zur Navigation zum Inhalt
 
Praxis 3. März 2009

Tastatur statt Hörer

Immer mehr Patienten informieren sich vor allem im Internet über Ärzte.

„Je besser man versteht, dass das Internet nur der Nachfolger des Telefons ist, desto leichter kann man den Stellenwert des Internets akzeptieren – und gezielter darauf reagieren“, sagt die Webspezialistin Frederike Dunst von euromsoft. „Denn es werden immer mehr, die nicht zum Hörer, sondern zur Tastatur greifen!“

 

„Zum einen verlieren mit dem Siegeszug des Internets klassische Kontakt-Medien wie Telefonbücher oder Ärzteverzeichnisse in gedruckter Form zunehmend an Bedeutung. Die darin enthaltenen Informationen werden zwar weiterhin benötigt, werden jedoch ins Web verlagert – nicht nur in eigene Websites, sondern auch in Onlineverzeichnisse“, so Markus Hasibeder, Geschäftsführer des Marketingunternehmens agindo. „Zum anderen wird durch die stärker werdende Konkurrenz der niedergelassenen Ärzte untereinander im Web ein Verdrängungswettbewerb geführt, wenn auch nicht in demselben Maße wie in anderen Branchen.“

Eine Website ist gerade für viele neue Patienten nach Hasibeder die erste Anlaufstelle, wenn sie sich z.B. erste Kontakt-Informationen beschaffen wollen: „Vor allem die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist für Patienten aus urbanen Gegenden von Bedeutung. Bei Patienten gehobenen Alters sind es oft auch die Kinder der Patienten, die sich über Lage und Erreichbarkeit der Ärzte informieren.“ In erster Linie gehe es bei Ärztehomepages darum, so Dunst, den Patienten schon im Vorfeld einen Überblick zu verschaffen: Ob es zum Beispiel wirklich die Praxis ist, deren Leistungen gerade benötigt werden, ob sich ein Besuch zu den angebotenen Ordinationszeiten einrichten lässt, ob es neue innovative Behandlungsmethoden gibt.

„Und nachdem das Informationsangebot in der gleichen Fachrichtung meist ähnlich ist, raten wir den Kunden immer, die Besonderheiten ihrer Praxis in den Vordergrund zu rücken und sich so von anderen abzuheben“, so Dunst. Zuvor gelte es aber noch abzuklären, welchen Patientenkreis (Privatpatienten, Kassenpatienten etc.) man vorrangig ansprechen möchte.

Menschen sind gefragt

Die Erfahrung zeige zudem, dass bei einem Website-Relaunch an viel mehr als „nur“ Inhaltliches und Organisatorisches gedacht werden muss. Die Seite sollte auch den Ästhetikansprüchen der Patienten gerecht werden: „Das Auge isst mit“, gibt Hasibeder zu bedenken. „Daher empfehlen wir die Praxis – und vor allem auch die dort angestellten Helfer – von einem sehr guten Fotografen ablichten zu lassen und die Website auf Basis der entstandenen Bilder aufzubauen.“ Für die Patienten sei es zumeist nicht wichtig, welche Geräte und wie viele Räume zur Verfügung stehen. Viel entscheidender sei, ob die Praxisatmosphäre angenehm menschlich oder in erster Linie medizinisch-technisch ist. „Eine Arzt-Website lebt auch von den Menschen, die in der Praxis arbeiten oder sie besuchen! Daher sollten diese auch auf den Fotos vorkommen, um keine leeren Räumlichkeiten zu zeigen.“

Nur jene Seite, die einen positiven Eindruck beim Besucher hinterlässt und die er sofort wieder besuchen würde, ist gut gemacht. „Dazu braucht es viel mehr als nur technisches Know-how: Eine gute Webseite ist übersichtlich gestaltet, leicht zu verstehen und leicht zu bedienen“, so Dr. Hilda Tellioglu von 3rd Case Solutions Ltd. Klare Strukturierung und leichte Interaktion sind weitere wichtige Aspekte. Leider würden aber die meisten Webseiten entweder einen geringen Informationsgehalt oder einen überfüllten Kontent zeigen. Letzteres führe häufig zur Verwirrung und Orientierungslosigkeit.

Zudem würde oft der medizinische Inhalt viel zu sehr in den Vordergrund gerückt. „Mit einer Webseite verhält es sich ähnlich wie mit dem Beipackzettel eines Medikaments. Die Menschen möchten keine Details lesen, sie interessieren sich für die Basisinfos wie Wirkung und Dosierung und hoffen darauf, dass die Fachkenntnis des Arztes ihnen den Rest abnimmt“, argumentiert Hasibeder.

Auf richtige Farbauswahl achten

Auch für das Auge bzw. die Wahrnehmung werde generell zu wenig getan: „Insbesondere die Farbauswahl ist für Printmedien, nicht aber für Webtechnologien geeignet. Im Web können die Farben nicht so kombiniert werden: Braun mit Gelb oder Gelb mit Blau sieht einfach nicht gut aus! Studien haben gezeigt, dass derartige Farbkombinationen im Web vom User sogar als sehr unangenehm empfunden werden. Deshalb empfiehlt es sich, eine Hauptfarbe für die Website auszuwählen und diese dann in allen Nuancen stimmig durchzuziehen. Die Site-Farbe sollte einem Farbkonzept, dem sogenannten UI Pattern, folgen“, sagt Tellioglu. „Natürlich kann man hie und da gezielt bestimmte unkonventionelle Kombinationen oder knallige Farben einsetzen. Etwa Rot für eine neue Behandlungsvariante – aber bitte nur sehr sparsam!“

Stylesheets verwenden

Mit den Schrift-Fauxpas könne man laut Expertin besser leben, weil sie nicht so sehr ins Auge stechen würden wie Farben. Doch sei zu beachten, dass verschiedene Webbrowser die Schrift unterschiedlich wiedergeben: Die einen verkleinern, die anderen vergrößern sie. Deshalb sei unbedingt zu empfehlen, die Webseiten anhand von Stylesheets vorzudefinieren und sie in verschiedenen Browsern anzusehen.

Informationsarchitektur ist nach Tellioglu ein weiterer Aspekt, der oft zu überdenken ist. Eine Website sollte, egal ob dynamisch oder statisch aufgebaut, zugunsten der Usertransparenz und besseren Orientierung schlicht gehalten werden. Man muss sich auch die Frage stellen, ob wirklich all die Spielereien gebraucht werden: „Wir lesen zum Beispiel von links nach rechts. So sind wir es gewöhnt. Da macht es doch keinen Sinn, die Menüleiste rechts anzuordnen, oder?“ Dunst schlägt in die gleiche Kerbe: Eine klare, strukturierte Navigation, ein erkennbares System hinter dem Seitenaufbau, eine Linkstruktur, die dem User jederzeit den Überblick gibt, wo er sich befindet bzw. wo er klicken muss, um die benötigten Informationen zu finden, sind auch für sie die Kennzeichen einer guten Homepage.

Barrierefreiheit als Kriterium

Vollständigkeit hingegen sei definitiv kein Kriterium, wie gut eine Website ist. Außerdem würde man diesem Anspruch ohnehin kaum gerecht. Dazu sind die Besucher der Websites zu unterschiedlich: „Auch die Anforderung, ständig über aktuelle Geschehnisse im Unternehmen zu informieren, ist gerade im besonderen Fall einer Arztpraxis fehl am Platz. Eine Änderung von Sprechstunden- oder Öffnungszeiten ist selbstverständlich zu kommunizieren, aber eine Rubrik wie ‚Fachbegriff der Woche’ braucht es nicht“, so Hasibeder.

Vielmehr sollte man sich nach Hasibeder, wenn man zukunftsweisend online sein will, etwa mit der Frage nach der „Barrierefreiheit“ auseinandersetzen: „Die technische Entwicklung ermöglicht es immer mehr Menschen, in den Genuss von webbasierten Informationen zu kommen, sogar Menschen mit besonderen Fähigkeiten – umgangssprachlich zu oft als ,Behinderte‘ bezeichnet. Für diese gibt es heute, unter dem Begriff ,Barrierefreiheit‘ zusammengefasst, zahlreiche unterstützende Maßnahmen, die das Wahrnehmen von Webinhalten fördern.“ In diesem Zusammenhang ist nach Tellioglu auch zu überprüfen, ob die eigene Homepage für diese Zielgruppen zugänglich ist: „Die Entwicklung geht unaufhaltsam und schnell weiter. Da muss man einfach schauen, dass man nicht irgendwo stehen bleibt!“

Kasten:
Wie teste ich meine Homepage selbst?
Ich würde mich als Arzt vor den Bildschirm setzen und folgende Fragen stellen:
• Kann ich sofort erkennen, welches Fachgebiet ich habe?
• Finde ich leicht (1-2 Klicks) meine Anschrift, Telefonnummer und Praxisöffnungszeiten?
• Gibt es nette Bilder von meiner Praxis, damit ich mir vorstellen kann, wie es ist, dort als Patient zu sein?
• Machen die Mitarbeiter einen freundlichen und kompetenten Eindruck?
• Wirkt die Website freundlich und hoffnungsfroh?
Wenn Sie alle Fragen mit „ja“ beantworten, ist Ihre Webseite gut gemacht. Sie sollten diese Fragerunde aber auch mit einer Patientin oder einem Patienten wiederholen.

Von Dr. Veenu A. Scheiderbauer, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben