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Ziel des Zertifikate Forum Austria ist die Förderung und Entwicklung des Zertifikatemarktes in Österreich.
Foto: Privat
 
Praxis 31. Mai 2011

Zertifikate sind (noch) steuerlich bevorzugt

Am 1. Oktober 2011 ist es zu spät. Bis dahin genießen Index- und Turbozertifikate sowie Optionsscheine unter bestimmten Voraussetzungen noch KESt-Freiheit.

Zertifikate erfreuen sich in Österreich zunehmender Beliebtheit. Dabei handelt es sich um Inhaberschuldverschreibungen, also eine besondere Form der Anleihe.

 

Die Ausgestaltung von Zertifikaten kann sehr unterschiedlich sein und reicht von einfachen Index-Zertifikaten über Bonus-Zertifikate bis hin zu Kapitalschutzzertifikaten. Zertifikate ermöglichen dem Anleger, je nach Risikoneigung und Anlagehorizont, an der Wertentwicklung eines zugrunde liegenden Instruments (Basiswert) wie Aktien, Indices, Rohstoffe oder Währungen zu partizipieren, und sind aufgrund ihrer Flexibilität für den langfristigen Vermögensaufbau geeignet.

Kaufargument KESt-Freiheit

Ausgangsbasis für die Berechnung der KESt bei Zertifikaten ist die Differenz zwischen Ausgabepreis und Verkaufskurs. Wird ein Zertifikat zu einem Kurs über dem Ausgabepreis gekauft, erfolgt eine KESt-Gutschrift, wird ein Zertifikat unter dem Ausgabepreis gekauft, ist ein Verkauf bis zum Ausgabekurs KESt-frei. Von dieser allgemeinen Regel gelten bis zum Stichtag 30. September die folgenden Ausnahmen:

  • Bei Index-Zertifikaten: Bei einem Emissionsdatum vor dem 1. März 2004 sind diese KESt-frei, wenn die betreffende Emission vor dem 1. August 2005 geschlossen wurde.
  • Bei Turbo-Zertifikaten: Beträgt der anfängliche Kapitaleinsatz maximal 20 Prozent (d.h. Hebel bei Emission > oder = 5), dann führen die Erträge aus dem Zertifikat zu keinen Kapitaleinkünften. Die Erträge sind steuerfrei, wenn zwischen Emission und Verkauf bzw. Tilgung mehr als ein Jahr liegt (§30 EStG).

Ein Beispiel: Das Turbo-Zertifikat (AT0000A0CZU1) auf OMV (long) hatte bei der Emission einen Hebel von 6.08, durch den Anstieg der Aktie sank der Hebel auf derzeit 1,83. Das bedeutet, dass bei einer Kurs-Änderung der OMV-Aktie um einen Euro sich das Zertifikat im gleichen Ausmaß verändert. Aufgrund des geringeren Kapitaleinsatzes beträgt der prozentuale Gewinn das 1,83-fache vom Gewinn der Aktie. Die Barriere beträgt 16,34 (dzt. Kurs OMV 30,81). Das bedeutet, die OMV-Aktie könnte bis zu 51 Prozent verlieren, verliert sie mehr, ist das Zertifikat ausgestoppt und der Kunde bekommt nur den Restwert ausbezahlt. „Als besonders interessant erweisen sich Turbo-Zertifikate, die sich durch einen starken Anstieg des Basiswertes einen großen Sicherheitspuffer aufgebaut haben. Je weiter die Barriere vom aktuellen Kurs entfernt ist, desto eher kann das Investment als Aktienersatz betrachtet werden“, erklärt Manfred Meyer, Zertifikate-Experte der Erste Group.

  • Bei Optionsscheinen: Optionsscheine stellen nach derzeitiger Auffassung der Finanzverwaltung keine Forderungswertpapiere dar. Erträge aus Optionsscheinen sind – sofern sie im Privatvermögen gehalten werden – nach Maßgabe des §30 EStG steuerpflichtig. Erträge aus der Veräußerung von Optionsscheinen sind innerhalb der einjährigen Spekulationsfrist EStG-pflichtig, nach Ablauf dieser Frist steuerfrei.

Bei Anschaffungen bis zum 30. September 2011 bleibt das derzeitige System zeitlich unbegrenzt erhalten (Bestandsschutz), das heißt, Erträge aus KESt-freien Index-Zertifikaten bleiben bei einer Haltedauer von mehr als einem Jahr steuerfrei, sofern die Papiere bis zum 30. September 2011 angeschafft wurden. Ebenso bleiben Erträge aus Garantie-Zertifikaten, die unter dem Ausgabepreis angeschafft wurden, bis zum Ausgabepreis KESt-frei. Jedoch müssen diese gegebenenfalls gemäß EStG §30 (Spekulationsgeschäft) besteuert werden.

KESt „neu“

Für Anschaffungen ab dem 1. Oktober 2011 gilt die KESt „neu“, dann gibt es keine Ausnahmen mehr: Derzeit KESt-freie Papiere werden ab 1.Oktober der 25-prozentigen KESt unterliegen (Index-Zertifikate: begrenzte Daueremission vor dem 1. März 2004, Turbo-Zertifikate mit Hebel > oder = 5, Optionsscheine). Für die Berechnung der KESt ist ab Oktober der Anschaffungspreis und nicht mehr der Ausgabepreis relevant. Daher fallen KESt-Gutschriften weg, ebenso wie KESt-freie Erträge unter dem Ausgabepreis.

Zertifikate-Markt im Aufwind

Per Jahresende 2010 betrug das Gesamtvolumen des heimischen Zertifikate-Markts 13,9 Mrd. Euro, ein Plus von 12,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres legte der Markt um weitere 2,2 Prozent oder 233 Mio. auf 14,2 Mrd. Euro zu. Dies ist vor allem auf die deutliche Erhöhung von strukturierten Zinsprodukten zurückzuführen, die seit Jahresbeginn ein Plus von drei Prozent auf 4,5 Mrd. Euro verzeichneten. „Damit haben wir einen neuen Volumen-Höchststand seit Beginn unserer Erhebungen im Jahr 2006 erreicht“, freut sich Heike Arbter, Vorsitzende des Vorstandes des Zertifikate Forum Austria (ZFA). Verantwortlich für diese Entwicklung sind positive Preiseffekte in Höhe von 0,7 Prozent, die auf den Anstieg der Aktienmärkte zurückzuführen sind. Die fünf führenden heimischen Zertifikate-Emittenten, Raiffeisen Centrobank (RCB), Volksbank, Erste Group Bank, Bank Austria (BA) und Royal Bank of Scottland, kommen auf einen geschätzten Marktanteil von 75 Prozent bzw. auf ein Gesamtvolumen von 6,2 Mrd. Euro. Der Open Interest-Anteil der fünf Emittenten teilte sich per Jahresende 2010 wie folgt auf: Der Anteil von Anlageprodukten – dazu gehören Produkte mit längerfristigem Anlagehorizont wie Kapitalschutz-, Bonus- oder Indexzertifikate – liegt bei 98,4 Prozent, der Anteil von Hebelprodukten somit bei 1,6 Prozent. Trotz ihres geringen Anteils am Gesamtvolumen tragen Hebelprodukte wesentlich zum Jahreswachstum bei und sind damit die klaren „Gewinner“ des Jahres 2010. In Hebelprodukte wie Optionsscheine oder Knock-Out waren per Jahresende 2010 rund 101 Millionen Euro investiert, bei den Anlageprodukten waren es rund sechs Milliarden Euro.

„2011 wird das Jahr der Zertifikate“, prognostiziert Arbter. Nicht zuletzt sei durch die Einführung der neuen Wertpapier-KESt ein wichtiger Schritt in Richtung einer steuerlichen Gleichbehandlung von Anlageinstrumenten in Österreich erfolgt. „Wir sind mit der bisherigen Jahresentwicklung sehr zufrieden und rechnen damit, dass sich 2011 auch weiterhin als ein gutes Zertifikate-Jahr weisen wird“, so Arbter.

Von Mag. Michael Strausz , Ärzte Woche 22 /2011

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