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Praxis 22. Februar 2012

Bitte keine Babysprache!

Kommunikation mit älteren Patienten – entscheidend sind Einfühlungsvermögen und Zuwendung.

Bei älteren Patienten macht in der Sprechstunde oft der Ton die Musik. Ob Sie eine ordentliche Compliance erwirken, verdeckte Krankheiten erkennen oder überhaupt von den Senioren als Hilfe wahrgenommen werden, hängt wesentlich von Ihrem Kommunikationsstil ab. Dabei ist es so einfach, unbewusst Fehler zu machen. Experten raten, sich konstant selbst zu überwachen – und Anflüge von Babysprache oder Patronisierung zu vermeiden.

 

Gerade Hausärzte haben viel mit alten Menschen zu tun, und die meisten sind längst Senioren-Experten. Doch im Laufe der Zeit können sich Kommunikationsfehler einschleichen. Deshalb ist es sinnvoll, sich laufend klarzumachen, dass es typische Verhaltens- und Reaktionsmuster im Alter gibt und dass diese die Kommunikation in eine eigentlich unerwünschte Richtung lenken können.

Zum Beispiel sprechen jüngere Menschen – auch Ärzte – mit alten Menschen oft betont langsam, mit reduziertem Wortschatz und aufmunternden Floskeln. Dieses Kommunikationsverhalten entspreche einer „sekundären Babysprache“ und unterscheide sich nicht von Unterhaltungen zwischen Erwachsenen und zweijährigen Kindern, kritisiert der Internist, Medizinethiker und Kommunikationsexperte Prof. Dr. Linus Geisler in der Zeitschrift AINS. Daraus könne sich ein Teufelskreis entwickeln, der zu einer sprachlichen Entmündigung führe.

Genauso schädlich wie derartiger Baby-Talk könne Patronisierung, also gönnerhaftes Verhalten, auf ältere Patienten wirken. Patronisierende Kommunikation führt laut Geisler zu Fehlverhaltensweisen. Herablassende Entmündigungsstrategien, Bagatellisierung, Formulierungen, die alten Menschen ihre Gedächtnis- und Merkprobleme vor Augen führen, oder pädagogische Zurechtweisungen wie „Alte Menschen weinen nicht!“ würden das Gefühl von Hilflosigkeit und Unselbstständigkeit fördern.

Doch bei vielen Jüngeren sei ein patronisierender Gesprächsstil tief eingefahren, und der Sprechende merke das gar nicht mehr. Am besten höre man sich selbst immer wieder kontrolliert zu und achte dabei genau auf typische patronisierende Gesprächsmerkmale.

Gelungene Kommunikation mit alten Menschen basiere auf Einfühlung, Respekt und Fürsorge. Nötig sei eine positive Einstellung zu alten Menschen. Sie hätten schließlich in ihrem Leben etwas geleistet und verdienten, mit Respekt behandelt zu werden, so Dr. Thomas Hermens, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft „Ambulante Geriatrie“ der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie: „Wir Ärzte müssen nun für Lebensqualität im Alter sorgen“, sagt der hausärztlich tätige Internist und Geriater. Er selbst fühle sich als Anwalt seiner alten Patienten.

Was alte Menschen vor allem bräuchten, sei Zeit. „Eine Fünf-Minuten-Medizin funktioniert bei ihnen nicht“, so Hermens. „Ein alter Mensch erzählt oft erst von eher unwichtigen Symptomen. Nicht nach der ersten, der zweiten oder der dritten Aussage fällt dann der Groschen, was das Problem ist, sondern vielleicht erst nach der 11. oder der 12. Das ist wie bei einem Puzzlespiel, man braucht oft viele Steine, um das diagnostische Puzzle zusammensetzen zu können.“

Zum Spickzettel raten

Um Zeit zu sparen, rät der Geriater dazu, dass alte Patienten die Tochter, den Sohn oder einen Enkel in die Praxis mitbringen oder sich vorher einen Spickzettel machen. Dann könnten die Patienten vorher alles durchgehen und vergäßen nichts Wichtiges.

Sich für alte Menschen die Zeit zu nehmen, die sie brauchen, zahle sich aber aus. Es sei erwiesen, dass eine ausreichende Zeitinvestition, vor allem im Erst-Interview, per Saldo zeitsparend, zumindest aber zeitneutral sei, so Geisler. Es entfielen zum Beispiel viele zusätzliche Kurzgespräche, eine patientengerechte, gezielte Behandlung werde möglich, diagnostische und therapeutische Umwege und Sackgassen würden vermieden und so die Kosten im Gesundheitssystem gesenkt. Das sieht auch Hermens so: „Würde man den Faktor Zeit wegnehmen, würde das viele Einweisungen und Übertherapien ersparen.“

Denn wer sich die Zeit nicht nimmt, übersieht, dass es sich häufig um eine Pseudomultimorbidität handelt, die etwa Ausdruck einer Depression oder „einer untergründigen Lebensangst“ ist, wie Geisler sagt. Oft steckt bei alten Menschen auch Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit hinter den organischen Symptomen.

Krankheit als Signal

Außerdem kann Krankheit im Alter Maske, Mittel oder Signal sein: Sie kann Einsamkeit verdecken. Auch ein Verlust von Prestige kann durch Krankheit überspielt werden, vor allem bei Menschen, deren Lebensinhalt ihre Arbeit war. All das sind Fallgruben im Gespräch mit alten Patienten. Doch es braucht Zeit und Einfühlungsvermögen, sie zu erkennen.

Und noch etwas sei ganz wichtig, sagt Hermens: präventive Hausbesuche. „Man muss alte Menschen in ihrem Umfeld sehen.“ Das persönliche Umfeld und vor allem auch die persönliche Lebensgeschichte eines alten Menschen seien Schlüssel zum Verständnis seines Krankheitserlebnisses. Alte Menschen, die sich verstanden und angenommen fühlen, seien äußerst dankbare Patienten. Die gelungene Kommunikation mit ihnen könne daher für Ärzte sehr befriedigend sein. springermedizin.de

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