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Prof. Dr. Christoph Stuppäck Vorstand der Univ.-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Christian-Doppler-Klinik der Salzburger Landeskliniken
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Prof. Dr. Wulf Rössler Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

 
Praxis 26. Mai 2009

Big bad pharma business?

Ärztliche Fortbildung wird gefordert, aber nicht gefördert.

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Skandale. Jüngst erschienene Enthüllungsbücher über Korruption, Bestechlichkeit und unethische Forschung rücken Medizin und Pharmaindustrie in ein zweifelhaftes Licht. Ganz nebenbei stürmen sie die Verkaufscharts am heimischen Buchmarkt. Berechtigte Aufdeckungsarbeit oder Skandaljournalismus? Die Opinion Leader Prof. Wulf Rössler, Zürich, und Prof. Christoph Stuppäck, Salzburg, diskutierten das Thema Korruption und Ethik am Beispiel der Psychiatrie.

 

„Gesundheit lässt sich nicht in ökonomischen Dimensionen abbilden“, schickte Rössler dem Gespräch voraus. „Die Inanspruchnahme von Leistungen aus dem Gesundheitssystem ist nicht mit unmittelbaren Kosten für den Einzelnen verbunden. Stattdessen tritt die Solidargemeinschaft der Versicherten für sie oder ihn ein. Im Gegenzug muss der Einsatz von Maßnahmen, auch von Medikamenten, entlang der Leitlinien eines Faches geschehen und dem jeweiligen Bedarf entsprechen. Es kann also nicht sein, dass der Markt sich nimmt, was der Markt hergibt.“ Auf der anderen Seite stehen Pharmaunternehmen mehr denn je unter Konkurrenz- und Erfolgsdruck, welcher sich in erster Linie am jeweiligen Außendienst entlädt. Trotz zunehmender Sparsamkeit in den Gesundheitsbudgets ist mit dem „Produkt Gesundheit“ viel Geld zu verdienen. Noch immer dürfen die erwirtschafteten Spannen zurückhaltend als überdurchschnittlich bezeichnet werden, wenn der Vergleich mit anderen Branchen fällt.

„Mit freundlicher Unterstützung“

Korruptionsvorwürfe gegen Ärzte sind allgegenwärtig. Demgegenüber steigen die Ansprüche an Fort- und Weiterbildung in allen Fachgebieten. Unterstützung aus der Pharmaindustrie ist vielerorts mehr als ein willkommener Zuschuss – viele Veranstaltungen könnten ohne Sponsoren nicht oder nur eingeschränkt angeboten werden. Teilnehmer, welche Einladungen zu Tagungen annehmen, werden kriminalisiert, aber: „Internationale Kongressbesuche sind mit dem Budget eines Durchschnittspsychiaters kaum möglich“, betonte Stuppäck und übte Kritik an fehlenden Alternativen. „Fortbildung wird gefordert, aber nicht gefördert.“

Gekaufte Vorträge oder objektive Fortbildung?

Renommierte Experten verleihen Firmensymposien erhebliches Gewicht. Umgekehrt formt eine rege Vortragstätigkeit Ruf und Bekanntheitsgrad eines Spezialisten und kann ein willkommenes Nebeneinkommen darstellen. „Sofern ein gerechtfertigtes Honorar bezahlt wird, braucht es in der Regel kein inhaltliches Zugeständnis an den Veranstalter“, betonte Rössler. „Ein angemessenes Honorar berücksichtigt, dass der Experte sowohl sein Wissen als auch seine Zeit für einen Vortrag und dessen Vorbereitung zur Verfügung stellt.“ Die Wahrung der Objektivität mache sich auch für den Veranstalter bezahlt. „Allzu promiskuitive Referenten mit widersprüchlichen Aussagen werden zunehmend seltener engagiert. Ein wichtiges Qualitätskriterium industriell unterstützter Symposien ist die objektive Diskussion von Nebenwirkungen und Kontraindikationen des beworbenen Wirkstoffs“, warf Stuppäck ein.

Die Frage bestimmt die Antwort

Evidenzbasierte Medizin und kontrollierte Studien liefern zunehmend valide Antworten. Doch wer stellt die Fragen? Große Doppelblindstudien verschlingen ungeheure Summen – das Orakel der Evidenz spricht nur dem zahlenden Zuhörer. Die Industrie sponsert gerne, was sich mit ihren Interessen deckt. Was nicht gefragt ist, wird aber nicht beantwortet. Treibt das Fehlen einer unabhängigen Forschungsförderung die methodisch korrekte Wahrheit in die Arme der freundlichen Unterstützer? Rössler: „Für mich stellt sich weniger die Frage, ob Forscher durch die Industrie manipuliert werden – was ich für wenig wahrscheinlich halte, aber nicht ausschließen kann –, sondern ob bei dem starken Gewicht industrieller Forschungsförderung andere, auch nicht-medikamentöse Therapieverfahren ungerechtfertigt in den Hintergrund geraten. Dies ist der wahrscheinlich heikelste Punkt in der Beziehung zwischen Medizin und Industrie.“

Meine Ethik. Deine Ethik. Eure Ethik?

Das jüngste Enthüllungsbuch des Journalisten Hans Weiss klagt nicht nur vielfältige Formen der Bereicherung, sondern auch ethisch fragwürdige Studien an. Im konkreten Fall wurden Opinion Leader mit fingierten Forschungsangeboten geködert. Weiss nahm, als Consultant der Pharmaindustrie getarnt, mit Vorständen führender psychiatrischer Universitätskliniken Kontakt auf und bot hohe Summen für die Durchführung von Placebostudien an. Die Angebote wurden von Weiss jedoch so präpariert, dass Einsatz einer Kontrolle ohne wirksame Medikation ein potenzielles Risiko für die Teilnehmer dargestellt hätte. In seinem Buch klagt der Journalist unterschiedliche und ethisch zumindest grenzwertige Reaktionen an. Immer wieder sickert auch der Vorwurf unterschiedlich restriktiver Ethikkommissionen an deutschsprachigen Universitäten durch. „Ist Ethik ortsgebunden?“ – Mit einem eindeutigem „Ja“ beantwortete Rössler diese Frage: „In der Schweiz finden Sie kaum zwei Voten von Ethikkommissionen, welche die gleiche Beurteilung abgeben. Die Entscheidungen sind von den Werthaltungen der Mitglieder getragen, und Werte werden durch Menschen vertreten. Je nach Zusammensetzung einer Ethikkommission werden unterschiedliche Entscheidungen generiert. Dies finde ich tatsächlich problematisch – nicht nur im kantonalen Vergleich in der Schweiz, sondern auch international, wenn Sie bedenken, welche Art der Forschung in manchen Ländern zugelassen ist und in anderen Ländern nicht.“ Stuppäck ergänzte: „Auch die Kompetenz der Mitglieder im betreffenden Fachgebiet spielt eine große Rolle. In Österreich ist eine Leit-Ethikkommission eingerichtet, welche nach einem positiven Votum nochmals die Integrität des Studienleiters überprüft. Letztlich unterliegen Ethikkommissionen gemeinsamen Regeln, sodass ich grundsätzliche Unterschiede in den Voten für wenig wahrscheinlich halte.“

Das Geschäft mit dem Skandal

Kaum etwas vermag die Auflagezahlen einer Zeitung oder eines Buches so steil hinaufzutreiben wie ein handfester Skandal. Die Verlockung zu gezielter Übertreibung und Schwarzweißmalerei ist groß. Auf der anderen Seite liegt es in der Verantwortung der Medien, Prozesse kritisch zu hinterfragen. „Wir sind in unserem Berufsfeld sozialisiert und entwickeln mit der Zeit eine gewisse Betriebsblindheit, sodass ein kritischer Blick von außen nicht grundsätzlich abzulehnen ist. Die Frage bleibt, ob der Zielgruppenleser, welcher seinerseits keinen oder nur wenig Einblick in die Welt der Angegriffenen hat, zwischen sachlicher Aufdeckungsarbeit und skandalisierendem Journalismus differenzieren kann“, räsonnierte Stuppäck. Letztlich aber, so Rössler, können „Enthüllungsbücher nur dort auf einen fruchtbaren Boden fallen, wo sie Menschen in ihrer vorgefassten Meinungen bereits bestätigen.“

 

Das ungekürzte Original-Interview ist in Psychiatrie und Psychotherapie Ausgabe 02/09 nachzulesen. © Springer-Verlag Wien.

Von Dr. Alexander Lindemeier (Redaktion und Moderation), Ärzte Woche 21 /2009

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