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Foto: wikipedia
Der Fenstergucker ist einer der Sehenswürdigkeiten im Wiener Stephansdom. Damals aber noch unbekannt: Offene Fenster fördern die Gesundheit!
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Der Fenstergucker ist einer der Sehenswürdigkeiten im Wiener Stephansdom. Damals aber noch unbekannt: Offene Fenster fördern die Gesundheit!

 
Praxis 3. April 2009

Atmende Räume

Nicht nur wenn der Frühling ruft, sollte man seinen Räumlichkeiten eine Erfrischung gönnen.

Lassen Sie Ihre vier Wände wieder einmal durchatmen! Der Raumdoktor erklärt, wie selbst die hinterste Zimmerecke tief Luft holen kann, damit Sie die Nase nicht voll haben.

 

Wie jedes Jahr stehe ich Anfang März vor einer Entscheidung. Soll ich die erbarmungslos aufkeimende Frühjahrsmüdigkeit einfach verschlafen oder sie durch gesunde Ernährung und Lauftraining an der frischen Luft im Keim ersticken? Nun, mit Muskelkater an meinen Schreibtisch gefesselt, geht mir durch den Kopf: Wir alle wollen dem Frühling mit neuer Energie begegnen. Plötzlich sind die Seiten der Tages- und Wochenblätter voll von Gesundheitstipps, Bekannte und Freunde beschließen zum wiederholten Mal, mit dem Rauchen aufzuhören, begleitet von einem festen „Dieses Mal aber wirklich“. Kaum jemand bedenkt jedoch, dass die Gesundheitsvorsorge bereits in den eigenen vier Wänden beginnt! Auch hier gilt es den stickigen Dunst zu beseitigen – nicht nur im Frühling!

Wir verbringen zwei Drittel unserer Zeit in geschlossenen Räumen, die schädigenden Auswirkungen eines schlechten Raumklimas sind gegeben, denn leider lässt die Qualität der Raumluft zu wünschen übrig. Die Ärzte Woche berichtete vor wenigen Wochen, dass heimische Studien dies selbst für Schulen bestätigen.

Die guten alten Zeiten, in denen auch mir der Wind in meiner Studentenwohnung dank undichter Fenster um die Ohren blies, sind vorbei. Moderne Fenster sind dicht und die Wände gut gedämmt, dies hat, vor allem hinsichtlich der Energieeffizienz, viele Vorteile. Doch ins Innere dieser dichten Raumkapseln findet auch kein frisches Lüftchen mehr seinen Weg.

Schimmelpilz & Co

Heute hat man in Innenräumen mit vielen Problemen zu kämpfen: Zu hohe Luftfeuchtigkeit in ungelüfteten Räumen kann etwa zu Kondensation an exponierten Bauteilen führen und bietet ausgezeichneten Nährboden für Schimmelpilze in allen Formen und Farben. Auch die gemeine Hausstaubmilbe findet hier ihren geradezu klassischen Lebensraum. Solche Zustände sind vor allem für Allergiker unakzeptabel. Zu geringe Luftfeuchtigkeit wiederum kann zur Austrocknung der Schleimhäute führen, die dann besonders anfällig für Bakterien und Viren werden. Kontrollieren kann man die Luftfeuchtigkeit sehr einfach mit einem Hygrometer. Optimal wäre eine relative Feuchte von 40 bis 60 Prozent. Durch den unzureichenden Luftaustausch kann es außerdem zu ungesunden Spitzen von Kohlendioxidwerten kommen. Dies führt von Müdigkeit und Schwindel über Kopfschmerzen bis hin zu Sehstörungen.

Dem kann auf einfache Weise entgegengesteuert werden. Regelmäßiger Luftwechsel durch Stoßlüften reguliert die Luftfeuchtigkeit und verhindert die Schadstoffkonzentration. Allerdings sollte man hier nicht nach dem Je-mehr-desto-besser-Prinzip handeln. Ständig gekippte Fenster sind nicht nur eine Energieverschwendung, sondern auch kontraproduktiv gegen Schimmel. Denn die Wände in Fensternähe kühlen ab, wodurch die warme Luft dort kondensiert. Am besten eignet sich eine Stoßlüftung für wenige Minuten, am besten per Querlüftung. Dadurch wird in kürzester Zeit beinahe die gesamte verbrauchte Luft ausgetauscht.

In manchen Fällen, etwa wenn sich stark frequentierte Verkehrsflächen vor Ihrer Tür befinden, wird eine automatische Belüftungsanlage sinnvoll sein. So müssen Sie nicht ständig an das Lüften denken, und außerdem sind diese Anlagen dank der eingebauten Filter eine Wohltat für Allergiker.

Abwechslung ins Thermometer

Entscheidend für ein behagliches Raumklima ist auch die Raumtemperatur: Dabei sollte aber nicht allein auf die Lufttemperatur geachtet werden, auch die Temperatur sämtlicher Oberflächen im Innenraum sollte beachtet werden. Der Unterschied von Raumluft- und Oberflächentemperatur sollte nicht mehr als 2° Celsius betragen. Für schlecht gedämmte Altbauten mit kalten Wandflächen empfiehlt sich der Einbau von Wandflächenheizungen. Da diese durch Strahlungswärme die Raumluft aufheizen und so keine unerwünschte Luftzirkulation auftritt, ist diese besonders für Stauballergiker empfehlenswert. Auch ein zu großes Temperaturgefälle vom Kopf bis zu den Füßen sollte vermieden werden. Der Fußboden sollte eine Temperatur von etwa 19° bis 24° Celsius aufweisen. Auch hier kann man auf Heizsysteme mit Flächenwirkung (z.B. Fußbodenheizung) zurückgreifen.

Empfohlen wird, nicht alle Räume gleichförmig zu beheizen, denn Temperaturmonotonien sollten vermieden werden. Gänge und Flure können mit 15 bis 19° Celsius ruhig etwas kühler ausfallen, in Nassräumen sind höhere Temperaturen bis zu 25° Celsius zu empfehlen.

Mitdenkendes Material

Natürlich sollte die Luft frei von Schadstoffen und unangenehmen Gerüchen sein. Eine Maßnahme dagegen ist das richtige Material der Fußböden, Möbeln und Wandflächen. Schon beim Inventareinkauf sollte auf umweltverträgliches Material mit geringem Eigengeruch geachtet werden. Holz sorgt etwa stets für ein gesundes Raumklima, allerdings nur, wenn es mit umweltfreundlichen Anstrichen versehen wird, andernfalls wirken diese kontraproduktiv. Oft werden irrtümlich Holzschutzmittel im Innenraum verarbeitet, die ausschließlich für Holzkonstruktionen im Witterungsbereich vorgesehen sind. Diese können zu Schleimhautreizungen und zu erhöhtem Krebsrisiko führen. Ansonsten ist Holz, als Mobiliar oder Parkettboden, ein langlebiger und gesunder Baustoff, der die Luftfeuchtigkeit ganz von selbst regulieren kann.

Achten sollte man jedoch stets darauf, dass heimische Hölzer wie Eiche, Birke, Buche oder Ahorn gegenüber tropischen Hölzern bevorzugt werden. Denn wer den Blick auf das Klima in den eigenen vier Wänden richtet, sollte daneben nie das Gesamtklima aus den Augen verlieren.

Lehm lebt!

Ein anderer Baustoff, der den Raum aufatmen lässt, ist Lehm. Dieser natürlichste aller Baustoffe besitzt einzigartige Fähigkeiten, die ihn zum Star unter den Baustoffen macht. Lehm, etwa in Form eines Innenputzes, kann überschüssige Feuchtigkeit speichern und gibt sie bei Bedarf einfach wieder an den Raum ab. Lehm ist nicht nur ein lebendiger Baustoff, der atmet, er ist ein ökologisches Musterbeispiel und kann selbst nach Jahrzehnten wieder, mit Wasser vermischt, neu verarbeitet werden.

Das (künstliche) Material für Wandoberflächen sollte genau ausgesucht werden. Farben und Anstriche mit Lösungsmitteln sind zwar leichter zu verarbeiten, können aber gesundheitsschädlich sein. Farben auf Silikat- oder Wasserbasis sind eher zu empfehlen, außerdem sind Wandanstriche aus Kalk stets ein guter Tipp. Sumpfkalk etwa ist, ohne synthetische Zusätze, ein gesunder Anstrich, der ebenfalls feuchteregulierend, atmungsaktiv und zudem auch noch antibakteriell wirkt, was ihn insbesondere für medizinische Einrichtungen eignet.

Die Möglichkeiten sind vielfältig und einfach. Wenn Sie also das nächste Mal Ihren inneren Schweinehund nicht überwinden können und auf den Sport verzichten wollen – gönnen Sie doch wenigstens Ihren Räumen etwas frische Luft, das können Sie dann auch im Sitzen tun.

Von DI Niel Mazhar, Ärzte Woche 14/2009

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