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Foto: Andrea Reischer/Donau-Universität Krems
Gerald Gartlehner, Direktor der Österreichischen Cochrane Zweigstelle, Landeshauptmann-Stellvertreter Wolfgang Sobotka, Dr. Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, Prof. Dr. Jürgen Willer, Rektor der Donau-Universität Krems, und Nick Royle,
 
Praxis 5. Jänner 2011

Filiale in Österreich

Ziel der Cochrane Collaboration ist, medizinische Therapien fundiert zu bewerten. Das „Flaggschiff“ der evidenzbasierten Medizin erhält in Krems eine Zweigstelle.

Mitte Dezember 2010 wurde Österreichs erste Cochrane-Zweigstelle (ÖCZ) an der Donau-Universität Krems eröffnet. Eine Anlaufstelle, die heimischen Ärzten den Zugang zu internationalen Übersichtsarbeiten (Cochrane Reviews) erleichtern und die wissenschaftliche Fundierung von Therapieentscheidungen verstärken soll.

 

Wer krank wird und medizinische Hilfe sucht, will die bestmögliche Behandlung. Doch welche Therapie ist die beste, welches Medikament wirkt, welche Nebenwirkungen treten auf? Und aus Patientensicht: Wem kann ich glauben? Die raschen Fortschritte in der Medizin, die große Zahl an Studien und die Komplexität klinischer Fragestellungen machen es für Ärzte und Patienten schwer, die beste Entscheidung für eine Therapie zu treffen. Hier setzt die Arbeit der Cochrane Collaboration (CC) an. Das weltweite Netzwerk von 15.000 Ärzten und Wissenschaftlern erstellt Reviews (Zusammenfassung von Studien und Forschungsergebnissen, die für eine bestimmte therapeutische Fragestellung relevant sind) und veröffentlicht diese in der Datenbank „The Cochrane Library” (www.cochrane.org/reviews), um Entscheidungsträgern im Gesundheitssystem eine wissenschaftlich fundierte, unabhängige Informationsgrundlage zur Beurteilung des aktuellen Standes der klinischen Forschung zu bieten. Auf diese Art trägt die CC entscheidend dazu bei, allen Patienten die bestmögliche Behandlung zu ermöglichen. Derzeit beinhaltet die Cochrane Library 5.785 Reviews. Nur elf davon wurden von österreichischen Autoren verfasst.

Eine Cochrane-Zweigstelle für Österreich

Um die evidenzbasierte Medizin (EbM) zu stärken, etabliert das Department für EbM und Klinische Epidemiologie an der Donau-Uni Krems eine Cochrane-Zweigstelle, die eng mit dem Deutschen Cochrane Zentrum unter der Leitung von Dr. Gerd Antes zusammenarbeiten wird. Diese Einrichtung soll heimische Wissenschaftler dabei unterstützen, wissenschaftlich fundierte und unabhängige Informationen zu erstellen und Grundlagen für evidenzbasierte Entscheidungen im österreichischen Gesundheitssystem zu liefern. „Der Aufbau der ÖCZ ist eine enorm wichtige Investition in die Zukunft und in die Qualität der österreichischen Gesundheitsversorgung“, betonte der Direktor der ÖCZ, Prof. Dr. Gerald Gartlehner, MPH, bei der Eröffnung. „Jeder Patient hat ein Recht darauf, nach bestem verfügbarem Wissen behandelt zu werden. Ein modernes Gesundheitssystem muss allen Ärzten daher Zugang zu diesem Wissen bieten.“ Der Rektor der Donau-Universität Krems, Prof. Dr. Jürgen Willer, ist überzeugt, dass die ÖCZ in Zukunft eine wichtige Rolle im österreichischen Gesundheitssystem spielen wird: „Und dies heißt vor allem: Praktizierende österreichische Ärztinnen und Ärzte werden internationale, aktuelle, unabhängige medizinische Informationen zum Nutzen ihrer Patienten schnell und unbürokratisch zur Verfügung haben.“ Die Gesamtkosten der Cochrane-Zweigstelle werden mit 95.000 Euro pro Jahr beziffert. Die Donau-Universität übernimmt davon die Kosten für Räumlichkeiten und Infrastruktur. Das Land NÖ stellt 25.000 Euro zur Verfügung. Für die Finanzierung eines wissenschaftlichen Mitarbeiters werden derzeit Sponsoren gesucht.

EbM versus Cochrane Collaboration

Die Entwicklung der EbM und der CC sind eng miteinander verwoben. So darf das Buch Effectiveness and efficiency von Archie Cochran als Meilenstein und Geburtshelfer sowohl der CC als auch der EbM angesehen werden. Die Arbeit der CC bietet einen Lösungsweg für ein wichtiges Dilemma der EbM: das Missverhältnis zwischen Umfang der publizierten Arbeiten (etwa 3 Mio. Artikel pro Jahr) und der Lesezeit der Entscheidungsträger. Durch systematische Evidenzrecherche und Bewertung sowie zusammenfassende Aufbereitung und leichte Zugänglichkeit der Ergebnisse wird Wissenstransfer aus der klinischen Forschung in den praktischen Alltag transparenter und vereinfacht. Manche betrachten daher EbM und CC aufgrund dieser Entwicklung nahezu als synonym. Tatsächlich gibt es aber Unterschiede. So befasst sich die CC (zumindest bisher) mit der Aufbereitung von RCTs (randomisierten kontrollierten Studien) zur Wirksamkeit therapeutischer oder präventiver Maßnahmen im Gesundheitswesen. Zunehmend werden auch diagnostische Methoden abgedeckt. Evidenz umfasst dagegen sämtliche Arten der medizinischen Forschung. Für viele Fragestellungen stehen keine RCTs oder systematischen Übersichten zur Verfügung oder sind aufgrund der Studienfrage nicht sinnvoll oder nicht durchführbar. Die EbM integriert individuelle klinische Expertise mit der bestverfügbaren externen Evidenz aus systematischer Forschung. Dies kann in Einzelfällen auch einmal ein Expertenkonsens oder ein Ergebnis aus der Grundlagenforschung sein.

Wer war Archie Cochrane?
Archibald Leman Cochrane (1909-1988) war ein schottischer Arzt und Epidemiologe, dessen Wirken und Denken wesentlich das Entstehen der evidenzbasierten Medizin und der Cochrane Collaboration beeinflusste. Pioniercharakter hatte die von ihm betreute epidemiologische Studie „Rhonda Fach Scheme“ – eine Untersuchung der Thoraxerkrankung in der Bevölkerung zweier walisischer Bergarbeiter-Gemeinden. Hier zeichnet sich Cochranes weiteres Interesse ab: die Förderung der Durchführung und Anwendung von randomisierten klinischen Studien, die Bewertung von Screening-Maßnahmen und die Versorgungsforschung.

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 1 /2011

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