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Praxis 16. Jänner 2009

Echte Ärzte können schweigen

Wann ist ein Mediziner wirklich authentisch?

Die Sehnsucht der Menschen nach Authentizität wächst unaufhaltsam. So wollen Patienten keine gespielte Empathie, sondern „echte“ Ärzte. Zur Authentizität zählt aber auch, zuhören zu können und Versprechen zu halten. Zu häufig wird Kranken ein Ziel vorgegaukelt, das gar nicht erreicht werden kann.

 

Je häufiger Lügen und falsche Versprechungen aufgedeckt werden, umso skeptischer werden die Verbraucher. Das Vertrauen in die herkömmlichen Informationskanäle, wie etwa in Werbung, Broschüren, ja sogar in abgedruckte Erfahrungsberichte von Probanden, sinkt zusehends. Zu viele erfundene Geschichten wurden als solche entlarvt, auch in der Medizin. Damit besteht aber auch das ehemals titanische Vertrauen der Patienten in das Wort des Arztes nicht mehr. So holt sich heute ein emanzipierter Patient, der früher das Urteilsvermögen eines Arztes nie in Frage gestellt hätte, immer öfter – bei komplexeren Behandlungsentscheidungen fast standardmäßig – Zweit- und Drittmeinungen ein. Er will eine ehrliche und glaubwürdige Meinung. Für Ärzte bedeutet diese Sehnsucht nach Authentizität zusätzlich Druck. Denn es geht hierbei nicht „nur“ um ein antrainiertes oder aufgesetztes „Nettsein“, sondern um das Kommunizieren von Glaubwürdigkeit.

Patienten wollen keine Beratung von der Stange!

Diese Sehnsucht der Gesellschaft nach Authentizität ist keineswegs nur ein kurzfristiger Trend, sondern Ausdruck der soziokulturellen Entwicklung: Je mehr die Welt inszeniert wird, desto stärker entscheiden Menschen auf Basis ihrer realen Wahrnehmung, das meinen auch Gilmore und Pine, Autoren des Bestsellers Authenticity. Neue Erkenntnisse zeigen, dass für Entscheidungen, bei denen früher Informationsmaterialien oder Berichte von Freunden und Familie ausgereicht haben, heute eigene Erfahrungen und Einschätzungen die größte Relevanz haben.

Die Sehnsucht der Fernseher

Experten sprechen in diesem Zusammenhang gar von einer „Fetischisierung des real thing“: Die Sehnsucht der Kunden nach Authentizität wächst in allen Lebensbereichen! Zu einem großen Teil hänge diese Entwicklung mit der Sehnsucht einer ganzen Generation von „Screenagers“ nach Orientierung zusammen. Menschen, die Wirklichkeit vor allem an den Bildschirmen ihrer Fernseher, Computer und Mobiltelefone erleben, sehnen sich zunehmend nach einer fassbaren Welt.

In der Sehnsucht nach einer echten Welt liegt auch den Grund, warum Kampagnen wie die von der Unilever-Kosmetikfirma Dove mit „echten Frauen“ bei der Bevölkerung so gut ankommen: Unilever wählte für den Spot bewusst alltägliche Frauen und keine Fotomodels. Das empfanden die Zuseher als authentisch – und zeigten sich begeistert.

Keine leeren Versprechungen

„Auf Personen angewendet bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt“, kann in Wikipedia nachgelesen werden. Folglich empfinden Patienten jene Ärzte authentischer, die offen und eindeutig das ausdrücken, was sie für richtig halten. Es sind diejenigen, die das Bedürfnis, populär sein zu wollen, überwinden, indem sie etwa nur Behandlungsergebnisse in Aussicht stellen, die auch erreichbar sind. Und zwar unabhängig davon, welche Erfolge etwa ein Kollege dem Patienten mit denselben Behandlungsmethoden zugesagt hat. Früher oder später findet der Patient ohnehin heraus, wer ihm nicht einhaltbare Ergebnisse zugesichert hat.

Engagiert schweigen

Patienten stufen auch jene Ärzte als vertrauenswürdig ein, die aufmerksam zuhören können. Jemand, der die Kunst beherrscht, sich auf das Problem der Patienten bis zum Schluss zu konzentrieren, dessen Diagnose stufen sie als wahrhaftig ein. Denn: „Wer nicht das ganze Problem kennt, kann auch keine ganzen Lösungen bieten“, glauben die meisten Patienten. Doch geht es dabei keineswegs darum, dass ein Arzt nur dasitzt und schweigt. Nein, er ist überzeugender, wenn er dem Patienten zugewandt sitzt, nebenher keine anderen Tätigkeiten verrichtet, den Augenkontakt aufrecht erhält und ihm hie und da etwa durch ein Nicken zu verstehen gibt, dass er ihm folgt.

Authentisch auf Patienten wirkt auch ein Mediziner, dem es gelingt, seinen Patienten das Gefühl zu vermitteln, dass er sie individuell berät: Wenn ein Arzt etwa nicht einmal den Namen seines Patienten kennt und sich auch nicht die Mühe macht, vor der Begrüßung seinen Namen von der Kartei abzulesen oder in den wenigen Minuten bis zur Verabschiedung diesen bereits wieder vergessen hat, ist er aus der Sicht der Hilfesuchenden auch kein Arzt, dem ein Hilfesuchender als Mensch wichtig ist. Dabei legen Patienten gerade heute sehr viel Wert darauf, als ein Individuum wahrgenommen und behandelt zu werden. Sie wollen keine Beratung von der Stange, sondern eben maßgeschneidert.

Spaß muss sein

Ärztinnen und Ärzte, die echte Freude an ihrem Beruf haben und diese auch ihren Patienten vermitteln, erwecken desgleichen Vertrauen. Erzählt der Arzt mit Begeisterung von den neuesten Erkenntnissen in seinem Fach oder zeigt er Interesse an seinen Patienten, an ihren Angehörigen und/oder ihrem Beruf, vermittelt er gleichzeitig, dass ihm sein Beruf Freude macht. Jemand, der Freude an seiner Tätigkeit hat, dem schreibt man mehr Fachkompetenzen zu: „Er muss es ja wissen, wenn er sich so gerne damit beschäftigt“, so die landläufige Meinung.

Alleswisser wirken suspekt

Dennoch muss der Arzt kein Alleskönner sein: Einzugestehen, dass man nicht in allem perfekt ist, macht durchaus glaubwürdiger. Dass ein Arzt in seinem Fach Experte ist, das setzt der Patient ohnehin voraus. Doch gibt er Patienten gegenüber im Gespräch etwa zu, dass sein Wissen in fachfremden Bereichen wie z.B. Börsengeschäften, Kunstauktionen etc. laienhaft ist, macht ihn das nur sympathischer und vor allem auch authentischer. Denn dass jemand in allem eine Koryphäe ist, glaubt ohnehin niemand. Dies verkaufen zu wollen, lässt einen nur unseriös erscheinen.

Vor allem heute, in einer Welt voller Inszenierungen, suchen Patienten Ärzte, die das sind, was sie zu sein scheinen: Sie geben Patienten Halt sowie Orientierung, erwecken Vertrauen – und sind einfach authentisch. Damit wird Authentizität zu einer neuen Form von Luxus – und „echte Ärzte“ das Inbild dazu!

Von Dr. Veenu A. Scheiderbauer, Ärzte Woche

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