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Praxis 8. Februar 2012

Healing Environment & Patient Centered Care

Welchen Einfluss haben „Soft Faktoren“ auf den Genesungsprozess?

Die Begriffe „Healing Environment“ und „Patient Centered Care“ rücken vor allem im angloamerikanischen Raum zunehmend in den Mittelpunkt der Forschung. „Wir wissen mittlerweile, dass eine gute menschliche Betreuung und eine positive Krankenhausgestaltung erheblichen Einfluss auf die Patientengenesung haben“, betonte Dr. Melanie Neumann, Medizinsoziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Witten/Herdecke, bei einer Pressekonferenz.

 

Studien bestätigen: Die Rahmenbedingungen in Krankenhäusern sind nicht gleichgültig. Vor allem Faktoren wie menschliche Zuwendung, einfühlsame Kommunikation und Qualitätszeit für Arzt-Patienten-Gespräche haben entscheidenden positiven Einfluss auf den Genesungsprozess.

„Dieser Einfluss ist in objektiven Outcome-Parametern messbar und damit nicht mehr zu ignorieren“, so Neumann. Nicht nur das körperliche und seelische Wohlbefinden der Patienten steigt durch eine verbesserte Arzt-Patienten-Kommunikation, sondern auch eine verbesserte Immunabwehr konnte belegt werden. In einer US-amerikanischen randomisierten kontrollierten Studie zeigten Rakel et al (2011)1 am Beispiel einer Erkältung eindrucksvoll, dass eine einfühlsame Arztkommunikation objektiv die Immunparameter positiv beeinflusste. Dabei wurden 779 Patienten in der Anfangsphase einer Erkältung befragt, relevante Immunwerte ermittelt und drei Gruppen gebildet: kein Arztkontakt / Standard-Arztkontakt / einfühlsam gestalteter Arztkontakt. In Bezug auf die Einnahme von Placebo/Echinacea wurden die Patienten erneut in vier Gruppen unterteilt: Echinacea, Echinacea blind, Placebo blind, keine Medikamente. Bei Patienten, die ihre Ärzte als besonders empathisch beurteilten, war zum einen die Erkältung weniger schwer (17,4%) und kürzer (um 1,11 Tage), zum anderen veränderten sich auch signifikant positiv objektive medizinische Messwerte wie das „Interleukin-8“ und „Neutrophile“.

„In einer deutschen Befragungsstudie an der Uniklinik Köln untersuchten wir den Zusammenhang zwischen ärztlicher Empathie, Informationsweitergabe sowie Depression und Lebensqualität bei 323 onkologischen Patienten.2 Deutlich wurde u.a., dass als empathisch beurteilte Ärzte ihren Krebspatienten signifikant mehr Informationen zu ihrer Diagnose, zu Behandlungsoptionen, aber auch zu Gesundheitsförderung und Krankheitsbewältigung gaben. Darüber hinaus konnten wir zeigen, dass diese Ärzte das Depressionsniveau der Krebspatienten signifikant senken sowie deren emotionale Lebensqualität signifikant erhöhen konnten. Größter Störfaktor für empathische Kommunikation ist der ärztliche Stress“, so Neumann.

Weitere Studien zeigen, dass darüber hinaus Patienten beispielsweise weniger Schmerzmittel benötigen3,4, früher nach Hause gehen4 und besser schlafen, wenn ein echtes „Healing Environment“ im Krankenhaus ermöglicht wird.

Internationaler Trend in Forschung und Wissenschaft

Wissenschaftliche Vereinigungen wie die „European-“ (EACH) bzw. „American Association for Communication in Healthcare“ (AACH) zeigen ebenso wie die damit assoziierten internationalen Kongresse die verstärkte Auseinandersetzung der Wissenschaft mit dieser Thematik. Große Studien stammen aber vorwiegend aus dem angloamerikanischen Raum. In Deutschland oder auch Österreich gibt es derzeit noch zu wenig wissenschaftliche und gesundheitspolitische Aktivitäten.

Die Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt jedoch, dass die zwischenmenschliche Komponente einen entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Patienten hat. In Zeiten von Gesundheitsreform, überlasteten Ärzten bzw. Pflegepersonen und massiven Einsparungen tut sich der öffentliche Bereich schwer, sich mit der Wirksamkeit der so genannten sprechenden Medizin auseinanderzusetzen“, so Neumanns Vermutung.

Mayo Clinic/USA: Internationale Vorreiter

Die renommierte Mayo-Clinic kann durch das 2006 ins Leben gerufene „Healing Enhancement Program“ (Einsatz komplementärer Methoden wie Musik, Entspannungstherapie, Massagen u.a.) anhand von Herzpatienten klare Vorteile zeigen: Patienten fühlen sich physisch und emotional besser, schlafen besser, brauchen weniger Schmerzmittel und erholen sich schneller. „This is the most multidisciplinary effort I´ve ever seen“, so Thoralf Sundt, M.D., Kardiologe und Mitbegründer des Programms.

Qualitätszeit für Arzt-Patienten-Gespräche

Wie systematische Reviews im Überblick anführen, zeigt ärztliche Empathie in Studien eine ganze Reihe objektiver Outcome-Parameter: Patienten berichten empathischen Ärzten mehr über ihre Symptome und Sorgen, wodurch die Diagnosegenauigkeit erhöht wird. Zudem erhalten sie mehr erkrankungsspezifische Informationen. Das bessere Verständnis fördert darüber hinaus die Therapietreue (Compliance), die aktive Mitarbeit der Patienten sowie die Gesamtzufriedenheit. Emotionaler Distress wird reduziert und die Lebensqualität der Patienten erhöht. „Stress beispielsweise durch Überlastung ist nachweislich der größte Störfaktor für einfühlsame Betreuung von Patienten. Gleichzeitig sieht man, dass die richtige Arzt-Patienten-Kommunikation zu Beginn einer Behandlung insgesamt sogar Zeit spart, weil Patienten informierter und zufriedener sind und daher z.B. später weniger Unklarheiten und/oder Komplikationen auftreten können“, so Neumann.

Spitalsumgebung entscheidend

Schlafprobleme sind in Krankenhäusern sehr häufig. Im Rahmen einer Untersuchung des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums der Charité Universitätsmedizin Berlin berichtete nahezu jeder zweite Patient (46,6 %) von Durchschlafstörungen, 33,8 Prozent hatten Probleme mit dem Einschlafen. Dabei machen 20,8 Prozent der befragten Patienten Zimmernachbarn für die Störung ihrer Schlafqualität im Krankenhaus verantwortlich. Wie Metaanalysen zeigen, können Einzelzimmer die Schlafqualität maßgeblich unterstützen. Darüber hinaus fördern sie die Kommunikation mit Angehörigen, sorgen für mehr Privatsphäre und damit auch für eine höhere Gesamtzufriedenheit der Patienten.

Im Hinblick auf die Patientensicherheit und die Eindämmung gesundheitsgefährdender Krankenhauskeime ist die Unterbringung in Einzelzimmern eine immer wieder erwogene Präventionsmaßnahme.

Kontakt mit der Natur zeigt ebenso positive Auswirkungen auf Patienten. Interessanterweise zeigen z.B. Naturbilder und Naturgeräusche ähnlich gute Wirkung wie der Kontakt zu „echter“ Natur (z.B. Garten). Studien zeigen positive physiologische, psychologische, emotionale und kognitive Veränderungen wie Stress- und Angstreduktion, weniger Schmerzen bzw. Schmerzmittel, Steigerung der Lebensqualität bis hin zu schnellerer Erholung von einer Operation durch den Blick in die Natur aus dem Krankenbett.5,6

Pflegequalität: Menschliche Zuwendung

In einer placebokontrollierten Studie konnte zudem eindrucksvoll gezeigt werden, dass auch Schmerzmittel nicht nur besser wirken, sondern auch reduziert werden können, wenn diese im Rahmen eines Arztkontaktes verabreicht werden (versus einer Infusion ohne Arztkontakt zu einem ungewissen Zeitpunkt). „Ein Krankenhausaufenthalt kann ein immenser Stressfaktor für Patienten sein, und diese Ergebnisse zeigen deutlich, dass wir durch menschliche Zuwendung und bessere Kommunikation viel tun können, um die Lebensqualität und letztendlich auch den Genesungsprozess signifikant positiv zu beeinflussen“, so Neumann. „Diese Ergebnisse sollten in der Praxis, aber auch gesundheitspolitisch und wissenschaftlich noch viel aktiver genutzt werden, um Krankenhäuser zu Orten zu machen, an denen man auch wirklich gesund werden kann. Neben Patienten können auch Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegepersonen von einem positiven zwischenmenschlichen Arbeitsklima profitieren.“

 

1Rakel et al, Pat Edu Couns, doi:10.1016/j.pec.2011.01.009

2Neumann, M. et al, Patient education and Counseling 2007; 69:63-75

3 Benedetti F, Oxford, Oxford University Press, 2009

4Egbert LE et al, New England Journal of Medicine 1964;270: 825-827

5Diette G et al, Chest 2003;12:941–948. Chest. 2003 Mar;123(3):941-8.

6Ulrich, RS (1984). Science, 224: 42021

 

Quelle: Pressekonferenz „Soft Faktoren“ beeinflussen den Genesungsprozess, 29. November 2011, Wien

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