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Dr. Erwin Rebhandl Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM)
 
Praxis 20. März 2009

Selbstbestimmt und selbst verantwortet

Ärztliche Qualitätszirkel sind ein Forum für niedergelassene Mediziner, sich mit den Kolleginnen und Kollegen beruflich auszutauschen.

1995 begann die Österreichische Gesellschaft für Allgemeinmedizin Qualitätszirkel gezielt zu fördern. Inzwischen sind diese ein nicht mehr wegzudenkender Teil der ärztlichen Fortbildung und selbstbestimmten Qualitätssicherung.

In den 1960er Jahren wurden in Japan erstmals Gruppen gebildet, in denen Beschäftigte im Produktions- oder Forschungsbereich gemeinsam am Thema Qualität arbeiteten. Dabei wurden auch Probleme alltäglicher Abläufe besprochen, gemeinsam Lösungen entwickelt sowie umgesetzt.

Im medizinischen Feld wurde dieser Ansatz zunächst im englischsprachigen Raum erprobt, in den 1990er Jahren kam er nach Deutschland und Österreich. „Gerade im Feld der Allgemeinmedizin, zunehmend aber auch bei Fachärzten sind freiwillige Qualitätszirkel ein nicht mehr wegzudenkender Teil ärztlicher Tätigkeit“, betont Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM). „In den Gruppen sind alle gleichberechtigt, es wird systematisch und zielgerichtet zu gemeinsam vereinbarten Themen sowie zu aktuellen Problemen aus der Praxis gearbeitet.“ Damit sind, so Rebhandl, Qualitätszirkel ein wesentliches und hilfreiches Instrument für die kontinuierliche Fortbildung, eine selbstbestimmte Qualitätssicherung sowie gleichzeitig ein Element zur Prävention eines eigenen Burn-out. „In Qualitätszirkeln profitieren wir durch gemeinsame Erfahrungen und durch Bestätigung oder Erkennen von Vorgehensweisen, die unserer Arbeit gerecht werden und uns nicht durch ‚abgehobene‘ klinische Experten aufgezwungen werden. Es ist eine wertvolle Hilfestellung aus der Praxis für die Praxis“, meint Rebhandl.

Qualitätszirkel konkret

„Wichtig sind die Regelmäßigkeit der Treffen alle vier bis sechs Wochen sowie die Überschaubarkeit der Gruppe mit etwa acht bis 15 Medizinern“, unterstreicht Rebhandl.

Themen sind die Analyse des Alltagshandelns sowie der kollegiale Vergleich und Erfahrungsaustausch. Gearbeitet wird zu Fragen wie: Wo gibt es dabei Übereinstimmungen und Abweichungen? Welche davon sind auffallend, welche ein Problemfeld? Zusammengetragen werden die Erfahrungen aus der Gruppe – der erreichte Konsens wird mit vorhandenen Leitlinien, Studien oder anderen wissenschaftlichen Publikationen verglichen. „Es geht dabei auch um die Berücksichtigung von regionalen Gegebenheiten und Lebensbedingungen individueller Patienten sowie die Subjektivität des Arztes – Elemente, die im starren Konzept eines Krankenhauses viel schwieriger umsetzbar sind“, sagt der niederösterreichische Allgemeinmediziner.

Ein nächster Schritt im Qualitätszyklus ist die Entwicklung sowie die schrittweise Umsetzung einer gemeinsamen Strategie zur Verbesserung des bisherigen Handelns. Die Ergebnisse – sowohl in positiver Hinsicht als auch Rückschläge – werden dokumentiert und verglichen.

„Qualitätssicherung und -verbesserung, Leitlinien, Standards, Richtlinien – diese Ausdrücke wecken oft negativen Gefühle“, bedauert Dr. Wolfgang Zillig, Vorstandsmitglied der ÖGAM und erfahrener Moderator. Es sei wesentlich angenehmer, Qualität von jemand anderem einzufordern als von sich selbst. Ängste gibt es vor allem in Bezug auf einen hohen Zeitaufwand und wenig konkrete Ergebnisse von Qualitätszirkeln. Befürchtet wird, dass dort eine Atmosphäre der Prüfung und der Kritik um jeden Preis vorherrschen bzw. man einem kontrollierenden Gruppenprozess ausgeliefert sein könnte.

„Es wird auch die Angst bekundet, dass die eigene Arbeit und bisher gewohnte Abläufe mit unerreichbaren Idealen verglichen werden und so eine eventuell schon vorhandene Alltagsfrustration noch verstärkt wird“, ergänzt der Ennser Allgemeinmediziner Dr. Wolfgang Hockl die Liste der Gründe, die Ärzte teilweise von der Teilnahme an Qualitätszirkeln abhalten. Umso wichtiger sei es daher, diese Sorgen offen anzusprechen – in der Einladung und auch während der ersten Treffen.

Beim Einladen zu beachten

Bei der ersten Einladung sollten sich Unterlagen finden, welche die Grundprinzipien eines Qualitätszirkels und die zu erwartende Vorgangsweise klären. Aus der Sicht des Linzer Allgemeinmediziners Dr. Wolfgang Zillig gibt es dabei Aspekte, die auf jeden Fall erwähnt werden sollten: „Die Treffen finden in einem abgeschlossenen und ungestörten Rahmen statt. Es handelt sich um eine kollegiale und selbstbestimmte und selbst verantwortete Form der Fortbildung sowie eine Qualitätssicherung ohne starre Richtlinien. Ein Qualitätszirkel trägt wesentlich zur Überwindung der Rolle als Einzelkämpfer bei und kann eine große fachliche und emotionale Entlastung für den Alltag bringen.“ Ein weiteres motivierendes Argument ist, dass im Qualitätszirkel mit einem überschaubaren Zeitaufwand und auf eigenständige Weise Lösungen für Probleme entstehen, die alleine kaum oder gar nicht lösbar erscheinen. Gemeinsam wird neues Fakten- und Handlungswissen erarbeitet.

„Die Arbeit im Qualitätszirkel bringt ein besseres gegenseitiges Verständnis für die Situation und die Arbeit der Kollegen.“ Hockl betont, dass auch die Kooperation außerhalb der Gruppe gefördert wird. Das Selbstbewusstsein der Ärzte wird gestärkt, der Austausch in der Gruppe gibt dem Einzelnen mehr Sicherheit und Rückhalt gegenüber Forderungen von Patienten und Kassen.

Ein weiteres Motivationselement ist der Hinweis auf Punkte für das Diplom-Fortbildungs-Programm (DFP) der Österreichischen Ärztekammer: Für die Teilnahme an einem Qualitätszirkel werden zwei bis drei Fortbildungsdiplom-Punkte Allgemeinmedizin angerechnet. Voraussetzung für die DFP-Anerkennung ist, dass ein Moderator oder eine Moderatorin mit absolviertem ÖGAM-Moderatorentraining beim Qualitätszirkel anwesend ist.

Sowohl die Ängste vor der Arbeit im Qualitätszirkel als auch die zu erwartenden vielfältigen Benefits sollten beim ersten Treffen ausreichend Raum erhalten.

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Dr. Erwin Rebhandl Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (ÖGAM)

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Dr. Wolfgang Hockl Allgemeinmediziner, Enns

Von Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher , Ärzte Woche

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