zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Klare Zahlenangaben helfen Patienten, ihr Op-Risiko realistisch einzuschätzen.
 
Praxis 10. April 2012

Was heißt „selten“, was „oft“?

Nach dem Aufklärungsgespräch werden Risiken häufig überschätzt.

Ist der Patient über das Operationsrisiko aufgeklärt, unterschreibt er eine Einverständniserklärung. Zur Vereinfachung werden bei der Aufklärung des Patienten zu den Risiken Angaben wie „oft“ oder „selten“ verwendet. Doch wie interpretiert der Patient solche semiquantitativen Angaben seines Arztes? Dieser Frage ging eine Schweizer Studie nach, die offenbarte, dass das Risiko des Eingriffs nach dem Gespräch mit dem Chirurgen von den meisten Patienten überschätzt wird.

 

Die Autoren der Universität Bern werteten die Fragebögen von 48 Schweizer Chirurgen und 582 medizinischen Laien aus, die u.a. befragt wurden, was bestimmte semiquantitative Angaben zahlenmäßig für sie bedeuten. Zudem wurden die Chirurgen gebeten, Komplikationsraten von häufigen Operationen in Worte zu fassen, die sie bei einem üblichen Aufklärungsgespräch verwenden würden, und die Laien wählten aus, welches Risiko sie dahinter vermuteten. Die Einschätzungen von Chirurgen und Laien wurden untereinander sowie mit den Häufigkeitsangaben aus der Literatur verglichen.

Die Botschaft kommt nicht richtig an

Die teilnehmenden Ärzte kannten größtenteils die Gefahren und übersetzten sie in passende Begriffe, um das Risiko einer Operation für den Patienten zu beschreiben. Doch die Botschaft kam bei den Laien nicht richtig an.

Während die Testpatienten zuvor noch relativ optimistisch hinsichtlich der meisten Risiken gewesen waren, schätzten sie nach dem simulierten Aufklärungsgespräch die jeweiligen Risiken aufgrund der semiquantitativen Angaben der Ärzte bei sieben von acht Eingriffen, mit Ausnahme der Appendektomie, verglichen mit den Literaturwerten, als zu hoch ein.

Deutlich wurden die Verständnisunterschiede bereits bei der weit auseinander liegenden Interpretation der Begriffe: So verstanden die Ärzte unter „sehr oft“ zum Beispiel eine Komplikationsrate von im Mittel 50 Prozent, während Laien mit 80  Prozent rechneten. „Oft“ setzten Chirurgen mit rund 18 Prozent gleich, Laien dagegen mit 50 Prozent. Weiterhin ergaben sich für „gelegentlich“ ein Median von 5 vs. 20 Prozent, für „selten“ von 1 vs. 5 Prozent und für „sehr selten“ von 0,1 vs. 1 Prozent.

Fazit der Autoren

Laien überschätzen die Gefahren chirurgischer Eingriffe oft, nachdem sie von einem Chirurgen über das Risiko aufgeklärt worden sind. Schuld daran scheint die Verwendung ungenauer Begriffe und vager Angaben zu Häufigkeiten zu sein. Damit die Entscheidung eines Patienten für eine Operation auf klaren und richtigen Informationen basiert, empfehlen die Autoren, im Aufklärungsgespräch statt schwammiger Begriffe lieber Prozentangaben oder Informationen zum Quotenverhältnis (Odds Ratio) zu verwenden. Dabei halten sie weitere Studien für erforderlich, um die Ergebnisse international und mit realen Patienten zu bestätigen.

springermedizin.de, Ärzte Woche 15 /2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben