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Foto: Wiener Börse
 
Praxis 3. November 2010

So ticken die Börsen

Manchmal ist die Intuition aufwändigen Analysemodellen überlegen. Auf seine innere Stimme zu hören, gerade wenn sie zur Vorsicht mahnt, kann sich durchaus auszahlen.

Wie Börsen funktionieren, ist nicht immer mit rationalen Maßstäben nachvollziehbar. Verantwortlich dafür sind nicht nur wirtschaftliche und politische Hard Facts, sondern auch viel Psychologie.

 

Es ist mitunter gar nicht einfach – oft sogar unmöglich –, zu verstehen, weshalb Aktienkurse steigen oder fallen. Grundsätzlich entstehen Kurse nur dann, wenn sich Verkäufer und Käufer über einen Preis einig sind. Dazu kommt es aber nur, wenn beide glauben, richtig gehandelt zu haben. Doch warum glauben beide, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, wo doch nur einer gewinnen wird? Hoffnungen, Wünsche, Überzeugungen oder Ängste sind oft wesentlicher für das Börsengeschehen als Wirtschaftswachstum oder Zinsentwicklungen. Dazu zählen etwa gesamtwirtschaftliche Stimmungen ebenso wie Firmenberichte oder politische Veränderungen, vor allem aber die mitunter völlig unterschiedlichen individuellen Erwartungen und die unterschiedlich ausgeprägte individuelle Risikobereitschaft der Investoren.

Politik und Inflation

Nicht ohne Relevanz für Aktienmärkte sind Wahljahre: Innenpolitische Ereignisse werden von Aktionären oft vorweggenommen. Ihnen ist im Hinblick auf künftige Unternehmensgewinne naturgemäß am liebsten, wenn möglichst wirtschaftsorientierte und unternehmerfreundliche Parteien in einem Land das Ruder übernehmen. Eine Steuerpolitik, die als vorteilhaft für Unternehmen angesehen wird, hat der Börsenentwicklung noch selten geschadet. Aber die Börse ist in ihren Reaktionen oft pragmatisch: Eine erfolgreiche Politik, die zu Wirtschaftswachstum, Investitionstätigkeit der Unternehmen und steigender Nachfrage führt, wird sich in einer positiven Börsenstimmung niederschlagen, ganz ohne ideologische Vorbehalte.

Alarmiert reagieren Börsen auf Anzeichen steigender Inflation, weil höhere Inflationsraten rasch zu Reaktionen der Notenbanken in Form von Zinserhöhungen führen. Und Zinserhöhungen sind keine gute Nachricht für den Aktienmarkt: Steigende Zinsen bremsen das Aktiengeschäft, weil dadurch Firmenerträge sinken, gleichzeitig aber Geldmarkt- und Rentenpapiere, die mit Aktien konkurrieren, ertragreicher werden und Investoren auf diese gerne umsteigen.

Spekulationsblasen

In Phasen eines langen Aufschwungs stürzen sich die Anleger in immer riskantere Geschäfte, in der Folge steigen die Kurse. Viele Marktteilnehmer nehmen im Kaufrausch Kredite auf, die ihnen euphorische Banken gewähren. Um diese Darlehen zu tilgen, benötigen die Kreditnehmer weiter steigende Kurse. Schließlich bricht das Kartenhaus zusammen. Die Gläubigerbanken stoppen die Kreditvergabe und stellen aushaftende Darlehen fällig, die Finanzhäuser kollabieren, die Investoren verkaufen ihre Aktien. Die Kurse fallen ins Bodenlose. Je mehr Liquidität im Markt ist, weil Anlagealternativen fehlen, desto hitziger fällt die Spekulation aus nach dem Motto: „Ohne billigen Cash gibt es später keinen Crash“.

Börsenpsychologie

Die Stimmung ist ein wichtiger Indikator in der Börsenpsychologie. Die Medien und Analystenmeinungen beeinflussen die Stimmung in einem hohen Ausmaß, was letztendlich zum Kauf oder Verkauf führt. Dadurch, dass dem einzelnen (Privat-) Anleger der Überblick über das Börsegeschehen häufig fehlt, sucht er zur Orientierung Hilfe bei Börsenanalysten und Ratingagenturen. Abhängig von positiven oder negativen Prognosen der Experten, schwankt die Performance an den Börsen. Doch manchmal ist die Intuition aufwendigen Analysemodellen überlegen. So weist eine Studie der Bank of England mit den Universitäten Bonn und Heidelberg nach, dass Psychologen die Ökonomen, Physiker und Mathematiker in der Aktienanlage um Längen schlagen. Im Schnitt erzielten sie in einem Experiment drei Mal höhere Renditen als die Experten. Ein Grund ist ihr ausgeprägtes Gespür für Massenphänomene. Psychologen misstrauen Aktien, die „in“ sind. Auf seine innere Stimme zu hören, gerade wenn sie zur Vorsicht mahnt, kann sich also durchaus auszahlen.

Goldene Börseregeln

  • Verfallen Sie nicht gleich in Panik: Laufen Sie nicht jeder Nachricht hinterher. Es kommt auf die mittel- bis langfristigen Perspektiven einer Aktie an. Insider-Tipps sind mit Vorsicht zu genießen, ebenso Beiträge in Aktienforen. Oft wollen Spekulanten nur ihren Wert pushen.
  • Limitieren Sie mögliche Verluste: Betrügen Sie sich nicht selbst, indem Sie sich einreden, dass Ihre Verlustbringer schon irgendwann wieder in die Gewinnzone kommen. Setzen Sie am besten schon beim Kauf einer Aktie ein Limit, den Stop-Loss. Sollte der Kurs dieses Limit unterschreiten, verkauft die Bank das Papier, wie von Ihnen festgelegt. Je nach Aktie sollte die Stop-Loss-Marke bei etwa 15 bis maximal 20 Prozent unter dem Kaufkurs liegen.
  • The trend is your friend: Börsen entwickeln oft eine Eigendynamik. Steigen die Kurse eine gewisse Zeit, wollen alle dabei sein. In dieser Phase lässt sich Geld verdienen. Allerdings sollte sich jeder bewusst sein, dass die Stimmung auch umschlagen kann. Das Gleiche gilt bei fallenden Kursen. Anleger sollten erst eine Bodenbildung abwarten und dann einsteigen.
  • Legen Sie nicht alle Eier in einen Korb: Selbst wenn es noch so sehr in den Fingern juckt, sollten Sie das Risiko streuen und Aktien aus unterschiedlichen Branchen und Ländern kaufen. Das Kapital sollte auf mindestens fünf und nicht mehr als zehn verschiedene Aktien verteilt werden.
  • Spekulieren Sie nicht auf Pump: Nie mit Geld spekulieren, das Sie kurzfristig brauchen, und schon gar nicht mit geliehenem Geld! Legen Sie nur Geld an, das Sie nicht unbedingt für den Lebensunterhalt oder notwendige Anschaffungen benötigen. Manchmal brauchen Anleger etwas Geduld, um ihre Papiere mit Gewinn zu verkaufen.

Von Mag. Michael Strausz, Ärzte Woche 44 /2010

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