ärzte genauso wie Patienten, Pharmafirmen genauso wie Regierungen. Zum diesjährigen Kongress „Doctors 2.0TM & You“ waren Ende Mai über 400 Teilnehmer nach Paris gekommen, aus allen Kontinenten und Branchen: Ärzte, Pfleger, E-Patienten, Marketingvertreter und PR-Fachleute aus Pharmaindustrie, Spitälern, Marketingagenturen und Start-ups im Healthcarebereich sowie viele andere. Was die Teilnehmer dieses Kongresses vereinte, ist die Bereitschaft, Wissen und Erfahrungen weiterzugeben und aktiv das Gesundheitswesen von morgen und übermorgen mitgestalten zu wollen.

Motivation und Erfahrungen von E-Patienten standen im Mittelpunkt mehrerer Vorträge und Workshops. Patienten haben eine immer lauter werdende Stimme, das wurde sehr deutlich ausgesprochen: „Nichts über mich, und nichts ohne mich!“

Vorurteile auf beiden Seiten

Patienten suchen nach Informationen im Internet, das ist schon mehrfach belegt worden und wurde hier wieder betont. Patienten wollen sich vernetzen, austauschen und auch den für sie richtigen Arzt finden. Dennoch prägen viele Vorurteile die Arzt-Patientenkommunikation, auf beiden Seiten. Ärzte fürchten, dass Patienten falsche Informationen im Internet finden und die Behandlung in Frage stellen, und viele Patienten trauen sich nicht, ihre im Internet gefundenen Informationen mit dem Arzt zu besprechen. Wie Kathi Apostolidis (Brustkrebs & Patientenrechte Advocat, ehrenamtliche Beraterin und Gesundheitskommentatorin, Griechenland) berichtete, seien auch Patientenorganisationen mit den neuen Medien nicht wirklich vertraut und oft keine wirkliche Hilfe. Übrig blieben die Patienten, die nur eines machen könnten: den Arzt wechseln.

Bertalan Mesko, ein Arzt und Blogger aus Ungarn, der den weltweit ersten Social MEDia Kurs für Mediziner leitet und ihn am Kongress vorstellte, verteidigte die Ärzteschaft. Zwar stimme es, dass die Mehrzahl der Ärzte derzeit nicht darin ausgebildet sei, mit den neuen E-Patienten zu kommunizieren und deren z.T. nicht medizinischen Fragen zu beantworten, jedoch könne man nicht erwarten, dass jeder Arzt im Social Web aktiv sei. Zu verstehen, was Patienten im Internet machen und wie das Social Web funktioniere, sei allerdings Teil der ärztlichen Arbeit. Dem widersprach Kathi Apostolidis heftig: „Man kann nur über etwas Bescheid wissen, wenn man es tut.“ Und forderte, dass jeder Arzt zumindest eine Basisausbildung in Kommunikation erhalten sowie das Social Web aktiv erfahren solle.

Denise Silber, Präsidentin von Basil Strategies und Organisatorin des Kongresses, zu diesem Thema: „Im Vergleich zum Vorjahr sehe ich sehr wohl Fortschritte, das Thema wird populär und es wird darüber geredet. Aber können Patienten sagen, dass Social Media und das Internet schon eine neue Art des Dialogs mit Ärzten und anderen Gesundheitsdiensteanbietern geschaffen haben? – noch nicht!“

 

Quelle: Doctors 2.0TM & You 2012, 23. bis 24. Mai 2012, Cité Universitaire, Paris.

Von M. Endemann , Ärzte Woche 27/28/2012

  • Herr Dr. Wilhelm Margula, 07.07.2012 um 11:24:

    „"Wenn ein Arzt mir sagt: 'Was haben Sie für Unsinn im Internet gefunden?', steh ich auf und geh!"
    Das gute Recht des Patienten!
    Aber was war der Grund für den Arztbesuch? Sollte der Arzt (auf Kosten des Krankenversicherers) die Ursache(n) von Beschwerden finden und heilen, handelte es sich um ein präoperatives Aufklärungsgespräch, oder sollte er mit dem Patienten die von ihm im Internet gefundene Info besprechen?
    Wenn Medien (wahrscheinlich unbewusst) Ärzte verunsichern, indem sie dem Arzt suggerieren, "Ärzte fürchten, dass Patienten ... die Behandlung in Frage stellen", dann folgt daraus, dass Ärzte unter dem Aspekt "defensive medicine" mit dem Patienten auch alles und jedes "diskutieren" müssen.
    Dabei bleiben aber nicht - wie Sie schreiben - die Patienten übrig, denen Sie ja gleich "empfehlen", den nicht ausreichend gesprächsbereiten Arzt zu wechseln. Vielleicht sollten Medien (als Meinungsmacher) die Bevölkerung ansprechen und empfehlen, dass sich Patienten - vor deren Verlangen - die objektive Frage stellen was wohl der Grund für den Arztbesuch war.
    Tatsächlich bleiben wieder einmal die Ärzte übrig, die kostenlos erklären müssen/sollen, was Patienten im Internet gelesen haben, und sie müssen/sollen auch den Zusammenhang oder den Unterschied zu den subjektiven Beschwerden bzw. zum individuell vorliegenden Krankheitsbild aufzeigen, damit der "mündig-fündig" gewordene Patient mit dem Gefundenen nicht falsch umgeht. Tut der Arzt das aber nicht, dann hat er entweder seine Aufklärungspflicht verletzt, oder um (mindestens) einen Patienten weniger.“

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