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Dr. Stefan Bayer Präsident der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm).

Dr. Stefan Bayer Präsident der Österreichischen Akademie für Arbeitsmedizin (AAm).

 
Praxis 8. April 2009

Verwaiste Arbeitsplätze

Der Österreichische Fehlzeitenreport 2008 zeigt die zunehmende Stressbelastung für Arbeitnehmer auf und gibt Hinweise, wo Handlungsbedarf besteht.

In Österreich ist man wieder häufiger krank: im Durchschnitt zwölf Tage pro Jahr. Arbeitslose sogar noch häufiger: 40 Tage im Jahr. Das ergab ein Ergebnis des Fehlzeitenreports 2008. Dieser vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) im Auftrag von Wirtschaftskammer, Allgemeiner Unfallversicherung (AUVA) und Arbeiterkammer Wien erstellte Bericht analysiert die Entwicklung von Krankenständen sowie deren Struktur und Ursachen.

 

Die Entwicklung der Krankenstände verlief in Österreich zwischen 2000 und 2006 rückläufig: 2006 waren die Beschäftigten im Schnitt 11,5 Tage im Krankenstand. Das stellte einen historischen Tiefstwert dar. Dennoch sind die aktuellen zwölf Tage Krankenstand pro Arbeitnehmer und Jahr im internationalen Vergleich wenig. Die Gründe: „Wir haben eine sehr geringe Erwerbsquote von älteren Beschäftigten“, so Studienautor Thomas Leoni. Das hängt direkt mit der hohen Zahl an Frühpensionierungen zusammen, die sich „beschönigend“ auf die Statistik auswirkt. In der Krankenstandsstatistik ganz vorne liegen skandinavische Länder. Dort arbeiten die Menschen sogar länger.

Häufige Gründe für Ausfälle

Die am häufigsten auftretenden Ursachen sind Erkrankungen des Stützapparates und Erkrankungen der Atemwege. Sie machen zusammen fast die Hälfte der Krankenstände aus. Arbeitslose weisen eine signifikant höhere Krankenstandquote als Beschäftigte auf. Die Zunahme ihrer Krankschreibungen ist dramatisch: Innerhalb von 15 Jahren ist der Schnitt von 19 auf 40 Tage gestiegen.

Markant ist auch, dass Besserverdiener eine unterdurchschnittliche Krankenstandswahrscheinlichkeit aufweisen. Das entspricht der ökonomischen Theorie, wonach ein höheres Lohnniveau mit überdurchschnittlicher Qualifikation, Produktivität, Motivation, Verantwortung und mit unterdurchschnittlichen Fehlzeiten zusammenfällt. Das Lohn- bzw. Einkommensniveau bildet überdies auch Unterschiede in der sozialen Stellung und somit eine Reihe weiterer gesundheitsrelevanter Faktoren (z. B. Ernährungs- und Erholungsmöglichkeiten, Gesundheitsbewusstsein und Finanzierbarkeit von gesundheitlichen Leistungen) ab.

Auf Ältere Rücksicht nehmen

Kurze Krankenstände unter vier Tagen nehmen zu. In der Statistik ins Gewicht fallen aber lange Krankenstände von vier bis sechs Wochen und noch mehr. Wenig überraschend gibt es die vor allem bei älteren Arbeitskräften. 25 Prozent der krankheitsbedingten Fehlzeiten entfallen laut Fehlzeitenreport 2008 auf die Über-50-Jährigen, die allerdings nur 16 Prozent der gesamten Beschäftigten ausmachen. Die Umsetzung des EU-Lissabon-Ziels der verstärkten Erwerbsbeteiligung älterer Men-schen wird auch die Krankenstände der älteren Arbeitnehmer weiter erhöhen. „Die Wirtschaft muss daher die Belastungen in der Arbeitswelt weiter reduzieren und verstärkt auf die Bedürfnisse älterer ArbeitnehmerInnen Rücksicht nehmen. Altersgerechte Arbeitsorganisation darf allerdings nicht erst für ArbeitnehmerInnen ab 45 Jahren aktuell werden, sondern soll gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen im gesamten Arbeitsleben sicherstellen. Zudem ist die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen anzupassen und zum Beispiel neue Altersteilzeitmodelle umzusetzen, wie sie die Sozialpartner schon im vergangenen April vorgelegt haben“, betont Karin Zimmermann, Gesundheitsexpertin des ÖGB. Eine weitere Forderung des Gewerkschaftsbundes ist, dass gerade psychische Belastungen bei der Arbeit verstärkt präventiv behandelt werden und der Gesundheitsförderung auch in allen anderen Lebenswelten abseits der Arbeitswelt eine wichtige Rolle zukommt. Im deutschen Fehlzeitenreport wurde das Phänomen Präsentismus – also ArbeitnehmerInnen, die trotz Krankheit zur Arbeit gehen – näher untersucht. Gründe dafür sind unter anderem der Arbeitsdruck und die Angst um den Arbeitsplatz. Präsentismus führt langfristig zu längeren Krankenständen. „Dem müssen wir gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Unsicherheit entgegenwirken“, fordert Zimmermann. „Wichtig wäre in diesem Zusammenhang ein nationales Gesundheitsförderungs- und Präventionsgesetz.“

Neuordnung der Altersteilzeit

Ähnlich sieht die Arbeiterkammer diese Entwicklung. „Die Entwicklung der Krankenstände ist zwar rückläufig, doch wenn wir beispielsweise die Beschäftigung der Älteren erhöhen wollen, so ist eine stärkere Befassung mit den krankmachen- den Faktoren in der Arbeitswelt notwendig“, so Helmut Ivansits, Leiter der Abteilung Sozialversicherung und Gesundheitspolitik in der AK Wien. Daher verlangt die Arbeiterkammer eine rasche Neuordnung der Altersteilzeit und weitere Unterstützung von Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung als präventive Maßnahme zur Erhaltung und Förderung der Arbeitsfähigkeit.

Für Christoph Hörhan, Leiter des Fonds Gesundes Österreich, ist es eine erfreuliche Entwicklung, dass die Krankenstandszahlen langfristig gesunken sind. „Es ist sicher kein Zufall, dass im gleichen Zeitraum Gesundheitsförderung in Betrieben deutlich ausgebaut wurde. Allein der Fonds Gesundes Österreich hat in dieser Zeit über sieben Millionen Euro in fast 300 betriebliche Gesundheitsförderungsprojekte investiert“, erklärte Hörhan. Auch für die Zu-kunft soll dieser Schwerpunkt beibehalten werden. „Wir wollen das gro-ße Potenzial, das in diesem Bereich schlummert, nutzen und die betriebliche Gesundheitsförderung weiter ausbauen“, so Hörhan.

„Ein sehr großer Hebel, um die Fehlzeiten zu reduzieren“, wäre laut Studienautor Thomas Leoni vom WIFO auch die Reduktion von Langzeitkrankenständen, von denen vornehmlich ältere Arbeitnehmer betroffen sind. Angesichts ihrer beschäftigungspolitischen Bedeutung werden ältere Beschäftigte für die zukünftige Entwicklung der Krankenstände eine entscheidende Rolle spielen.

Fehlzeiten von mehr als einem Monat machen zwar nur sechs Prozent der Fälle, aber 40 Prozent aller Krankenstandstage aus. Und sie haben deutlich negative Auswirkungen auf die Erwerbskarriere: Nach ei- nem zwei- bis vierwöchigen Krankenstand steigt das Risiko, im Jahr danach den Job zu verlieren, um 25 Prozent, nach drei Monaten um 60 Prozent. Besonders hoch ist das Risiko nach Krankheiten des Bewegungsapparates und psychischen Erkrankungen.

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Generell sind die Hauptursa- chen für Krankenstände laut Studie Muskel-Skelett-Erkrankungen, zunehmend wichtiger werden auch – obwohl offiziell nur Grund von fünf Prozent der Krankenstände – psychische Erkrankungen. Letztere liegen bei den Ursachen für den Wechsel in die Invalidenpension an zweiter Stelle. Leoni verwies darauf, dass „alle Studien zeigen, dass die psychosoziale Belastung steigt“. Dafür verantwortlich seien Rahmenbedingungen wie Prekarisierung, Arbeitszufriedenheit und Motivation. „Das gibt den Akteuren eine Möglichkeit zu Verbesserungen“, sagte Leoni.

Er wies auch darauf hin, dass „betriebliche Gesundheitsförderung bei einer systematischen Durchführung rein ökonomisch sehr lohnend“ sei. Der Faktor werde in verschiedenen Studien zwischen 1:4 und 1:10 angegeben, das bedeutet, dass sich die Volkswirtschaft für einen zur Gesundheitsförderung ausgegebenen Euro vier bis zehn Euro ersparen könnte. Noch sei dafür in Österreich nicht genügend Bewusstsein geschaffen. Leoni: „Trotz einer steigenden Verbreitung sind wir weit von einer flächendeckenden Präsenz entfernt.“

Auf regionaler Ebene unterscheiden sich die Krankenstandsquoten der einzelnen Gebietskrankenkassen zum Teil erheblich (s. Kasten).

In den kommenden Jahren dürften die Fehlzeiten weiter zunehmen, sagte Thomas Leoni vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) bei der Präsentation der „Fehlzeitenstudie 2008“. Als Gründe nannte er die demografische Entwicklung und den Trend, länger im Beruf zu bleiben. Durch die Schaffung „altersgerechter Beschäftigungsmöglichkeiten“ könne man allerdings gegensteuern, so Leoni.

Es ist aber auch notwendig, das Gesundheitsbewusstsein aller Menschen zu fördern. Gesundheitsförderliche Maßnahmen auf betrieblicher Ebene haben die Möglichkeit, krankenstandsverhindernd oder -verkürzend zu wirken und damit sowohl den Unternehmen als auch der gesamten Volkswirtschaft massive Ersparnisse zu bringen.

Beim Blick in die Zukunft waren sich alle Beteiligten einig: Der sinkende Trend bei den Krankenstandszahlen soll weiter beibehalten werden, auch wenn für 2007 ein leichter Anstieg zu verzeichnen ist. Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention unter Mithilfe aller Beteiligten sollen helfen, dieses Ziel umzusetzen.

Kasten:
Regionale Unterschiede bei den Fehlzeiten
Salzburg ist das Bundesland mit den geringsten Fehlzeiten, 2006 waren dort die Beschäftigten im Schnitt nur neun Tage im Jahr krank. Die niederösterreichische und die oberösterreichische Gebietskrankenkassen verzeichneten mit 12,9 respektive 12,4 Tagen die höchsten Krankenstände, in Wien drückte die hohe Krankenstandsquote der Frauen den Durchschnitt nach oben. Die Wirtschaftsstruktur kann einen Teil dieser Unterschiede erklären, erwartungsgemäß haben Bundesländer mit einem industriellen Schwerpunkt (wie z. B. Oberösterreich) höhere, solche mit einem großen Dienstleistungssektor tendenziell niedrigere Krankenstandsquoten. Es ist aber davon auszugehen, dass sich die Unterschiede zwischen den Bundesländern aus dem Zusammenspiel von einer Vielzahl von Bestimmungsgründen ergeben.

Von Dr. Stefan Bayer, Zahnarzt 4/2009

  • Frau Lilith Lilith, 17.07.2013 um 15:43:

    „Mobbing auf dem Weg zum Rechtsbegriff – Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz- für Österreich
    Der Begriff Mobbing ist im Zusammenhang mit der Arbeitswelt seit den achtziger Jahren durch die Literatur von Herrn Dr. Leymann bekannt geworden. Mobbing beschreibt einen prozesshaften Verlauf in welcher Vorgesetzte oder/und Kollegen durch seelische Gewaltakte (zB. verbale und nonverbale subtile doppeldeutige Kommunikationsformen, entmündigende, kontrollierende Kommunikation und Handlungen etc.) Mitmenschen in ihrer Integrität destabilisieren, mit dem Ziel diese aus der Arbeitsgemeinschaft zu drängen.
    Der gemobbte Mensch trägt weitgehend die verheerenden Konsequenzen wie Langzeitkrankenstand, Armutsgefährdung, Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, manchmal Suicid. Die Gesellschaft trägt einen großen Teil der Kosten. Für Österreich gibt es keine genauen Zahlen. In Vorarlberg wurden folgende Folgekostenabschätzung in Erwägung gezogen: pro Mobbingfall mindestens 175 000 – 200 000 €. Für Vorarlberg gesamt belaufen sich die Kosten mindestens 616 -680 Millionen (1). Die Mobber haben kaum Konsequenzen zu erwarten und können weiter mobben. In den meisten Fällen scheidet der gemobbte Mensch durch Krankheit, Kündigung etc. aus.
    Um den persönlich erlittenen Schaden und um den ungeheuren wirtschaftlichen Verlust zu sanktionieren bedarf es eines neuen spezifischen Tatbestandes mit Schadensersatzsprüchen Mobbing-Tatbestandes in Form eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetzes.
    Derzeit ist die rechtliche Beurteilung massiv erschwert, da bei ein und demselben Mobbinggeschehen zivil-, arbeits- und strafrechtliche Tatbestände rechtsübergreifend geprüft werden müssen. Dazu kommt noch, daß das österreichische Rechtssystem nur einzelne Vorfälle, nicht jedoch einen längerdauernden Verlauf im Rahmen eines einschüchternden, feindseligen oder demütigenden Arbeitsumwelt von den täglichen kleinen Gemeinheiten bis zum Rechtsbrüche durch Über- und Fehlgriffe der Entscheidungsträger sprich Vorgesetzten. Die Berufung auf viel zitierte Fürsorgepflicht wird von mobbinginvolvierten Fachkundigen eher belächelt und achselzuckend zur Kenntnis genommen.
    2006 (2), 2007 (3) wurden parlamentarische Anfragen zum Thema Mobbing eingereicht und abgelehnt mit dem Hinweis die gegenwärtige Rechtslage sei ausreichend.
    2008 (4) BM Hundstorfer hält seit 2008 eine „Verankerung von Mobbing im Strafgesetzbuch für notwendig“
    2009 (5) wurde von Herrn Walter Plutsch der Antrag seiner Bürgerinitiative zur Erreichung eines "Anti-Mobbing-Gesetzes“ eingereicht und ebenfalls abgelehnt.
    Zwischenzeitlich wurde 2009 (6) eine Dienstrechts-Novelle mit einem Mobbing-Verbot im öffentlichen Dienst und 2011 (7) wurden Schutzmaßnahmen für "Whistleblower" im Beamtendienstrecht verankert.
    2011 (8) AK Salzburg Dr. Gabriele Wonnebauer fordert ein Anti-Mobbing-Gesetz, die AK Salzburg fordert seit ca. 10 Jahren ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (9) AK Steiermark und ÖGB fordern ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (10) AK Kärnten Herr Goach „Anti-Mobbing-Gesetz längst überfällig“
    2013 (11) erfolgte ein neuerlicher Anlauf in Form einer Petition „Österreich braucht ein Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz“ eingebracht. Befürworter eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz für Österreich können dieser Petition online zustimmen:
    http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004

    (1) http://www.pakte.at/attach/Mobbing-Bericht_Vbg_nov03.pdf
    (2) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXII/J/J_04323/index.shtml
    (3) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIII/J/J_01915/index.shtml
    (4) http://www.oe24.at/oesterrei... eit/257519
    (5) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/BI/BI_00009/index.shtml
    (6) http://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2009/PK1070/index.shtml
    (7) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/I/I_01610/index.shtml
    (8) http://www.diesalzburgerin.at/bilder/pd... 5_2010.pdf, http://wirtschaftsblatt.at/archiv/1207167/index
    (9) http://steiermark.orf.at/news/stories/2508267/
    (10) http://www.mein-klagenfurt.at/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldungen-dezember-2011/goach-anti-mobbing-gesetz-ueberfaellig/
    (11) http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004“

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