zur Navigation zum Inhalt

Gesundheit und Neue Medien Psychologische Aspekte der Interaktion mit Informations- und Kommunikationstechnologien Stetina, Birgit / Kryspin-Exner, Ilse 336 Seiten, € 44,95 Verlag Springer Wien ISBN 9783211720141

 
Praxis 14. September 2010

Ist unsere Gesundheit nur einen Mausklick entfernt?

Teil 1: Vom Nutzen und den Tücken der Informationsflut im World Wide Web für Patient und Arzt.

Auch im Bereich Gesundheit hat das Internet in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Die richtige Nutzung bringt Vorteile.

 

Das Internet hat die menschliche Kommunikation sowie die Informationssuche revolutioniert. Auskünfte über Bahn- und Flugverbindungen, Online-Shopping und Online-Auktionen bis hin zu Bankgeschäften oder Partnerbörsen werden über dieses Medium abgewickelt. Immer häufiger finden sich Schlagzeilen wie „Die neuen Technologien werden immer wichtiger“ oder „Das Internet überholt die anderen Medien!“ Aktuell berichtete im März 2010 eine kanadische Agentur, dass die wöchentliche Internet-Nutzung das Fernsehen überholt hat.

Das Internet scheint also in unserer Welt und für unseren Lifestyle sehr wichtig. Weltweit nutzen fast zwei Milliarden Menschen das Internet, und zwar täglich! Gesundheitsthemen stehen dabei ganz oben auf der Interessensliste. Die meisten Nutzer (80%) suchen gezielt über das World Wide Web (WWW) – einem der wichtigsten Dienste des Internet neben dem E-Mail – nach Informationen zum breiten Feld Gesundheit („Health Seeker“). Damit gewann das Internet in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung für den Gesundheitssektor. Gesundheitsportale zählen zu den meistbesuchten Webseiten. Studien aus den USA zeigen, dass knapp drei Viertel aller Amerikaner online Informationen zu den Themen Krankheit/Gesundheit suchen, um gesundheitsbezogene Entscheidungen zu treffen. Diese Zahlen gelten auch für Europa. So recherchieren beispielsweise 86 Prozent der deutschen Internetnutzer ebenfalls online gesundheitsbezogene Informationen. Die 60+ Generation, so genannte „Silver Surfer“, ist die am stärksten wachsende Gruppe bei den Internet-Nutzern.

Spannungsfeld Internet – Arzt

Ist das Internet der neue „Arzt des Vertrauens“? Das Medium schafft Patienten, die sich über verschiedene Webseiten oder Informationsdienste informieren. Hier können auch unangenehme Fragen vollkommen anonym in sicherer häuslicher Atmosphäre gestellt werden. Neben Hinweisen und möglichen Bedeutungen von Symptomen wird auch gleich die gewünschte Therapieform heruntergeladen. Ärzte und andere Vertreter der Gesundheitsberufe sind dann gefragt, gezielte Antworten zu seriösen und/oder unseriösen Angeboten im Internet zu geben, mit denen sie sich unter Umständen noch gar nicht auseinandergesetzt haben. Manche Professionisten lehnen es strikt ab, sich mit Ergebnissen, die ihre Patienten im Netz recherchiert haben, zu befassen, andere wiederum nehmen es zum Anlass, sich vermehrt mit diesem Medium auseinanderzusetzen.

Es gibt vehemente Stimmen gegen diese Form der Informationsvermittlung; doch die neuen Technologien sind beinahe unumgängliche Realität! Es ist daher sinnvoll, sich damit zu beschäftigen und den potenziellen Nutzen für die Gesundheitsförderung und das Gesundheitsbewusstsein zu erkennen und gleichzeitig über mögliche Gefahren Bescheid zu wissen.

Richtige Nutzung bringt Vorteile

Das Zeitalter der Neuen Medien hat bereits vor Jahren begonnen. Langsam und individuell sehr unterschiedlich reagieren die akademischen Gesundheitsberufe auf die rasante Entwicklung der Cybertechnologien und haben es schwer, mit ihr Schritt zu halten.

Welche Bedeutung haben die Neuen Medien und Technologien für die Praxis und natürlich auch für die Forschung? Zuerst stellt sich die Frage, wie neu diese Neuen Medien eigentlich noch sind. Immerhin war der große Internet-Boom bereits vor 15 Jahren. Weiters sind Überlegungen anzustellen, wie denn mit den immer neu aufkommenden Informations- und Kommunikations-Technologien umzugehen ist und wie sie nutzbringend in die Praxis der Gesundheitsberufe einzubauen sind.

Diagnosen über WebCam, Nachbetreuung mittels SMS, Online-Registrierung von EKG und anderen Vitalparametern, Medikamente übers Internet – all das ist mancherorts schon tägliche Praxis. Auch die Professionisten, die dieses Medium ablehnen, können es nicht abschaffen, sie können lediglich versuchen, es zu ignorieren. Derartige Überlegungen waren der Anlass, uns in dem Buch Gesundheit und Neue Medien intensiver mit diesem Thema zu beschäftigen. Aktuelle Entwicklungen werden thematisiert und kritisch beleuchtet. In der immer wieder aufflammenden Diskussion zu dem Thema will das Buch vielseitig Informationen liefern und zur weiteren Auseinandersetzung mit den damit in Verbindung stehenden Fragen anregen.

Berührungspunkte

Vielfach geht es um Beziehungsänderung im Rahmen des Medieneinsatzes. Dabei ist dies in zweierlei Hinsicht zu betrachten: Einerseits ist die professionelle Beziehung zwischen Professionisten und Patienten zu sehen und andererseits die Tatsache, dass sich diese Beziehungen durch die Möglichkeiten des Internet grundlegend ändern. Vertreter der Medizin und anderer Gesundheitsberufe sind jeweils Experten in ihren Fächern, Patienten sind Experten über sich selbst (oder glauben zumindest es zu sein). Es kann durchaus fruchtbar sein, aus den Schilderungen der Rat suchenden Personen, was sie alles „im Netz“ gefunden haben, Hinweise abzuleiten, warum etwas nicht gewirkt hat, welche Wunschvorstellungen bestehen und auch welche subjektive Sicht sie auf Gesundheit und Krankheit haben. Ein zweiter Punkt beinhaltet den Informations- und Qualitätsaspekt gesundheitsbezogener Online-Informationen – Cyberdoc statt „Dr. House“?

Nicht zu vernachlässigen ist die ebenfalls von allen Seiten zu beleuchtende Schnittstelle der Online-Interventionen. Nicht alles, was technisch möglich ist, muss auch ethisch vertretbar sein. Welche „Nebenwirkungen“ ergeben sich und wie werden wir im Gesundheitssektor mit diesen „Nebenwirkungen“ der neuen Technologien umgehen? Welche Auswirkungen haben Online-Bewegungen, die Magersucht als Lebensstil preisen? Wie ist mit Heilmethoden umzugehen, die online hoch gelobt werden, für deren Wirkung aber jeder Nachweis fehlt? All dies sind Themen eines weiteren Berührungspunktes, der im beschriebenen Buch Gesundheit und Neue Medien analysiert wird.

Häufig zweifelhafte Herkunft der Information

Bei aller Begeisterung für die positiven Seiten, die uns das Internet zu Gesundheitsthemen bietet, wie den nahezu unerschöpflichen Vorrat an Informationen, die Möglichkeiten zur Gesundheitsförderung und die Transparenz gesundheitsrelevanter Inhalte, müssen noch weitere negative Aspekte betrachtet werden.

Viele abrufbare Inhalte sind zweifelhafter Herkunft, die Aufmachung der Websites verleitet dazu, etwas als seriös einzustufen, was es gar nicht ist. Die Informationsflut im Netz ist unüberschaubar, die Wege der Selektion von Auskünften und Hinweisen sind unendlich, individuell unterschiedlich und sehr subjektiv. Woher wissen Suchende, dass die gefundenen Informationen überhaupt ihre Richtigkeit haben? Welche Möglichkeiten der Qualitätskontrolle gesundheitsrelevanter Inhalte gibt es? Diesen Fragen wird bereits seit geraumer Zeit nachgegangen. Jede einzelne falsche Information im Internet kann soziale, finanzielle und/oder persönliche negative Folgen haben.

Irreführende Gesundheitsinformationen können nicht nur gesundheitsgefährdend sein, sondern auch über Leben und Tod entscheiden! Ein wichtiger Aspekt ist hierbei, in welchem Zusammenhang Informationen stehen. Wird das inhaltliche Gefüge zerrissen, kommt es zu einseitigen bis fehlleitenden Informationen, die gesundheitsgefährdend sein können. Die verschiedenen Möglichkeiten der Qualitätssicherung von Gesundheitsinformationen werden aus diesen Gründen daher im kommenden Beitrag betrachtet.

In den nächsten Ausgaben erwarten Sie Beiträge zu den Themen Online-Information: Qualitätssicherung gesundheitsbezogener Online-Inhalte, Änderungen in der professionellen Beziehung im Zeitalter der Neuen Medien, Schattenseiten des Internet und zum Abschluss ein Kurzbericht zu Online-Interventionen und virtueller Realität in der Behandlung.

Von Birgit Stetina und Ilse Kryspin-Exner, Ärzte Woche 37 /2010

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben