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Foto: photos.com
 
Praxis 12. Oktober 2010

Neue Medien in der Behandlung

Teil 5: Das Internet wird in Zukunft eine immer größere Rolle im Rahmen von Interventionen bei Personen mit gesundheitlichen Problemen einnehmen.

Mediengestützte Interventionen können in Online-Interventionen und Offline-Interventionen aufgeteilt werden.

 

Zu den computergestützten Offline-Interventionen gehören neben zahlreichen Interventionsformen auch Programme, die via CDs an Patienten weitergegeben werden. Eine Besonderheit der computergestützten Behandlung, bisher zumeist offline, ist die Möglichkeit des Einsatzes von Virtueller Realität (VR). Die Möglichkeiten, virtuelle Welten in psychologische und andere Behandlungen zu integrieren, werden in den letzten Jahren zunehmend bekannt.

Behandlung von Ängsten und Phobien

Bisher kommen in diesem Bereich hauptsächlich Konfrontationsverfahren zur Behandlung von Ängsten und Phobien zum Einsatz. Ähnlich wie in der herkömmlichen Behandlung von Ängsten und Phobien ermöglicht die Therapie in der VR Konfrontation mit Angst auslösenden Objekten, Situationen und Umgebungen in einer vom Computer erzeugten künstlichen Welt durch Schaffung Angst auslösender 3D-Erlebnisse. Als VR wird dabei die interaktive Begehung von beziehungsweise das Eintauchen in Gefühle des Mittendrinseins und 3D-Erlebnisses in einer vom Computer erzeugten dreidimensionalen Welt bezeichnet.

Von den Anwendern dieser Technologien (und auch von anderen Wissenschaftern und Professionisten) wird davon ausgegangen, dass in dieser virtuellen Umwelt die Angst genauso stark erlebt wird wie in der wirklichen Welt. Personen, die unter Ängsten leiden, müssen ihre Angstauslöser nicht unbedingt real vor sich haben, sondern reagieren ebenso stark auf Bilder, Fotos und andere Darstellungen ihrer Angstauslöser. Die VR-Technologie ermöglicht es, beliebige, in der Realität schwer zugängliche oder nicht existierende Dinge und Situationen computergestützt dreidimensional so darzustellen, als ob die Person die Angstauslöser wirklich vor sich hätte.

Bisher wurde mit VR verhaltenstherapeutische Behandlung von Panikstörung mit Agoraphobie durchgeführt. Sehr gute Ergebnisse konnten auch bei Ängsten in Bezug auf öffentliches Sprechen erzielt werden. Ebenfalls vielversprechend sind die Ergebnisse bei der Behandlung von Flugangst. Insgesamt scheinen diese Therapieformen äußerst erfolgversprechend und mit dem Erfolg einer herkömmlichen Behandlung durchaus vergleichbar.

Experiential Cognitive Therapy zur Therapie von Essstörungen

Ein besonderes Beispiel für den Einsatz von VR in psychologischen Interventionen stellt die sogenannte Experiential Cognitive Therapy (ECT) zur Behandlung von Essstörungen dar. Der vielversprechende Ansatz kombiniert einen ambulanten oder stationären Einsatz einer VR-Intervention von vier Wochen mit einer anschließenden 24-wöchigen Internet-basierten Behandlungsphase. In einer Untersuchung konnte sogar gezeigt werden, dass die Intervention mit den verschiedenen Medien effektiver war als der „traditionelle“ Ansatz mit kognitiver Verhaltenstherapie und Ernährungskursen. Diese und andere Ergebnisse sind äußerst vielversprechend und unterstützen solche innovativen Formen der Behandlung.

Online-Interventionen

Zu den Online-Interventionen werden alle Behandlungen gezählt, die via Internet erreichbar sind. Insgesamt gibt es zahlreiche internetbasierte Interventionsprogramme zu den unterschiedlichsten Problemen und Störungen. Behandlung von Depressionen und Traumata, Unterstützung bei der Gewichtskontrolle, Prävention von Gewichtsverlust und Gewichtszunahme oder auch Coaching bei chronischen Kopfschmerzen und Migräne. All das gibt es mittlerweile via Internet.

Online-Programme für medizinisches Personal sind ebenfalls eine neuere Entwicklung, eines davon soll beispielsweise Gesundheitsanbietern den Umgang mit HIV-infizierten Personen erleichtern.

Experten gehen davon aus, dass internetbasierte Interventionen für den Therapeuten zeitsparend sind, außerdem Wartelisten reduzieren, Fahrzeiten verringern und Personen erreichen, die sonst nicht so einfach eine Behandlung in Anspruch nehmen können. Daher wird das Internet in Zukunft eine immer größere Rolle im Rahmen von Interventionen bei Personen mit gesundheitlichen Problemen einnehmen. Ferner wurde festgestellt, dass sich durch internetbasierte Interventionen Annehmlichkeiten für die Benutzer steigern lassen (z. B. jederzeit und von zu Hause aus in die Therapie „einzusteigen“) und Kosten verringert werden. Weiters wird die Stigmatisierung reduziert und die Isolation mancher Benutzer verringert. Durch das selbstständige Aufsuchen dieser Interventionsmaßnahmen erhalten die Personen eine größere Eigenständigkeit und Kontrolle über die Intervention.

Von Dr. Birgit U. Stetina und Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Ärzte Woche 41 /2010

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