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Praxis 26. Mai 2009

Gewinn, Gier und Selbstzweifel bekämpfen

Der Arzt muss zu sich selbst finden, um heilen zu können.

Wegkommen vom Reparieren, hinkommen zum Heilen, fordert der Internist und Autor Klaus Bolzano in seinem jüngsten Buch Kranke Medizin von Ärzten und Gesellschaft. Dazu sei es notwendig, die krankmachenden Mechanismen der Gesellschaft insgesamt und auch in der eigenen Persönlichkeit zu reflektieren.

 

Im Interview spricht der Mediziner über unser aller innerste Krankheit, den Neid, sowie über Machtkreise im medizinischen Alltag. Und über einen möglichen Ausweg: den Humor.

 

In der Pressemeldung zu Ihrem Buch heißt es, Ärzte hätten die Aufgabe, „auf krankmachende Mechanismen der Gesellschaft hinzuweisen und beispielsweise der Politik oder der Wirtschaft einen Spiegel vor Augen zu halten.“ Was sind denn die krankmachenden Mechanismen der Gesellschaft?

BOLZANO: Ich finde, die krankmachenden Mechanismen der Gesellschaft sind der Gewinn und die Gier, und dass die Wirtschaft von ihnen bestimmt wird und nicht von den Interessen der Menschen. Bereits die kleinen Kinder werden zu Konsumenten missbraucht. Wenn du den Menschen von klein auf dazu trimmst, auch das kaufen zu müssen, was die anderen haben, führst du ihn von sich weg und machst ihn innerlich kränker, als er schon ist. Und die Aufgabe der Medizin ist in meinen Augen, dass man nicht nur versucht, die momentanen Krankheiten der Leute zu sanieren, sondern dass man sie zur Heilung ihrer innersten Krankheit führt. Und diese innerste Krankheit besteht in dem Glauben des Menschen, er selber sei aus sich heraus nichts wert, die anderen seien viel mehr wert als er und er müsse sich an anderen orientieren, die angesehener sind als er, um selbst wertvoll zu werden.

 

Sie beschreiben diese Sichtweise auch als „wahnhafte Nachahmung“. Was kann man sich darunter vorstellen?

BOLZANO: Viele Menschen glauben eben, sie seien nichts wert. Die Ursache für diese Fehlhaltung muss in der Kindheit liegen, dass wir als Kinder in unserer Einmaligkeit nicht gefragt waren, sondern als Vollzieher der Ideen unserer Eltern. Und im selben Atemzug glauben wir, dass die anderen viel mehr wert sind: Unsere Eltern erleben wir als stärker, unsere Geschwister erleben wir als bevorzugt. Also beginnen wir, uns an diesen mächtigen Anderen zu orientieren. Wir wollen das, was sie wollen, und kommen dadurch in Konflikt mit ihnen. Wir wollen ihre Positionen, wir wollen ihr Ansehen, wir wollen ihre Macht. Und je mehr Widerstand wir auf diesem Weg haben, desto wertvoller erscheint uns das, was am Ende liegt. Und deswegen beten wir letztendlich die Macht an und glauben, wenn wir einmal mächtig sein werden, so wie unsere Vorbilder, dann wird der unendliche Wert, der hinter der Macht verborgen ist, auch auf uns übergehen und wir werden eine Art Metamorphose in ein wertvolles Wesen erleben. Das ist ein Wahn. Denn hinter der Macht steht gar nichts als eine Illusion. Die ist diese innerste Krankheit.

 

Wo erkennt man diese Krankheit im medizinischen Alltag?

BOLZANO: Das spürt man, wenn man in ein Milieu kommt, in dem es nicht um Sachfragen geht. Wenn man auf einen Chef trifft, dem es nicht darum geht, dass der Betrieb möglichst gut läuft, sondern dem es im Innersten darum geht, dass er groß dasteht. Es werden daher Leute zu ihm kommen, die dieses Bild von ihm verstärken und dadurch weiterkommen. Diese sind auch nicht sach-, sondern machtbezogen. Und so gibt es Menschen, die ihm näher sind, und Menschen, die ihm ferner sind. Und so entsteht ein Kreis: In der Mitte die größte Macht und am Rand der, der nicht mitspurt, der sich dem nicht fügt, was „man“ tut, sagt oder denkt. Das bestimmende Element in solchen Kreisen ist immer die Angst, hinauszufallen. Das ist ein unmenschliches System, in dem die einzelnen Mitglieder nur nach der Macht streben und das sie dabei innerlich verarmen lässt.

 

Was kann der Arzt in der Praxis aus Ihrem Buch mitnehmen?

BOLZANO: Dass er sich über sich selber sehr viele Gedanken machen sollte. Und dass seine Hauptaufgabe nicht nur darin liegt, dass er fachlich kompetent ist, sondern dass der Patient sich samt seinen Angehörigen bei ihm geborgen fühlt. Dann führe ich als Arzt den Patienten zur Heilung, indem ich sage: Du hast jetzt diese Krankheit. Sie ist schwer, aber nicht so schwer, wie du sie empfindest, sondern dieses Krankheitsgefühl wird durch dein Innenleben verstärkt. Wichtig ist jetzt, dass du dein eigenes Selbst in der Krankheit stärkst. Und ich helfe dir dabei. Das Nächste ist, dass der Arzt den Patienten anregt, liebevoll mit seiner Vergangenheit umzugehen. Der nächste Schritt ist, dass er den Patienten ermutigt, in sich alles zu fördern, was kreativ und gut ist. Ein weiterer Schritt ist, dass sich der Patient mit seinem Körper versöhnt. Für viele ist es ja der böse Körper mit der bösen Krankheit.

 

Was tut der Haus- oder Facharzt, wenn der Patient sich dazu nicht imstande fühlt, zumal die Zeit des Arztes im Praxisalltag ohnehin begrenzt ist?

BOLZANO: Der Hausarzt hat immer wieder die Gelegenheit, in verschiedenen Situationen mit dem Patienten und den Angehörigen zu reden. Man kann diese Dinge ohnehin nicht mit einem Mal über alles stülpen, sondern muss dem Patienten schrittweise die Möglichkeit dazu geben.

 

Aber der Zeitaufwand ist dennoch beträchtlich.

BOLZANO: Wenn man schon das Gesundheitswesen reformiert, dann sollte man auch diesem Punkt Rechnung tragen. Je mehr Zeit der Arzt, die Schwestern, die Pfleger, die Ordinationshilfen für den Patienten haben, desto billiger ist die Medizin. Wenn man mit den Patienten lange genug reden kann, erfährt man viele Dinge, die man sonst nur durch mühsame Untersuchungen erkennt.

 

Sie schreiben auch von einem theoretischen Modell, bei dem junge Ärzte in Spitälern als „Schutzengel“ für neu aufgenommene Patienten fungieren, sie begleiten, ihnen Befunde erklären etc. Wie sähe ein solches System konkret in der Arztpraxis aus?

BOLZANO: Wenn man die Lehrpraxis ausweitet, funktioniert das auch dort. Der Patient hat einen Ansprechpartner, der für ihn Zeit hat, ihm Befunde erklärt, und die jungen Kollegen würden sehr viel lernen.

 

Noch ein weiteres Zitat aus Ihrem Buch: „Um ein geglückter Arzt in einer gelungenen medizinischen Gemeinschaft zu sein, sollte man sich bei sich selbst mit der inneren Krankheit befassen.“ Wie kann das funktionieren?

BOLZANO: Man sollte sich fragen: Wo bin ich authentisch und wo nicht? Wo lasse ich mich von anderen bestimmen und wo nicht? Was bin ich wirklich? Bevor man anfängt, sich bei anderen damit zu beschäftigen, muss man es bei sich selbst tun. Ärzte können das bei sich selbst in Angriff nehmen, indem sie sich zu Beginn des Studiums überlegen, ob sie zu diesem Beruf wirklich berufen sind. Sie sollten gleich am Anfang ein langes Pflegepraktikum machen und sehen, ob sie mit kranken, leidenden Menschen so umgehen können, dass sie ihnen inneren Halt geben können. Dazu sind sie jedoch nur fähig, wenn sie in sich selbst inneren Halt gefunden haben. Also sollten sie sich von Anfang an überlegen: Was ist Berufung? Und dann geht’s weiter: Die Medizin kann man nicht durch Vorlesungen und Bücher lernen, sondern durch Vorbilder, die dir zeigen, wie man mit Menschen umgeht, und die dich auch dazu führen, dich selbst zu erkennen und deine innere Stärke zu finden.

 

Haben Sie Ihre Stärke gefunden? Oder anders: Was war Ihre größte Erkenntnis bei der Arbeit an Ihren inzwischen zwei Büchern?

BOLZANO: Meine Stärke habe ich das erste Mal gefunden, als ich selbst ernstlich erkrankt bin. Ich musste erkennen, dass ich selber diesen illusionären Mechanismen ziemlich verfallen bin und dass es äußerst schwierig ist, da herauszukommen. Ich bin zum Beispiel eitel. Ich bleibe auch heute noch beim Spiegel stehen und kontrolliere mein Aussehen – nur lache ich heute dabei über mich selbst. Eine große Hilfe ist, dass man sich einfach nicht mehr so wichtig nimmt. Ich finde den Humor abgesehen davon auch im Umgang mit Kranken ganz wesentlich: Dass man den Patienten so stärkt, dass er sich distanzieren kann von seinem Leiden und dass er auch ein bisschen eine lächelnde Loslösung von seinen Beschwerden bekommt und sagt: Es kommt ja auf etwas ganz Anderes an.

Ich persönlich sehe den Sinn des Lebens darin, mit Hilfe von richtigen Vorbildern, aber auch durch Leiden zu seinem wahren Selbst vorzudringen. Je mehr der Mensch der wird, als der er immer schon geplant war, desto gelungener und glücklicher wird er. Solchen Menschen wird die Krankheit zur Chance, sie selbst zu werden.

 

Das Gespräch führte Bettina Benesch

Zur Person
Dr. Klaus Bolzano




Der Oberösterreicher Klaus Bolzano ist Facharzt für Innere Medizin, war Primar der Abteilung für Innere Medizin im Krankenhaus Spittal/Drau und führte eine eigene Praxis. Bereits vor seiner Habilitation beschäftigte sich Bolzano mit theologischen und philosophischen Themen, derzeit hält er einschlägige Vorlesungen an verschiedenen Universitäten des Landes. Bisher bei Goldegg erschienen: „Die Neidgesellschaft“ (2007), „Kranke Medizin - Die Kunst Arzt oder Patient zu sein“ (2008).

Von Bettina Benesch, Ärzte Woche

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