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Praxis 28. September 2010

Der informierte Patient – eine Bedrohung?

Teil 3: Neue Medien verändern die Beziehung zwischen Professionisten und Patienten.

Vor fast zehn Jahren wurden bereits 58 Prozent der niedergelassenen Mediziner (Glasgower Studie) von ihren Patienten mit Gesundheitsinformationen aus dem Internet konfrontiert. Nur etwa 40 Prozent der niedergelassenen praktischen Ärzte empfanden es als positiv, wenn Patienten bereits Informationen aus dem Internet erhoben hatten.

 

Es ist zwar anzunehmen, dass es in den letzten zehn Jahren zu einer Einstellungsänderung gekommen ist, aber aktuelle Studien zeigen ebenso, dass Mediziner der Meinung sind, dass die Personen im Internet falsche Informationen erhalten und diese sie verwirren und seelisch belasten. Natürlich soll die Gefahr von möglicherweise falschen Selbstdiagnosen sowie Selbstbehandlungen keineswegs verharmlost werden. Allerdings interpretieren manche Ärzte das Verhalten dieser Patienten auch als Bedrohung und Infragestellung ihrer ärztlichen Kompetenzen. Sie empfinden Konsultationen mit Personen, die im Internet nach gesundheitsbezogenen Informationen gesucht haben, anstrengend und zeitraubend. Begründungen dafür liegen unter anderem darin, dass mit dem hohen Grad an Informiertheit der Patienten auch der Erwartungsdruck wächst, was vor allem für alteingesessene Mediziner, die erwarten, die Führungsrolle inne zu haben, ziemlich ungewohnt ist.

An diese veränderten Gegebenheiten müssen sich beide Seiten erst gewöhnen. Informierte Patienten sind aufwendiger, wollen aktiv an ihrer Behandlung teilnehmen und verlangen mehr Zeit, mehr Informationen und somit einen größeren Aufwand. Durch die steigende Informiertheit der Patienten steigt zudem der Argumentations- und im Weiteren der Fortbildungsdruck auf Personen in Gesundheitsberufen, was den Aufwand noch weiter erhöht.

US-amerikanische Studien zeigen, dass sich schon rund 50 Prozent der Patienten vor einem Arztbesuch online informieren. Da Menschen generell den einfachsten und raschesten Zugang wählen, um an Informationen zu kommen, werden diese aus dem Internet zuerst genutzt. Manche Personen verwenden sie dann weiter, um mit Professionisten darüber zu diskutieren. Oft sind Patienten der Meinung, nicht genug Information von Ärzten zu bekommen. Sie finden es auch schwierig, sich nach der Konsultation mit Ärzten an die verschiedenen und unbekannten Fachausdrücke und Bezeichnungen zu erinnern. Durch die Suche nach Gesundheitsinformationen im Internet fühlen sich viele Patienten ermutigt, aber auch beruhigt und wohler bei der Diskussion mit Professionisten.

Veränderung der Arzt-Patienten-Beziehung

Schon 2001 wurden erste Szenarien vorgeschlagen, wie sich die Arzt-Patienten-Beziehung im Internetzeitalter verändern könnte. Ärzte haben die Möglichkeit, die Ressourcen des Internets zu nützen und Patienten direkt zu Webseiten zu schicken, die ihnen nach Bedarf die nötigen Informationen liefern. Weiters können sich Patienten schon vor der Konsultation mit dem Professionisten im Internet informieren und auch in den Entscheidungsprozess miteingebunden werden. Dies erfordert allerdings von den Ärzten eine höhere Bereitschaft zur Diskussion über neue, innovative, alternative, aber auch „falsche“ Behandlungsmethoden mit den Patienten.

Verständlicherweise beurteilen sich Patienten durch den Informationsgewinn subjektiv „wissender“ und sind auch teilweise tatsächlich aufgeklärter. Die wachsende Machtkomponente auf Seiten der Patienten führt jedoch zu einer weiter gehenden Veränderung am Gesundheitssektor. Patienten werden zu kritischen Kunden, die ebenfalls nach einer Möglichkeit zur Qualitätskontrolle verlangen. Auch am Gesundheitssektor geht es um ein Leistungsangebot, verschiedene Anbieter und die Möglichkeit, zu vergleichen. Auf diversen Webseiten gibt es Checklisten und/oder auch die Möglichkeit, Professionisten zu beurteilen und damit an den Erfahrungen anderer Patienten teilzuhaben (z.B. http://www.meineaerzte.at). Inwieweit „rankings“ von Ärzten tatsächlich nachvollziehbaren Qualitätskriterien entsprechen, bleibt dahingestellt.

Diese Veränderungen sind für alle Gesundheitsberufe relevant, unabhängig davon, ob Einzelpersonen bereit sind, sich mit den neuen Möglichkeiten des Internets auseinanderzusetzen oder nicht. Viele hilfesuchende Personen suchen im Internet nach Antworten, wodurch eine Dynamik entsteht, die genauer betrachtet und analysiert werden muss. Dass dies auch zu Problemen führen kann, wird im nächsten Beitrag zu den Schattenseiten des Internets diskutiert werden.

Von Dr. Birgit U. Stetina und Prof. Dr. Ilse Kryspin-Exner, Ärzte Woche 39 /2010

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