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Praxis 26. Mai 2009

Die Angst vor der Angst

Manche Krisen sollte man auch annehmen können, um daraus Kraft zu schöpfen.

Wenn es um die Zukunft geht, so gibt es einige Institutionen, die gerne befragt werden. Was früher das Orakel von Delphi war, ist heute für viele „der Horx“. Was sagt der zur gegenwärtigen Krise?

Für den renommierten deutschen Zukunfts- und Trendforscher Matthias Horx ist die Krise sinnvoll wie ein temporäres Leiden. Wenn man solche Krisen annehme, könne man daraus neue Stärke gewinnen.

Wird die Wirtschaftskrise den Gesundheitssektor stärker treffen?

HORX: Man könnte jetzt ein wenig zynisch sein: Der Gesundheitssektor ist auch ohne Weltwirtschaftskrise in einer Dauerkrise. Im medizinischen System ist gleichzeitig zu viel und immer zu wenig Geld, um das innig gestritten wird. Das liegt daran, dass das System der Gesundheit „falsch verdrahtet“ ist. Es ist immer noch ein Krankheitsreparatursystem, in dem die Anreize und Rückmeldungen nicht funktionieren. Wir haben eine teilweise bizarre Gesundheitsbürokratie, die irrwitzige Mengen Geld vertilgt und Menschen dabei nicht gesünder macht. In Zukunft müssen sich die einzelnen Elemente viel besser und effektiver vernetzen. Dafür gibt es Beispiele: In Norwegen gehen die Menschen zweimal im Jahr zum Arzt, in Deutschland dreizehn Mal. Die Norweger sind gesünder als die Deutschen – und das weil es dort ein gesellschaftlich anderes Verhältnis zur Frage der Krankheit gibt. Krankheit ist eine Kulturfrage. In manchen Gesellschaften ist man gerne krank, in anderen gerne gesund. Bei uns ist man gerne krank. Deshalb wird es dem Gesundheitswesen immer blendend gehen – und gleichzeitig wird es radikal ruiniert!

Wohin werden sich die Wahlarztpatienten künftig hinwenden?

HORX: Wenn der Medizinsektor ein echter Markt wäre, dann würden die Patienten schlichtweg zu guten Ärzten gehen. Wie werden die definiert? Wenn man Schüler fragt, dann weiß er genau, was ein guter Lehrer ist. Patienten wissen das auch. Aber weder Schüler noch Patienten haben die freie Wahl, und leider gibt es zu wenig gute Ärzte. Dabei gibt es zwei Typen: Menschenfreundliche Universalisten und Spezialisten. Problematisch ist, dass unser Medizinsystem längst ein Selektionssystem geworden ist. Gesundheit ist bei steigendem Fortschritt notwendigerweise eine Knappheit, die bestimmten Grenzen unterliegt. Das Problem ist, dass das System keine klaren Regeln, keine „benchmarks“ für die Selektion entwickelt. Es gibt keine Evaluation – und deshalb auch keine Verbesserung. Das müssen wir lernen, wir müssen uns fragen: Welche Methoden helfen wirklich, welche sind zu teuer, wie können wir Teures billiger machen und den Rest verbessern? Das muss ein laufender Prozess werden, wie beim „Kaizen“ in der Autofabrik. Wir brauchen ein „health engineering“.

Optimisten künden ab Mitte 2010 ein Abflauen der aktuellen Krise an. Pessimisten dagegen betrachten die aktuelle Krise als die größte seit 1929 und sehen noch lange kein Licht am Ende des Tunnels. Wer hat Recht?

HORX: Keiner! Ich glaube, dass „die Krise“ nur eine Metapher ist. In ihr sammeln sich alle neurotischen Ängste unserer Zivilisation. Aber auch kumulierte Schuldzuweisungen. Auf die bösen Banken zu schimpfen, das ist sinnvoll, weil es von der eigenen Verantwortung ablenkt. So, wie wenn man auf „die Mediziner“ schimpft, wenn man nach jahrelangem Rauchen ein Karzinom hat, und das Gesundheitssystem nicht helfen kann. Wir alle haben die Geschichte von dem ständig steigenden Vermögen geglaubt. Ich würde die Krise ganz anders beschreiben: Wir leben in einer zyklischen Anpassungszeit, in der sich die Globalisierung neu ausrichtet – von einem auf dem US-Finanzsystem beruhenden Prozess auf ein multilaterales System, in dem auch die Schwellenländer Sitz und Stimme haben und in dem die alten Branchen des Industriezeitalters – Banken, Auto, aber auch die Pharmaindustrie – an Gewicht verlieren. Vor uns liegt eine „kreative Ökonomie“, die in ihren Strukturen, Wertschöpfungen und Systemen um einiges intelligenter werden muss. Unser Medizinsystem ist im Grunde auch ein Relikt, wir müssen es im Sinne eines Wissenssystems neu überdenken. Solche Krisen gibt es alle 20 bis 50 Jahre, und sie sind so sicher und sinnvoll wie eine ordentliche Grippe oder eine temporäre Gesundheitsschwäche. Wenn man solche Krisen annimmt, gewinnt man an Stärke.

Welche Gefahr sehen Sie in den „Dämonen der Negativität“ – jener Angst, der sich jeder zu unterwerfen hat, um nicht als blauäugig zu gelten?

HORX: Wir leben in einer Kultur mit Tendenz zur kollektiven Angsthysterie. Viele Menschen haben das Gefühl, in einer unsicheren Gesellschaft zu leben, in der „alles immer schneller und dramatischer“ wird. Das ist eine Fehlwahrnehmung. Wir haben noch nie in einer so sicheren Zeit wie heute gelebt, wir bewerten nur unsere Verlustangst viel höher und neurotischer. Ein Teil dieses Phänomens ist von den Medien verschuldet, die mit ihrer Eskalation der Sensationen die Menschen regelrecht auf Angst trainieren. Der andere Teil erklärt sich aus der deutschen Geschichte heraus. Wir haben im Grunde immer noch kein Vertrauen in Wohlstand, Demokratie, Zivilität – und deshalb besteht immer die Gefahr von Überreaktionen: Aus lauter Angst vor der Angst treffen wir falsche Entscheidungen. Und aus lauter Angst werden wir krank. Das kann man heute in jeder Praxis beobachten, wie Patienten mit jeder Menge Angst-Problemverschiebungen Richtung körperlicher Symptome unterwegs sind. Andere Kulturen sind da gottlob gelassener.

Wie lange wird Ihrer Meinung nach die Krise noch dauern?

HORX: Ich möchte da mit dem (deutschen, Anm) Finanzminister Steinbrück ironisch orakeln: Bis zum 23.3. 2011, 5 Uhr 30 morgens. Warum? Keine Ahnung. Krisen sind dann „fertig“, wenn sie verstanden und „verdaut“ worden sind.

Wie könnte sich ein Mediziner auf die Krise einstellen?

HORX: Es gibt im Kabarett die Stand-up-Comedy. Aber in der Zukunftsforschung gibt es leider kein Stand-up-Consulting, weil Ärzte, so wie Menschen, sehr verschieden sind. Die Spezies „ein Mediziner“ ist schwer zu finden. Ich selbst kenne allerdings einige Doktoren in meiner Bekanntschaft, die derzeit ihre Konzepte verändern. Die in helle, moderne Praxen investieren und sich mehr Zeit für ihre Patienten nehmen, obwohl sie eine Weile weniger verdienen – und Zahnärzte, die Zahnbehandlung als Prophylaxe, aber auch als Kunst begreifen. Es geht mehr um die Frage, wie man Menschen fitter, autonomer und selbstbestimmter machen kann. Gesundheit wird gerade heute von einem passiven zu einem aktiven Gut.

Das Gespräch führte Dr. Veenu A. Scheiderbauer

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