zur Navigation zum Inhalt
Foto: DI Niel Mazhar
Außen hart, innen weich: Wandstruktur und Mobiliar zum Auf- und Zuklappen. Die Wand kann so viel mehr, als nur Raumstrukturen zu schaffen und dafür zu sorgen, dass uns das Dach nicht auf den Kopf fällt.
Foto: Astrid Mazhar

DI Niel Mazhar Architekt, Innenausstatter und Illustrator aus Wien

 
Praxis 7. Mai 2009

Die wandelbare Wand

Die Wand kann mehr sein als nur ein Bauelement – sie ist ein Teil des Mobiliars!

Vergangene Woche war im Raumdoktor von Deckengestaltung die Rede, von Stuck, Farbe und neuem Glanz an alten Decken. Doch wie sieht es mit der ganz gewöhnlichen Zimmerwand aus? Kann auch diese zum spannenden Erlebnis werden, haptischer oder rein visueller Natur? Vielleicht zum (multimedialen) Informationsträger jenseits von Bücherregal und Schreibtisch? Könnte die Mauer mehr sein als ein nackter Untergrund, der schamhaft unter Farbe und Tapete versteckt wird?

 

Berühren und benützen Sie Ihre vier Wände! Sie sind Gestaltungsobjekte, die mehr zu bieten haben, als Sie ahnen. Eine Wand ist nicht nur dazu da, um einen Nagel einzuschlagen und ein Foto daran zu hängen. Ob als Multimedialeinwand, als Projektionsfläche, hinter ungewöhnlichem Material verborgen oder mit hinterleuchteter Kunststoffverkleidung versehen, die sie wie ein magisch wirkender Leuchtkörper wirken lässt – Wände wollen gebraucht und bespielt werden.

Man denkt bei einer Wand an etwas Hartes/Massives/Stabiles. Ganz in Weiß oder grauem Beton, vielleicht auch an eine gemusterte Tapete. Doch wagen Sie das Experiment! Trennen Sie sich gedanklich von Klischees und versuchen Sie neue Dimensionen und Eigenschaften an der Mauer zu entdecken! Sehen Sie die Wand als eine Form des Mobiliars und gehen Sie einen Schritt weiter als nur bis zur Textiltapete. Stellen Sie sich Ihre Mauer etwa als gepolsterte Oberfläche vor, eine zum Anfassen, Anlehnen und Anschmiegen. Eine solche Wandpartie würde den Wartebereich einer Arztpraxis in einen angenehmen Aufenthaltsraum verwandeln. Einfache gepolsterte Sitzbänke in einem Wartezimmer, die auf eine Rückenlehne verzichten können, da die Wand selbst als gepolsterte Stütze fungiert. Ein Ort zum Zurückziehen, an dem der Teppich über das Sofa in die Wand übergeht. Die Grenzen von Bauteil und Mobiliar lösen sich scheinbar auf. Zusätzlich wird die Akustik ein wenig gedämpft, was besonders in Wartebereichen von Vorteil ist.

Doch eine textile Wand ist nicht nur als überdimensionale Rückenlehne denkbar. Sondern auch als ein elegantes und praktisches Kostüm für die Mauer. Schenken Sie den Wänden in Ihrer Arztpraxis ein neues Outfit. Wie ein Vorhang könnte ein schallschluckender Textilbezug einen ganzen Wandbereich bedecken. Um dabei nicht nur der Optik Genüge zu tun, könnte diese „Wandbekleidung“ auch aufgenähte Taschen aufweisen. Wie bei einem Känguru lässt sich dort praktisch alles verstauen. Von der Informationsbroschüre für den wartenden Patienten bis zum Kinderspielzeug für die lieben Kleinen.

Die Mauer lebt

Lassen Sie einfach Nützliches an Haken und Seilen von der Wand baumeln, jederzeit griffbereit. Etwa Bücher und Zeitschriften, die an Bügeln von der Wand hängen – so entsteht ein richtiger Blätterwald der anderen Art, eine hängende Bibliothek. Dasselbe Prinzip würde auch mit Hängepflanzen funktionieren. Einfach Ringe an der Wand befestigen, in die Blumentöpfe eingehängt werden können. Schon entsteht eine grüne Wand, ein sensationeller Wandgarten, die hängenden Gärten von Babylon im Kleinformat.

Doch auch mit dem guten alten Prinzip der Wandvertäfelung lassen sich neue Wege beschreiten. Ursprünglich dienten die oft aufwendig verzierten Holztäfelungen in den guten Stuben als zusätzliche Wärmedämmung in Aufenthaltsräumen oder auch als Schutz der darunter liegenden Holzkonstruktion. Inzwischen gibt es weit effektivere Methoden der Wärmedämmung, und Täfelungen sind zum reinen Raumschmuck verkommen, dem ein konventioneller bis konservativer Ruf anhaftet. Doch könnte man der Holzverkleidung mit frischen Ideen zu neuem Aufschwung verhelfen.

Die Wand als verstecktes Mobiliar

Einfaches Mobiliar könnte in eine vertäfelte Wand integriert werden. Eine Holztäfelung, die sich bei genauerem Hinsehen auflöst, aufzubrechen scheint und dann spielerisch benützen lässt. Flächige Paneele, die man aus der Wandfläche herausklappen kann und so als Sitzmöglichkeiten wie auch Tische dienen. Einzelne versteckte Ablagen, Regale, Konsolen oder Leuchten, die sich einfach aus der Wand „schälen“ und dahinter, als Kontrast, einen „weichen Kern“ freilegen, etwa einen sanft schillernden Textilbezug in auffälliger Farbe. Dadurch wird die Wandoberfläche zum vielseitigen Alleskönner (siehe Abbildung).

Spielen Sie mit Materialien und den Emotionen, die diese hervorrufen. Natur- und Backsteinoptik suggerieren stapelförmiges Bauen und Aufschichten. Dabei entstehen meist Mauervertiefungen, Nischen und Auskragungen, die man zum Sitzen genauso wie zum Aufbewahren verwenden kann: für Lesematerial, Pflanzentöpfe, zum Sitzen, Ablegen oder Aufhängen. Oder stellen Sie sich eine gemauerte Wandverkleidung vor, die am unteren Rand immer weiter auskragt und sich zu einer massiven Sitzbank formt.

Dabei muss es gar nicht echter, schwierig zu verarbeitender Stein sein: Haben Sie keine Angst vor Kunststein, denn damit lassen sich ganze Wände in natürlicher Steinoptik verblenden. Ob mediterran oder rustikal, von der Natur oder hohem Alter gezeichnet – dieser Kunststein ist kaum von echtem Gestein zu unterscheiden.

Oder haben Sie es lieber modern und futuristisch? Tatsächlich existieren Farbanstriche, die wie schimmernde Massivplatten aus Kupfer, Stahl und Bronze gegossen aussehen, aber lediglich auf die Wand gepinselt werden. Diese Farbmischungen, die aus verflüssigten Edelmetallen, Kalkputzen und Harzen bestehen, verfügen über ähnliche Eigenschaften wie jedes Metall – sie können geschliffen und poliert werden und können auf Möbel wie auf Wände aufgetragen werden, mit einem kleinen Unterschied – sie sind (und das lässt aufatmen) keine Stromleiter.

Magnetisierende Effekte

Doch auch ohne sichtbaren Metalleffekt kann man von den physikalischen Eigenschaften der Metalle profitieren. So gibt es einen Wandanstrich, der feine, nichtrostende Eisenpartikel beinhaltet und dadurch eine gewöhnliche Wand in eine verwandelt, an der Magneten wie aus Zauberhand haften. Wenn Sie so wie ich eine Vorliebe für das Stapeln von Papierkram an Tisch und Boden hegen, ist das eine ganz fabelhafte Sache! Denn so verursacht ein Windstoß beim Stoßlüften kein Zettelfiasko mehr. Alles bleibt dann stur an seinem neuen, festen Platz – an der Wand. In einer Arztpraxis kann dies besonders im Eingangsbereich praktisch sein, um dort eine Art „schwarzes Brett“ einzurichten, an dem nun, ganz einfach an die Wand, Informationsmaterial geheftet werden kann. Besonders schön kann diese „unsichtbare Pinnwand“ sein, wenn man sie noch durch effektvoll gesetztes Licht in Szene setzt. Zudem auch noch neue Abstellflächen geschaffen werden.

Besser eine Wand mit Köpfchen als mit dem Kopf durch die Wand

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man seine eigenen vier Wände zu mehr Persönlichkeit verhilft. Das Haus der Zukunft wird über intelligente Räume verfügen, die in der Lage sein werden, mitzudenken und das tägliche Leben zu managen. Gesteuert werden diese Räume dann natürlich über die Wand – per überdimensionale Touchscreens, die über Berührungen und Handbewegung zu bedienen sein werden. Die Wand der Zukunft wird dann sehr viel mehr sein als eine einfache Raumbegrenzung, sie wird zum künstlichen Organismus. Aber das ist noch Zukunftsmusik. Bis dahin könnten Sie den Wänden der Gegenwart wenigstens einen neuen Anstrich gönnen. Nur für den Fall, dass diese in der Zukunft tatsächlich über künstliche Intelligenz verfügen. Denn Sie wollen dann sicher nicht, dass Ihre Wände Ihnen dann etwas vorzuwerfen haben, oder?

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben