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Die Ankündigung „Das wird ein bisschen weh tun“ kann den Schmerz verstärken.
 
Praxis 25. Jänner 2011

Schmerz durch Sprache

Evidenz zum Einfluss der Kommunikation auf Genesungsverlauf und Schmerzwahrnehmnung.

Dass die Art der Kommunikation mit den Patienten eine gewichtige Rolle im ärztlichen Alltag spielt, ist seit langem bekannt: Sie prägt den Charakter der Arzt-Patienten-Beziehung, kann Vertrauen aufbauen oder zerstören und vieles mehr. In den letzten Jahren häuft sich die Evidenz, dass die Kommunikation, oder besser gesagt: die spezifische Wortwahl gegenüber einem Patienten einen direkten Einfluss auf Schmerzwahrnehmung und sogar den Heilungsverlauf nehmen kann.

 

Patienten befinden sich rund um Operationen oder andere invasive Maßnahmen, aber auch bei chronischen Erkrankungen gerade dem Arzt gegenüber in einer Ausnahmesituation. Daher erscheint die direkte Beeinflussung von Wahrnehmungs- und Genesungsprozessen umso verständlicher.

Das Unterbewusstsein kennt keine Verneinung

Eine wegweisende Studie wurde 2005 von Lang et al. publiziert1: Dabei wurden sowohl Patienten als auch Ärzte während minimalinvasiver radiologischer Eingriffe gefilmt und die Wortwahl der Ärzte zusammen mit den begleitenden Schmerzreaktionen der Patienten ausgewertet: Deutliches Schmerzempfinden trat bei Aussagen auf, die eine Schmerzbelastung ankündigten oder schmerzassoziierte Worte beinhalteten, wie zum Beispiel: „Das fühlt sich wie ein Stich an“ oder „Das wird ein wenig weh tun“, aber auch schmerzverneinende Redewendungen wie „Sie sollten nichts außer etwas Druck spüren“ oder „Das ist jetzt nicht zu schlimm, oder?“

Aus dem neurolinguistischen Programmieren ist bekannt, dass das Unterbewusstsein keine Verneinung kennt und gerade im Ausnahmezustand der bedrohliche Terminus wie „Druck“ oder „schlimm“ in den genannten Beispielen isoliert aufgenommen wird.

„Vorsicht!“

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Studie der eigenen Arbeitsgruppe (unpublizierte Daten), in der bei jungen Probanden die Schmerzbelastung bei einer venösen Blutabnahme getestet wurde. Die Teilnehmer waren dabei in eine von den beiden folgenden Gruppen randomisiert worden: Die Hälfte der Probanden wurde mit dem Wort „Vorsicht“ vor der Blutabnahme vorgewarnt, die andere Hälfte mit „Jetzt kommt ein Stich“, wobei Letztere eine signifikant höhere Schmerzbelastung angaben. Für diese Phänomene existieren zwei mögliche Erklärungsmechanismen:

  1. Die Hypervigilanz, ein Zustand der erhöhten Wachsamkeit, der vor allem bei sehr ängstlichen Patienten („Catastrophizers“) eine gewichtige Rolle spielen kann: Jegliche Suggestion kann hier den suggerierten Effekt bewirken.
  2. Die emotionale Reaktivität, bei der verbale Instruktionen, die mit potenzieller körperlicher Gefährdung behaftet sind, Angst auslösen und eine erhöhte Schmerzwahrnehmung bedingen.

Erwartungshaltung kann weh tun

Weitere Studien belegen, dass auch die postoperative Schmerzwahrnehmung und Effizienz einer postoperativen standardisierten Schmerztherapie kommunikativ beeinflusst werden kann. Dabei spielt auch die ärztliche Bewertung der getroffenen Maßnahme eine Rolle, wobei negative Beurteilungen gewichtiger sind als positive.2 Bekannt ist außerdem, dass bereits die präoperative Erwartungshaltung gegenüber der postoperativen Schmerzbelastung diese deutlich beeinflusst. In anderen Worten: Patienten, die starke Schmerzen erwarten, leiden nach der Operation an einer signifikant höheren Schmerzbelastung.3

Kommunikation und Heilung

Weniger gut datenbelegt ist ein möglicher Einfluss der Kommunikation auf den Heilungsprozess. Bewiesen ist, dass erhöhter Stress und verzögerte Wundheilung direkt miteinander in Verbindung stehen, mediiert durch diverse Zytokine.4 In dem Wissen, dass Kommunikation durchaus Stress verursachen kann, insbesondere bei ängstlichen und vorbelasteten Patienten, ist eine Beeinflussung des Genesungsverlaufes durch Wortwahl und Kommunikationsinhalte durchaus gut vorstellbar.

Lüge oder Schonung?

Ausgehend vom ersten Prinzip der Medizin, „primum nil nocere“, sollte man jedenfalls auf seine Sprache und Wortwahl achten. Stress- und schmerzassoziierte Worte sind eher zu vermeiden. Natürlich widerspricht das den Prinzipien der Patientenaufklärung, die für uns Ärzte auch eine besondere juristische Bedeutung haben.

Außerdem ist es natürlich auch nicht angebracht, Patienten über bevorstehende Unannehmlichkeiten fehlzuinformieren, da dies eine direkte Lüge gegenüber dem Patienten darstellt und zu einem Vertrauensverlust führen kann.

Vielleicht kann das kurz dargestellte Wissen aber dennoch helfen, gerade in Zuständen, die für die Patienten Ausnahmesituationen darstellen – wie beispielsweise Kurzeingriffe oder die Zeit knapp vor einer Operation – die Worte mit Bedacht zu wählen und den Patienten etwas von der inneren Ruhe und Sicherheit, die uns in unserer Routine begleiten sollte, mitzugeben.

 

1 Lang EV, Hatsiopoulou O, Koch T, Berbaum K, Lutgendorf S, Kettenmann E, Logan H, Kaptchuk TJ. Can words hurt? Patient-provider interactions during invasive procedures. Pain. 2005;114:303-9.

2 Wang F, Shen X, Xu S, Liu Y, Ma L, Zhao Q, Fu D, Pan Q, Feng S, Li X. Negative words on surgical wards result in therapeutic failure of patient-controlled analgesia and further release of cortisol after abdominal surgeries. Minerva Anestesiol. 2008;74:353-65.

3 Logan DE, Rose JB. Is postoperative pain a self-fulfilling prophecy? Expectancy effects on postoperative pain and patient-controlled analgesia use among adolescent surgical patients. J Pediatr Psychol. 2005;30:187-96.

4 Kiecolt-Glaser JK, Marucha PT, Malarkey WB, Mercado AM, Glaser R. Slowing of wound healing by psychological stress. Lancet. 1995;346:1194-6.

 

Die Autoren sind am AKH Wien tätig, Dr. Promberger an der Abteilung für Chirurgie, Dr. Aust und Dr. Ott an der Abteilung für Frauenheilkunde.

Von Dr. Johannes Ott, Dr. Stefanie Aust und Dr. Regina Promberger, Ärzte Woche 4 /2011

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