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Praxis 30. September 2011

Medizinrecht

Fehler dürfen passieren, es sei denn, sie hätten nicht passieren dürfen

Fehler können gerade in der Medizin schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Ist Ärzten diese Tatsache bei ihrer Arbeit wohl ständig bewusst, stellt die Rechtsprechung klar, dass in der so sensiblen ärztlichen Kunst kein Erfolg im Sinn eines gesunden, geheilten und beschwerdefreien Patienten geschuldet werden kann. Im Rahmen von Strafverfahren oder Schlichtungsverfahren geht es daher um die Feststellung der Vorwerfbarkeit eines Fehlers: war der Fehler vermeidbar? War die Komplikation absehbar? Hätte sie früher erkannt oder anders darauf reagiert werden müssen?

In einem Verfahren klärt ein Sachverständiger als Berufskollege des betroffenen Arztes diese Fragen unter Zugrundelegen der medizinischen Standards zum Zeitpunkt des Behandlungsfehlers.

Selten hört man von vorsätzlich („absichtlich“) schädigendem Verhalten eines Arztes. Zu denken ist dabei beispielsweise an Fälle der aktiven Sterbehilfe.

Viel häufiger drehen sich Verfahren um die Frage fahrlässigen Handelns, wobei von einem „Maßstabs-Arzt“ ausgegangen wird, um zu erkennen, ob und wie weit der betroffene Arzt von der zu erwartenden medizinischen Sorgfalt abgewichen ist.

Um den Grad der Fahrlässigkeit und des Abweichens von der Sorgfalt festmachen zu können, kann eine gewisse Faustregel herangezogen werden. Beschreiben Kollegen den Fehler gefühlsmäßig mit den Worten „So etwas darf nicht passieren!“ liegen Hinweise auf grob fahrlässiges Verhalten vor. Lässt deren Bauchgefühl eher den Schluss zu „So etwas kann schon mal passieren!“ spricht das eher für leichte Fahrlässigkeit und ein wenig vorwerfbares Verhalten, das in manchen Fällen keine Strafe bedeutet.

Die Übersicht in der Tabelle links soll wesentliche Fragen im Zusammenhang mit Fehlern im OP überblicksmäßig klären.

(Verdacht auf) Behandlungsfehler
im Zuge der OP zeigen sich Anzeichen einer früheren nicht fachgerechten Behandlung
(z.B. OP-Tücher geborgen, die bei früherer OP vergessen wurden)

Oder: dem Operateur selbst passiert ein Fehler
Trifft der Verdacht einer nicht fachgerechten Behandlung einen anderen Arzt, besteht eine Verpflichtung zur Anzeige, wenn der Fehler eine schwere Körperverletzung (z.B. neuerliche OP) oder den Tod des Patienten zur Folge hat.

Obwohl keine Pflicht zur Selbstanzeige besteht, ist eine offene Kommunikation zur transparenten Aufklärung des Falles und der Begegnung des Vorwurfs der Vertuschung sinnvoll.

Es ist besonderes Augenmerk auf eine sorgfältige, wahrheitsgemäße und vollständige Dokumentation zu legen. Eine unvollständige oder unrichtige Dokumentation kann in einem Verfahren schwerwiegende Folgen haben.

Gerichte (sowie in ihrem Auftrag tätige Gutachter oder Polizisten) haben das gesetzliche Recht auf kostenlose Kopien der Krankengeschichte.

Wie bereits erwähnt, ist der offenen und wahrheitsgemäßen Information des Patienten der Vorzug zu geben. Es ist bekannt, dass Patienten weniger Klagebereitschaft zeigen, wenn sie sich ehrlich informiert fühlen.

Des Weiteren ist unverzüglich auch die Versicherung des Arztes zu informieren, um dem Vorwurf einer zu späten Meldung und der damit verbundenen Haftungsfreistellung zu entgehen.
Fehlerhaftes Medizinprodukt • Betroffenes Produkt keinesfalls an den Hersteller herausgeben, sondern bis zur Einleitung eines Verfahrens sicher aufbewahren.
• Meldung an das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (AGES)
1 Es handelt sich bei dieser „Bauchgefühl-Faustregel“ um kein wissenschaftliches oder rechtliches Instrument zur Erzielung einer Verurteilung oder eines Freispruchs. Vielmehr geht es der Autorin um den Versuch, rechtliche Begriffe verständlicher und umgänglicher zu machen.
2 § 54 Ärztegesetz
A. Kohlwein, August 2011

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