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Praxis 24. April 2012

Mündige Patienten?

„Der Dialog zwischen Ärzten und Patienten wird nie auf Augenhöhe stattfinden“.

„Ungeprüfte Schrottinfos aus dem Internet“ verhinderten oft eine echte Auseinandersetzung über Diagnose- und Therapiemöglichkeiten zwischen Arzt und Patient, so eine der kontrovers diskutierten Thesen bei der Jahrestagung des Vereins Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin.

Dialog auf Augenhöhe, mündige Patienten: Solche Schlagworte gehen seit Jahren durch die Medien, wenn es um das Verhältnis zwischen Patienten und Ärzten geht. Für Prof. Dr. Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg sind und bleiben das Wunschvorstellungen. „Der Dialog zwischen Ärzten und Patienten wird nie auf Augenhöhe stattfinden. Das ist eine Illusion“, sagte auch die Gesundheitswissenschaftlerin und Kongresspräsidentin der 13. Jahrestagung des Vereins Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNebM).

Patienten müssen Informationen gut sortieren

Drei Tage lang beschäftigten sich Patientenvertreter, Ärzte, Gesundheitswissenschaftler und Kassenvertreter in der Hansestadt mit dem Thema Patientenorientierung und Patientenbeteiligung im Gesundheitswesen. Mühlhauser begründete ihre Einschätzung mit der Schwierigkeit, überhaupt an die für Entscheidungen über die eigene Gesundheit relevanten Informationen zu gelangen, sie zu sortieren, zu gewichten und daraus die richtige Schlussfolgerung zu ziehen.

„Patienten wollen zwar entscheiden. Dafür aber brauchen sie Informationen, die ihnen fehlen. Oft sind die aber falsch oder irreführend“, so Mühlhauser in Hamburg. Das Internet spiele bei dieser Entwicklung eine zentrale Rolle.

„Wissen ohne Ende, aber keiner, der es sortiert“, brachte die DNEbM-Vorsitzende Dr. Monika Lelgemann dieses Problem auf den Punkt. Gudrun Kemper von der deutschen Sektion der Breast Cancer Action sprach drastisch von „ungeprüften Schrottinfos, die eine Auseinandersetzung mit den Diagnose- und Therapiemöglichkeiten erschweren oder gar verhindern“. Wenn Patientenverbände auf Unabhängigkeit bestehen, stehen sie vor dem Finanzierungsproblem: Der Aufbau einer Infrastruktur kostet Geld. Das DNEbM bekräftigte deshalb in Hamburg seine Forderung, dass Patientenvertretungen finanziell so ausgestattet werden müssen, dass sie nicht auf Mittel aus der Industrie angewiesen sind.

Kaum Chancen für unabhängige Bewertung

Dass Patientenverbände überhaupt in die Lage versetzt werden sollten, medizinische Informationen unabhängig bewerten zu lassen, dafür ist nach Kempers Erfahrungen das Bewusstsein noch sehr schwach ausgeprägt. Dabei sind Kemper und andere Patientenvertreter sicher, dass die Chance auf einen Behandlungserfolg steigt, wenn Patienten einbezogen werden und an medizinischen Entscheidungen mitwirken können. Neben der Industrie, die nach Ansicht vieler DNEbM-Vertreter unabhängige Entscheidungen erschwere, sehen Patientenvertreter Ärzte in einer Schlüsselrolle.

Diese Erfahrung hat zumindest Udo Ehrmann von der Selbsthilfe Prostata gemacht. Er hat in Kooperation mit dem Deutschen Krebsinformationszentrum und dem AOK-Bundesverband eine Website zum PSA-Text initiiert, die eine internetgestützte Entscheidungshilfe bietet (www.psa-entscheidungshilfe.de).

Die soll die ärztliche Aufklärung zur Krebsfrüherkennung bei Männern unterstützen, stößt nach Erfahrungen Ehrmanns bei vielen Urologen aber auf Skepsis. Ehrmann ist aber überzeugt, dass sich viele Patienten selbstständig an Hand klarer Fakten entscheiden und sich nicht ausschließlich auf den Rat des Arztes verlassen wollen.

Viele Ärzte haben Vorbehalte

Genau diese Haltung ist eines der wichtigsten Ziele des Netzwerks, das sich für eine partizipative Entscheidungsfindung einsetzt, damit Patienten sich entsprechend ihrer persönlichen Präferenzen für oder auch gegen präventive, diagnostische und therapeutische Maßnahmen entscheiden können. Manche Ärzte haben damit nach Erfahrungen des Netzwerks aber ein Problem – laut Mühlhauser wollen viele Ärzte nicht, dass Patienten jede Information kennen.

Für das Netzwerk liegt die Lösung in evidenzbasierten Gesundheitsinformationen, zu denen jeder Mensch Zugang hat. Diese Informationen müssten allerdings so aufbereitet sein, dass sie allgemeinverständlich sind.

Ein wichtiger, aber nur erster Schritt in diese Richtung sind in Patientensprache übersetzte Leitlinien. Doch selbst mit Vorliegen und Verfügbarkeit unabhängiger Informationen werde, ist sich Mühlhauser sicher, nicht zu erreichen sein, dass Arzt und Patient sich auf Augenhöhe begegneten. Grund: unterschiedliche Vorbildung.

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