zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com

Versorgungspyramide

 
Praxis 16. August 2011

Arztpraxis am Scheideweg

Überbordende Administration, schlechte Work-Life-Balance, Strukturmängel und unattraktive Arbeitsbedingungen machen die Nachbesetzung von Landarztpraxen immer schwieriger.

Bereits jetzt gibt es in Österreich rund 100 Fälle, in denen Kassenplanstellen nach Schließung der Hausapotheken nicht nachbesetzt werden oder eine Streichung aus dem Stellenplan der Krankenkassen droht, obwohl die Politik die Verlagerung von medizinischen Leistungen aus den Spitälern in die Ordinationen als wichtigstes Ziel erachtet. Im Rahmen eines Hintergrundgesprächs, veranstaltet von der Ärztekammer, diskutierten Experten am 5. Juli in Wien zukünftige Modelle zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung, speziell im ländlichen Bereich.

 

„Die Basisversorgung droht vor die Hunde zu gehen“, warnten Dr. Günther Wawrowsky, Obmann der niedergelassenen Ärzte, und sein Stellvertreter Dr. Gert Wiegele. Die Arbeit des Landarztes sei nicht mehr attraktiv. „Zu viel Arbeit für zu wenig Geld“, brachte es Wawrowsky auf den Punkt. Im ländlichen Raum seien die beruflichen Anforderungen enorm. Viele Mediziner stehen rund um die Uhr in Bereitschaft, um zahlreiche Hausbesuche in oft abgelegene Gebiete mit weiten Wegstrecken zu absolvieren. Dazu kommen eine überbordende Administration, Unsicherheiten bezüglich der Einführung eines elektronischen Datenaustausches und überdurchschnittlich viele nicht honorierte sozialmedizinische Aufgaben. Vor allem für Frauen seien diese Bedingungen untragbar, dabei werde die medizinische Versorgung mit rund 62 Prozent Frauen unter den Turnusärzten immer weiblicher. Das Problem werde sich verschärfen, weil in den nächsten zehn Jahren 37 Prozent der Allgemeinmediziner und 31 Prozent der Fachärzte in Pension gehen. Schon jetzt arbeiten mehr als 2.500 österreichische Ärzte in Deutschland und über 300 in Schweden.

Zusätzlich erschweren Strukturmängel die Situation: so gibt es viel zu wenig Kassenstellen in der Augenheilkunde sowie nur drei in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie und eine neuropädiatrische Kassenstelle. Internationaler Standard wären aber rund 100 Kassenstellen.

Hausarztmodell als Ausweg?

Als Ausweg sieht die Ärztekammer ihr schon vor einem Jahr vorgestelltes Hausarztmodell, das sowohl dem Minister als auch dem Hauptverband vorgelegt wurde. Seither sei aber nichts passiert, klagte Wawrowsky, der der Politik Säumigkeit vorwarf. Nach dem Ärztekammer-Modell soll der Haus- oder ein Vertrauensarzt zur zentralen Anlaufstelle werden. Er soll auf der E-Card registriert sein und alle Befunde sollen verpflichtend an ihn übermittelt werden. Analog zum früheren Krankenscheinsystem schlägt die Ärztekammer vor, dass Patienten künftig pro Quartal nur noch zwei Fachärzte direkt konsultieren können, wobei Zahnärzte nicht eingerechnet werden. Weitere Facharztbesuche sollten nur auf Überweisung durch den Hausarzt erfolgen. Wawrowsky betonte, dass die freie Arztwahl davon nicht betroffen sei: „Es wird kein gate-keeping geben, allerdings ist ein ungeordneter Zugang zum Gesundheitssystem weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll.“

Die Basis der Versorgungspyramide soll demnach der Hausarzt sein, darüber stünden der Facharzt, dann die Spitalsambulanz und schließlich die stationäre Behandlung. Die Patienten sollen zur freiwilligen Teilnahme mit einem Anreizsystem motiviert werden – etwa durch Reduktion der Kassenbeiträge, der Rezept- oder der E-Card-Gebühr. Voraussetzung dafür wäre eine fundierte fünfjährige Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin inklusive eines Lehrpraxis-Jahr, für das auch die Finanzierung sichergestellt werden müsste. „Für die dafür notwendigen 250 Lehrpraxen besteht ein Finanzierungsbedarf von rund 11 bis 12 Millionen Euro pro Jahr“, rechnete Wiegele vor. Derzeit würden die Jungmediziner während ihres Turnus als Systemerhalter missbraucht. „Gerade mit einer Neupositionierung und Betonung des Haus- bzw. Vertrauensarztes kann den Jungmedizinern eine Niederlassung schmackhaft gemacht werden. Schließlich hat der Allgemeinmediziner allen Befragungen zufolge als erster Ansprechpartner einen hohen Stellenwert bei den Patienten“, drängte Wawrowsky auf eine rasche Umsetzung des Hausarztmodells.

Patienten wollen „ihren Hausarzt“

Das Hausarztmodell findet in der Bevölkerung und bei den Medizinern hohen Zuspruch und wird größtenteils bereits gelebt, wie eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Spectra unter 1.000 Österreichern beweist. Demnach haben bereits 93 Prozent der Befragten einen Hausarzt, bei den über 50-Jährigen sind es sogar 98 Prozent. Rund ein Drittel hält seinem Arzt bereits seit über 20 Jahren die Treue. Vier von zehn Österreichern schätzen die persönliche Betreuung, Beratung und Information, aber auch dass sich der Vertrauensarzt Zeit nimmt. Für 97 Prozent der Befragten ist es „sehr wichtig“ oder „wichtig“, dass auch in Zukunft eine wohnortnahe Gesundheitsbetreuung durch niedergelassene Ärzte sichergestellt ist bzw. gestärkt wird. So würden es 64 Prozent der Patienten, die einen Hausarzt haben, begrüßen, wenn sie ihre Medikamente gleich in der Praxis erhalten, auf dem Land sind es sogar 72  Prozent. „Dass Wunsch und Wirklichkeit nicht immer dasselbe sind, haben aber auch die Patienten bemerkt, indem 82 Prozent der Befragten Politik und Regierung einen klaren Auftrag geben“, kommentierte Wawrowsky die Umfrageergebnisse. „Die wohnortnahe Gesundheitsbetreuung durch Haus- und Vertrauensärzte und andere niedergelassene Ärzte soll stärker als bisher gefördert werden.“ 87 Prozent der Ärzte sprechen sich für eine Verbreiterung und Vertiefung der post-promotionellen Ausbildung aus.

Fact & Figures:
  • Österreichweit gibt es etwa 4315 niedergelassene Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag und rund 4150 niedergelassene Kassen-Fachärzte.
  • Diese Ärzte verzeichnen pro Jahr rund 100 Millionen Pa- tientenkontakte. Über 342.000 Menschen suchen täglich eine Kassenordinationen auf.
  • Am häufigsten werden die niedergelassenen Allgemeinmediziner aufgesucht. Pro Jahr verzeichnen sie rund 22,5 Millionen Erst- und etwa 31 Millionen Folgekonsultationen.
  • 30 Millionen Mal konsultieren Österreicher jährlich eine Fachärztin oder Facharzt. Im Schnitt holt sich also jeder Patient vier Mal im Jahr Rat von einem Spezialisten.
  • Rund 2000 Landärzte führen durchschnittlich 1,7 Mio. Hausbesuche jährlich durch.
  • Mit rund 930 Hausapotheken versorgen die Landärzte etwa zwei Millionen Menschen daheim oder in der Praxis.
  • 116 Kassenplanstellen drohen aufgrund der Rechtslage ihre Hausapotheke zu verlieren, bis zu 60 Prozent davon könnten nicht nachbesetzt werden. Damit verlieren 70 Orte ihren Hausarzt.

Quelle: ÖAK Statistik

Von M. Strausz , Ärzte Woche 29/33/2011

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben