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Mag. Daniela Castner Dynamic Consulting

 
Praxis 10. Mai 2011

Selbst-Coaching für Ärzte

Kommt zu den hohen beruflichen Anforderungen auch noch Stress im Privatleben hinzu, geht die innere Balance oft verloren.

Ärztinnen und Ärzte, ob im Krankenhaus oder in freier Praxis tätig, sind täglich und meist unter enormem Zeitdruck mit extremen Gefühlen konfrontiert. Angst, Schmerzen, Leiden, Krankheit und Tod – die Sorge für andere bestimmt ihren Berufsalltag. Dabei bleibt die Selbstsorge, das Sorgen für die ureigensten vitalen Bedürfnisse, oft auf der Strecke. Zudem werden an ihr berufliches Auftreten sehr hohe, oft auch widersprüchliche Ansprüche gestellt. Zum einen sollen sie einfühlsam und geduldig auf ihre Patienten eingehen, selbst in schwierigsten Situationen, zum anderen sollen sie souveräne Autorität ausstrahlen, auch dort, wo sie sich selbst ratlos, ja vielleicht hilflos fühlen. Wenn dann noch Stress im Privatleben dazu kommt, geht die innere Balance oft verloren.

 

Nun hängen unsere Fähigkeiten, mit Belastungen konstruktiv umgehen zu können, sehr wesentlich von unserer Haltung zu uns selbst ab. Von unsrer Selbst-Akzeptanz (die auch die Akzeptanz unserer eigenen Grenzen einschließt), unserer Selbstachtung, ja, unserer Selbstliebe – letztere für die meisten von uns immer noch ein eher verpöntes, zumindest fragwürdiges Gefühl, das oft mit Egoismus oder gar Narzissmus gleichgesetzt wird.

Das christliche Gebot „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist jahrhundertelang einseitig als Forderung nach der Nächstenliebe interpretiert worden, die Selbstliebe galt als so selbstverständlich übergroß, dass man glaubte, sie unbedingt eindämmen zu müssen. Durch Tadel, Strafen, Selbst-Verachtung.

Diese Tradition der „schwarzen Pädagogik“ hat ihre Spuren hinterlassen, in den meisten von uns. Denn wer liebt sich schon wahrhaft selbst? Wir reden hier nicht von dieser narzisstischen Selbstverliebtheit, die alle Schwächen ausblenden muss, um nur ja ein liebens-wertes Image aufrecht erhalten zu können. Wir reden genau von dieser annehmenden, achtsamen, sorgenden Liebe, wie die meisten Eltern sie zu ihren Kindern hegen. Einer Selbst-Liebe, die sich aus ganzem Herzen an den eigenen Stärken freuen und deshalb auch an den Schwächen arbeiten kann.

Das Erwecken dieser Art von freudiger, annehmender Selbst-Liebe, die erst eine angemessene Selbst-Sorge ermöglicht, ist die Basis jedes Coaching- und Selbstcoachingprozesses. Das beginnt zunächt einmal mit der Selbst-Wahrnehmung.

Doch gerade Ärzte, wie Personen in helfenden Berufen überhaupt, sind gewohnt und dazu erzogen, ihre Wahrnehmung vor allem auf die Bedürfnisse anderer zu richten. „Kundenorientierung“ ist die allgegenwärtige Forderung; in der Kommunikation mit anderen werden wir geschult, nicht aber in der Kommunikation mit uns selbst. Kommunikation mit sich selbst, mit den verschiedenen Aspekten, Rollen seiner selbst, ist aber Voraussetzung für SelbstverAntwortung, Voraussetzung, sich über sich selbst Antworten zu geben.

Stattdessen aber geben wir vor allem Antworten auf andere, übernehmen VerAntwortung für sie und ihr Wohlergehen. Eigene Bedürfnisse werden so ausgeblendet, beiseite geschoben und unterdrückt. Unterdrückte eigene Bedürfnisse kommen dann jedoch oft als Explosionen heraus, als Abwertung, als Wutanfälle, als Geschrei. Oder als Implosionen, als gegen sich selbst gerichtete Aggression, als Selbstüberforderung, Selbstabwertung, bis hin zur Depression.

Doch was sind eigentlich unsere „wahren Bedürfnisse“?

Dass es so etwas wie „falsche Bedürfnisse“ gibt, weiß jede Ärztin, jeder Arzt durch einschlägige Erfahrungen mit Patienten. Gesundheitsschädigende Verhaltensweisen haben ja oft den psychischen Hintergrund, dass die eigentlichen Bedürfnisse nicht verwirklicht werden, weshalb dann zu Ersatzbefriedigungen gegriffen wird, die auf lange Sicht zu psychischen und physischen Erkrankungen führen.

Und auch wenn es allgemeine, kulturübergreifende Grundbedürfnisse des Menschen gibt, wie Sicherheit, Anerkennung, Liebe und ganz oben Gesundheit (!), so versteht doch jeder einzelne Mensch etwas ganz Individuelles darunter. Wer bin ich? Was kann ich? Wohin will ich mich entwickeln? Dies sind Grundfragen jedes Coachings, um so zu einer „ressourcen- und lösungsorientierten Selbstwahrnehmung“ zu gelangen, wie man das in der Coaching-Sprache nennt.

„Ressourcenorientiert“, das bedeutet, dass wir uns nicht aus der Perspektive des Mangels betrachten, unsere seelischen und körperlichen Problemzonen unter die Lupe nehmen, wie es in unserer problemorientierten Kultur üblich ist, sondern damit beginnen, dass wir uns an unseren Gaben freuen lernen, an unseren Talenten, unseren „angeborenen Verdiensten“, wie Goethe es nennt. Ja Freude, Freude lernen an uns selbst, an unserer Wirklichkeit, an unseren Entwicklungs-Möglichkeiten. Diese Freude an uns selbst macht es uns auch leichter, Hindernisse, Rückschläge, Fehler, die wir gemacht haben, als Herausforderungen zu verstehen, als Lernaufgaben, denen wir uns nicht nur stellen müssen, sondern auch aktiv stellen wollen.

Und auch das ist individuell verschieden, wann und worüber wir uns an uns selber freuen können. Denn unsere Freude, ob an uns selbst, an anderen, an unserer Lebenssituation, hängt sehr von unseren Werten ab; der amerikanische Organisationsberater und Coach Steven Covey definiert sogar Glück als Leben im Einklang mit den eigenen Werten.

Die eigenen Werte aber, die unsere Überzeugungen und unser Handeln bestimmen, sind uns oft so selbstverständlich, dass wir sie gar nicht mehr eigens bewusst wahrnehmen können. Und sie damit auch nicht reflektieren und notfalls revidieren können, wo sie vielleicht zu einengend geworden sind. Wir erkennen sie, wenn wir uns nach Situationen fragen, in denen wir schon einmal dieses Gefühl hatten, ganz im Einklang mit uns selbst zu sein. Welche Bedürfnisse, welche Ansprüche an uns selbst und das Leben, welche Werte waren in so einer Situation erfüllt?

Das können sehr verschiedene Situationen sein – wir sind ja auch in uns selbst Verschiedene, sind Arbeitende, sind Eltern, Partner, Freund – mehr als zwei Seelen wohnen in unserer Brust und wollen wahr- und angenommen werden. Diese verschiedenen „Seelen“ und ihre Bedürfnisse in Kommunikation mitEinAnder zu bringen, dafür zu sorgen, dass alle zu ihrem Recht kommen, diese sorgende Selbst-VerAntwortung kann man lernen. Besonders wichtig gerade für Ärztinnen und Ärzte. Denn erst wenn wir auch für uns selbst sorgen können, kann die Sorge für andere frei fließen, ohne uns auszupowern.

Dynamic Consulting
Einzelcoaching und Coachingworkshops.
Kontakt: Tel.: 0681 102 193 24, Mag. Daniela Castner
Sozialphilosophin, Organisations- und Personalentwicklung, systemisches Coaching (Einzel, Team und Gruppe), Supervisorin, NLP-Master, Theaterpädagogin

Von Mag. Daniela Castner, Ärzte Woche 19 /2011

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