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Praxis 6. Oktober 2010

Gesundheit im Web

Neue Medien bieten zweifellos zahlreiche Vorteile. Wer informiert jedoch über unerwünschte Nebenwirkungen? Von health-seakern, virtuellen Gemeinschaften und problematischen, gesundheitsgefährdenden Angeboten.

In den letzten Jahren hat das Internet vor allem im Gesundheitssektor enorm an Bedeutung gewonnen: Bereits 80 Prozent der über 1,5 Milliarden Nutzer des World Wide Web wählen gezielt diesen Weg zur Informationssuche über Gesundheitsthemen.
Neben den zahlreichen Vorteilen, welche die neuen Medien ohne Zweifel bringen, müssen jedoch Risiken und Gefahren – vielleicht besser: „unerwünschte Nebeneffekte“ – dieser Technologien berücksichtigt werden. Nebenwirkungen fallen besonders bei fünf Themengebieten auf, welche sich durch die Anwendung neuer Medien ergeben, wobei jeweils eine beispielhafte Auswahl getroffen wurde, um die Gebiete näher zu erläutern:

1. Aspekte zweifelhafter (gesundheitsbezogener) Informationen,
2. Grenzen der professionellen Internetnutzung,
3. Problematische Aspekte virtueller Kontakte,
4. bedenkliche Aspekte virtueller Gemeinschaften und
5. Aspekte gesundheitsgefährdender und problematischer Online-Angebote.

Zweifelhafte Informationen

Informationssuchende gesundheitsinteressierte Internet-User, so- genannte „health seaker“ oder „e-Patienten“, sind einer Informationsflut durch den stetigen Zuwachs an gesundheitsbezogenen Angeboten ausgesetzt. Die gesundheitsrelevanten Themen werden aufgrund des Überangebots unübersichtlich. Umso mehr stellt die Qualitätssicherung – besonders im Bereich E-Health – einen der wichtigsten Punkte dar. Diese Thematik wurde im zweiten Teil der Serie mit dem Titel Vertrauen Sie dem Internet? ausführlich behandelt.

Professionelle Internetnutzung

Die Grenzen der professionellen Internetnutzung beschreiben die Bedeutung und mögliche Gefahren, welche der Einsatz des Internets birgt. Dabei geht es vor allem um die Grenzen von Konsultationen über weite Entfernungen mittels WebCam. Eine genaue Untersuchung und Behandlung ist in diesem Fall nur sehr eingeschränkt möglich. Mögliche damit verbundene Fragen sind: Ist eine Anamnese via E-Mail eine mögliche Arbeitserleichterung? Wie valide ist diese Anamnese?

Virtuelle Kontakte

Problematische Aspekte virtueller Kontakte sind ebenfalls anzuführen, wenn es um Besonderheiten der Internetnutzung geht, da Kontaktaufnahme im Cyberspace ebenfalls mit einem gewissen Risiko verbunden sein kann. Als Beispiele seien dafür das mittlerweile häufig angeführte Cyberstalking und auch das sogenannte Flaming genannt. Bei Flaming handelt sich um eine in feindlicher, boshafter Absicht verfasste schriftliche Beleidigung einer anderen Person oder Organisation im Internet über E-Mail, Blog oder Chat. Immer wieder kommt es vor, dass sich daraus in großen Foren mit weitem Leserkreis „Flame Wars“ ergeben, wobei jene Flamer, die sich am häufigsten und offensichtlich lustvollsten beteiligen, als Flamelords bezeichnet werden.

Virtuelle Gemeinschaften

Online Communities stellen einen Spezialfall der Online-Kontakte dar, die das Internet und seine weltweite Vernetzung widerspiegelt. Als Beispiel seien Pro-Ana (Pro Anorexia Nervosa, Magersucht als Lebensstil) und Pro-Mia (Pro Bulimia Nervosa, Ess-Brech-Sucht als Lebensstil) als kontrovers diskutierte Online-Bewegungen angeführt, die durch das Netz einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht haben. Von Anhängern wird starke Selbstkontrolle gepredigt und eine positive Einstellung gegenüber Essstörungen als Life-Style propagiert, wobei die Betrachtung als Pathologie abgelehnt wird.

Aspekte gesundheitsgefährdender Online-Angebote

Bereits der Kontakt mit einem neuen Medium wie dem Internet und damit die Möglichkeit des Eintauchens in eine Welt voller Informationen kann auf viele Menschen stimulierend bis berauschend wirken. Die Folge kann Euphorie sein, wenn sich jemand per Mausklick mit größeren Systemen verbindet. Alleine diese Tatsache beinhaltet natürlich durchaus das Potential des „ungesunden“, vielleicht auch pathologischen Internetgebrauchs, der Übergang von Gebrauch und flow („Aufgehen im Netz“) hin zu zwanghaftem und schädigendem Verhalten ist fließend.

Im Rahmen professioneller Internetnutzung kommen Wissen und durchaus auch Erfahrung in Zusammenhang mit allen fünf genannten „Schattenbereichen“ zum Tragen. Beispielsweise haben problematische Aspekte virtueller Kontakte wie Flaming oder Cyberstalking nicht nur virtuelle Auswirkungen, sondern können in „Real-Life-Probleme“ münden. Diese können zu schwerwiegenden Einschränkungen psychopathologischer Natur werden, sowohl auf Opfer- als auch auf Täterseite.

Erst das Bewusstmachen der Kehrseiten der „neuen Technologien“ hilft dabei, diese in Zukunft adäquater zu nutzen, Interventionsformen zu verbessern, Konsumenten und professionelle Betreiber zu schulen, rechtlich zu schützen sowie ethische Bedenken einzubeziehen.

Von Dr. Birgit U. Stetina und Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Ärzte Woche 40 /2010

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